Die Große und Heilige Woche

 

Die Große und Heilige Woche

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Der Gottesdienst in der Osternacht, dem Fest der Feste ist der Höhepunkt der vorausgegangenen fünfzigtägigen Großen Fastenzeit. Nach dem Lazarus-Samstag und dem darauf folgenden Sonntag der Palmen (Einzug des HERRN in Jerusalem) folgt mit der Karwoche (Μεγάλη Εβδομάδα oder auch Εβδομάδα των Παθών) das Gedächtnis des Leidens und Sterbens  unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus. Die Karwoche wird in der orthodoxen liturgischen Sprache „Heilige und Große Woche“ oder „Leidenswoche“ genannt. Sie beginnt bereits am Abend des Palmsonntags, wenn wir mit dem Vespergottesdienst der Großen und Heiligen Montag beginnen.

 

In den Gesängen dieser Vesper hören wir bereits: „Heute hat uns die Gnade des Heiligen Geistes versammelt. Und wir alle erheben Dein Kreuz und sprechen: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!“

 

Mit diesem Vespergottesdienst treten wir nun endgültig in die Große und Heilige Woche und damit in das Gedächtnis des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus ein. Sie mündet in die Osternacht in der wir die lebensspendende Auferstehung unseres Herrn und Erlösers und Gottes Jesus Christus voll Freude verkünden werden.

      

Zu Beginn der Großen und Heiligen Woche lassen uns die biblischen Lesungen auf die Typoi, die alttestamentlichen Vorbilder Christi schauen. So wir uns unter anderen das Beispiel des Stammvaters Joseph vor Augen gestellt, der von seinen neidischen Brüdern nach Ägypten verkauft und erniedrigt wurde, dann aber am Ende durch Gott verherrlicht wird. 

 

 

 

In den Morgengottesdiensten (Orthros/ Utrenija) von Montag bis Mittwoch der Karwoche ergeht an uns noch einmal der eindringliche Ruf zur Umkehr. Es werden uns die Gerichtsreden Jesu und Seine von der Wiederkunft zum Jüngsten Gericht handelnden Gleichnisse zum Überdenken vorgelegt.

 

Beim Morgengottesdienst am Montag, Dienstag und Mittwoch der Karwoche  folgt daher auf das große Fasten-Alleluja der Gesang:

 

„Siehe, der Bräutigam kommt in der Mitte der Nacht, und selig der Knecht, den er wachend findet. Sieh zu, meine Seele, dass du nicht dem Schlaf verfällst, damit du nicht dem Tode übergeben und vom Reich ausgeschlossen wirst. Nein, sei nüchtern und rufe: Heilig, heilig, heilig bist Du, unser Gott“.

 

Die Morgengottesdienste vom Palmsonntagabend bis zum Mittwoch werden wegen dieses Gesangs auch „Ordnung des Bräutigams“ (griechisch = „Nymphios“) genannt. Im denn im Mittelpunkt der Lesungen, Hymnen und Gebete dieser Tage steht die glorreiche Wiederkunft Christi als Bräutigam der Kirche. 

 

 

Der Morgengottesdienst klingt aus im ergreifenden Gesang des  Exapostilarions: „Dein Brautgemach sehe ich geschmückt, o mein Heiland, doch habe ich kein Kleid, um einzutreten. So mach leuchtend das Kleid meiner Seele, Spender des Lichtes, und errette mich“.  Zum Gesang des Exapostilarions werden dann im Altarraum alle Lichter entzündet und die Königlichen Türen des Ikonostas werden geöffnet, damit jeder ins Heiligtum blicken kann.

 

Am Heiligen und Großen Dienstag mahnt uns die Kirche im Gleichnis „von den Jungfrauen“ und „von den anvertrauten Talenten“ zur Wachsamkeit.

 

Am Großen und Heiligen Mittwoch gedenkt die Heilige Kirche der Sünderin, die Salböl auf das Haupt des Erlösers goss. Gleichzeitig erinnert sie uns aber auch an den geldgierigen Judas, den seine Habsucht zum Verrat an Christus verleitete.

 

Im Gesang: „Die Buhlerin trat zu Dir hin, gießt unter Tränen über Deine Füße die Narde, Menschenfreund. Auf Dein Geheiß wird sie befreit von dem üblen Geruch der Sünden. Der Deine Liebe atmende Jünger trennt sich lieblos von der Liebe, vereint sich mit dem Schmutze der Geldgier, übt Verrat an Dir. Ehre sei, Christus, Deinem Erbarmen.“

 

Zwei Bild für die menschliche Entscheidungsfreiheit: Welcher von beiden werden wir folgen?

 

Am Mittwoch wird  in der orthodoxen Kirche auch das Sakrament der Ölsalbung (Ευχέλαιον) gefeiert. Diese besondere Krankensalbung kann an diesem Tage von allen orthodoxen Gläubigen, unabhängig davon ob sie an einer leiblichen oder psychischen Krankheit leiden empfangen werden. Der Grund dafür ist, dass die orthodoxe Kirche die Sündenverhaftung des Menschen und seine daraus erwachsenden Leidenschaften als eine Krankheit der Seele begreift. Das besondereCharakteristikum dieses Sakramentsgottesdienstes sind die sieben Epistel-Lesungen, sieben Evangeliums-Lesungen und sieben Absolutionsgebete. Am Ende des Gottesdienstes werden die Gläubigen durch die anwesenden Priester mit dem geheiligten Öl des Heiles gesalbt.

 

 

Der Große und Heilige Donnerstag ist dem Gedächtnis an die Einsetzung der Heiligen Kommunion gewidmet. Außerdem gedenkt die Heilige Kirche an diesem Tage der Fußwaschung, des Priesterlichen und Hohen Gebets Jesu und auch des Verrates Christi durch Judas Iskarioth.

 

Nach dem Sonnenuntergang am Großen und Heiligen Donnerstags wird bereits der Morgengottesdienst des Großen und Heiligen Freitag vollzogen. Der liturgische Ablauf dieser gottesdienstliche Feier geht auf die altkirchliche Jerusalemer Liturgietradition zurück. Hier umfasste das Gedächtnis der Leiden und des Sterbens des Herrn drei Teile:

 

1.      Den nächtlichen Prozessionsgottesdienst mit Gesängen, Lesungen und Gebeten. Die Prozession führte von der Ölbergkirche über anderen Heiligtümer im Öl durch das Kedrontal in die Stadt und endete schließlich in der Grabeskirche.

 

2.                  Die Verehrung der Kreuzreliquie.

 

3.                  Die eigentliche Matutin (Morgengottesdienst) mit den 12 Evangeliumslesungen am Ort der Kreuzigung.

 

Nach der Lesung der Passion aus dem Matthäusevangelium trägt dann der Priester das großes Altarkreuz um den Altar und zeigt es vor den königlichen Türen stehend den Gläubigen. Dabei singt er:

 

„Heute hängt am Kreuz, der auf Wassern schweben lässt die Erde. Mit einem Kranz aus Dornen wird umwunden der König der Engel. Zum Spott wird mit einem Purpur umhüllt, der den Himmel umhüllt mit Wolken. Schläge erhält, der im Jordan den Adam befreit. Mit Nägeln ward angeheftet der Kirche Bräutigam. Mit einer Lanze ward durchbohrt der Sohn der Jungfrau. Wir verehren, o Christe, Deine Leiden. Zeige uns auch Deine herrliche Auferstehung“

 

Die Gläubigen wiederholen dann diesen Gesang. Der Priester stellt dabei das Kreuz gegen Westen gerichtet in der Mitte der Kirche auf. Dann verehrt er es in Demut mit drei Großen Metanien und küsst es. Seinem Beispiel folgen dann auch die Gläubigen.

 

Das Kreuz wird dann von den Gläubigen liebevoll mit Blumen und Blumenkränzen geschmückt. Denn die Gottesdienstbesucher verehren in der Ikone des Heiligen Kreuzes den gekreuzigten Christus Selbst.

 

Vor allem in Griechenland verharren nach dem Ende des Gottesdienstes viele Gläubige (meist die Frauen, die im Laufe des vergangenen Jahres einen Angehörigen verloren haben und deshalb noch trauern) die ganze Nacht über in der Kirche und halten so Wache beim verstorbenen Christus. Dabei singen sie die liturgische Beerdigungsgesänge des Parastas.

 

 

Mit dem Abendgottesdienst des Großen und Heiligen Freitags beginnt die Grablegung des Herrn. Dieser Gottesdienst leitet bereits liturgisch hinüber zum Großen und Heiligen Sabbat, dem Tag der Grabesruhe Christi. Die Gesänge und Gebete sind von der Trauer um den Tod des HERRN geprägt. Noch einmal erinnert uns die Heilige Kirche an die Leiden des Herrn. In den Hymnen erinnert sie uns an das Gute, das ER getan hat und an die maßlose Bosheit, die ER dafür empfangen hat:

 

„Ein furchtbares, unfassbares Geheimnis wird heute gefeiert und geschaut. Der Unberührbare wird überwunden.“ ... „Dem Grabe wird übergeben der Vernichter des Hades. Der Du alles aus Liebe erträgst und alle vom Fluche erlösest, geduldiger Herr, Ehre sei Dir!“

 

 

Als liturgisches Verbindungselement zwischen der Feier der Passion und der Grablegung in der Vesper kennt die griechische Kirche bis heute die Zeremonie der Kreuzesabnahme (griechisch = apokathelosis). Sie findet im Rahmen des Vespergottesdienstes am Freitagnachmittag statt. Während der Lesung des Evangeliums (Matthäus 27: 57-62) tritt dann der Zelebrant in einer feierlichen Prozession mit den Altardienern aus dem Altarraum in die Mitte der Kirche ein. Nach einer dreimaligen Großen Metanie nimmt er die Ikone des gekreuzigten Christus vom Kreuz herab, umhüllt sie mit einem weißen Leinentuch und trägt sie andächtig in den Altarraum hinter den Altar, wo er bis zum Ende der Osterzeit verbleibt.

 

 

Anstelle des Kreuzes, das nun in den Altarraum zurückgebracht wird, wird das Grab Christi in die Mitte der Kirche gestellt.

 

Am Ende des Vespergottesdienstes wird nun die Grablegung vollzogen. In einer feierlichen Prozession wird das Grabtuch Christi, der Epitaphios, von den Priestern vom Altar in die Mitte der Kirche getragen. Hier wird der Epitaphios (επιτάφιος = griechisch aus epi = auf und tafos = Grab - ein Tuch aus roter Seide oder Samt, auf das mit Goldfäden die Grablegung des tot daliegenden Christus aufgestickt ist. (Im Russischen wird der Epitaphios Плащаница, wörtlich "Beweinungstuch" genannt)) nun in das Heilige Grab gelegt. Nun werden Blumen und duftende Öle auf den Epitaphios gelegt und zuerst die Priester und dann auch alle Gläubigen treten zur Verehrung heran.

 

Vor der Grablegungsprozession liegt der Epitaphios auf dem Altar.
Vor der Grablegungsprozession liegt der Epitaphios auf dem Altar.
Prozession mit dem Epitaphios in Griechenland.
Prozession mit dem Epitaphios in Griechenland.
Prozession mit der Plaschinitza in Russland.
Prozession mit der Plaschinitza in Russland.
Heiliges Grab in Rostov-Velikij am Don.
Heiliges Grab in Rostov-Velikij am Don.
Heiliges Grab in Griechenland.
Heiliges Grab in Griechenland.
Während das Österliche Hl. Grab in der griech. Tradition mit seiner Baldachin-Kuppel die gesamte Grabkapelle in der Anastasis in Jerusalem darstellt, bildet das Heilige Grab in der russ. Tradition die eigentliche Innenkapelle (Ort der Grablegung) ab.
Während das Österliche Hl. Grab in der griech. Tradition mit seiner Baldachin-Kuppel die gesamte Grabkapelle in der Anastasis in Jerusalem darstellt, bildet das Heilige Grab in der russ. Tradition die eigentliche Innenkapelle (Ort der Grablegung) ab.
Heiliges Grab gestaltet nach der serbischen Tradition (Eparchie von Raška und Prizren / Kosovo-Metohija).
Heiliges Grab gestaltet nach der serbischen Tradition (Eparchie von Raška und Prizren / Kosovo-Metohija).

 

Noch am Abend des Großen und Heiligen Freitags setzt sich mit der Komplet, in der der Kanon der Beweinung durch die Allheilige Gottesgebärerin gelesen wird, das Gedenken an das Begräbnis Christi und Seines Abstieg in den Hades, das Reich des Todes fort. Dieser Beweinungshymnus wird in Griechenland an vielen Orten nicht nur von den Kirchensängern, sondern von allen Gläubigen gemeinsam gesungen. Nach dem Hymnus wird der Epitaphios (in Griechenland vielfach mit dem ganzen Heiligen Grab) in einer Prozession um die Kirche oder oft sogar durch die Straßen getragen.

 

 

Während der Prozession tragen die Gläubigen angezündete meist rote Kerzen (vom Palmsonntagabend bis zur Auferstehungsfeier in der Nacht zum Sonntag werden gewöhnlich keine weißen Kerzen angezündet), singen dabei wieder und wieder die Grabeslieder.

 

Bereits am Samstagvormittag (griechisch: Ἡ Πρώτη Ἀνάστασις) wird die Vesper des Großen und Heiligen Sabbat gefeiert. Nach der Psalmlesung folgen die Lesungen aus dem alten Testament.

 

Sie beginnen mit:

 

Genesis 1: 1-13: Ostern ist angebrochen = es werde Licht.

Jesaja 60: 1-16: Lichtfülle ist über Jerusalem gekommen.

Ferner folgen Lesungen, die schon die Ostergnaden zeigen:

Weisheit 3: 8-15: die Vergöttlichung der erlösten Welt.

Jesaja 61: 10 - 62, 5: Osterherrlichkeit Christi.

Jeremija 31: 31-34: Ostern ist gekommen, der Neue Bund ist geschlossen.

 

An diese alttestamentlichen Lesungen fügt sich das „Alle Werke preiset den Herrn“, womit der gesamte Kosmos aufgefordert wird, Christus den Sieger über den Tod den zu preisen. An den Texten  dieses Gottesdienstes erkennt man, dass bevor im achten Jahrhundert  die heutige nächtliche Auferstehungsfeier eingeführt wurde, dieser Gottesdienst die nächtliche Feier der Auferstehung bildete. In der Osternacht wurden in altkirchlicher Zeit auch die Katechumenen getauft. Daran erinnert bis heute der Gesang, der an den altkirchlichen Tauftagen anstelle des „Heiliger Gott“ dann in der nächtlichen Osterliturgie gesungen wird:

 

„Alle, die ihr auf Christus seid getauft, ihr habt Christus angezogen. Alleluija.“

 

In der Apostellesung wir verkündet: „ Wir alle, die wir auf Christus getauft wurden, sind auf Seinen Tod getauft. ... Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit Christus leben.“ (Römer 6: 3-11).

 

In der alten Osternachsfeier vollzog sich nun die Verkündigung der Auferstehung. Sie wird eingeleitet durch den feierlichen Gesang: „Steh auf, o Herr, richte die Erde, erben wirst Du unter allen Völkern.“

 

 

Die Priester ziehen während dieses Gesangs die schwarzen oder violett-roten liturgischen Gewänder aus und legen die weißen Gewänder der Osterfreude an, denn das Osterfest ist nun angebrochen. Nach griechischem Brauch streut der Priester jetzt von der Solea aus Lorbeerblätter über die Gemeinde zum Zeichen des Sieges Christi über den Tod. Die Gläubigen nehmen sie später mit nach Hause und bewahren sie in der Ikonenecke über das kommende Jahr hin auf. Auch alle schwarzen Paramente im Kirchenschiff wurden gegen weiße ausgetauscht, so dass das Gotteshaus bereits in österlichem Weiß hell aufstrahlt.

 

 

Der Diakon verliest die Auferstehungsbotschaft (Matthäus 28: 1-20). Damit ist die Feier der Großen und Heiligen Woche beendet. Deshalb werden nach dem Gebet vor dem Ambon in der Folgenden Basilius-Liturgie Brot und Wein gesegnet und nach der Verteilung des Antidoron an die Gläubigen zum Fastenbrechen ausgeteilt. Jedoch werden vor dem Ende der mitternächtlichen Auferstehungsfeier weiterhin nur Fastenspeisen gegessen.

 

 

O siehe, der Bräutigam kommt mitten in der Nacht und selig der Diener, den er wachend findet, unwürdig dagegen, den er träge findet. Sieh’ nun, o du Seele mein, dass du nicht dem Schlaf verfällst, damit du dem Tod nicht übergeben wirst und ausgeschlossen aus dem Reich, sondern sei nüchtern und rufe: Heilig, heilig, heilig bist Du, unser Gott, um der Gottesgebärerin willen, erbarme Dich unser.

 

Troparion der Großen und Heiligen Woche im 8. Ton 

 

 

O siehe, der Bräutigam kommt...“ - Über die ersten drei Tage in der Großen und Heiligen Woche

 

von Diakon Dr. John Chryssavgis

Holy Cross School of Theology Boston

 

Am Abend des Palm-Sonntags haben wir den Orthros vom Großen Montag gefeiert und damit haben wir die Reise durch die Große Woche begonnen. Die drei Tage, die die „Große Woche“ eröffnen, werden „Heiliger“ oder „Großer“ Montag, Dienstag und Mittwoch genannt; und sie sind genau deswegen „groß“, weil jeder Tag uns etwas über uns selbst und über Gott in unserem Leben in Symbolen lehrt. Die meisten Leute wissen was am Großen Donnerstag, Freitag und Samstag geschieht, aber die ersten drei Tage sind die am wenigsten bekannten – ich meine es ist schon schwer genug drei Tage hintereinander in die Kirche zu gehen. Und doch sind sie theologisch bedeutsam.

 

Strukturell oder liturgisch haben wir immer noch „Fastenzeitstimmung“ – die Melodien gehören noch zu ihr: zu Beginn singen wir „Alliluja“, und während dieser Tage hören wir das Gebet des Heiligen Ephraim, „Herr und Gebieter meines Lebens ...“, welches das Gebet der Fastenzeit ist.

 

.

 

Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist des Müßigganges, des Kleinmuts, der Herrschsucht und unnützer Worte gib mir nicht! 


Gib hingegen mir, Deinem Knecht, den Geist der Keuschheit, Demut, Geduld und Liebe! 


Ja, Herr, mein König, lass mich meine Fehler erkennen und nicht richten meinen Bruder und meine Schwestert, Denn gesegnet bist Du von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

 

Also sind diese Tage, oberflächlich betrachtet, wie eine Fortführung der Großen Fastenzeit. Wir sind noch in Fastenstimmung. Aber das ist nicht alles; diese Tage bilden einen selbstständigen Zyklus mit der Offenbarung des Eschaton (ἔσχᾰτον =  Anbruch der mit der Wiederkunft Christi verbundenen Ewigkeit) als gemeinsames Thema. Das Christentum ist die Religion des Endes – nicht des Endes als Katastrophe. Über die Zeit der Wiederkehr Christi wissen wir nichts! Es ist ein Ende, dessen Inhalt nicht zeitlich zu sehen ist, sondern qualitativ. Man ist sich einig, dass die Menschwerdung Christi, sein Tod und seine Auferstehung entscheidende Ereignisse für unser Heil sind und dass unser Leben nun eine Erwartung des bereits begonnenen Endes, des schon verwirklichten Reiches Gottes ist. Obwohl wir das als selbstständig denkende Menschen vielleicht ablehnen, verkündet die Kirche, dass Christus uns erlöst hat. Und obwohl wir vielleicht unseren Tod beklagen, verkündet die Kirche den Tod des Todes. Deshalb ist der Große Freitag, für uns, keine Trauerfeier, noch ist Ostern ein ästhetischer Ausdruck von Freude: wir leben täglich die Tragödie vom Großen Freitag und den Ostersonntag, von Leben und Tod, Christi Sieg über den Tod und unsere Erwartung Seines „Reiches, das kein Ende hat“

 

Die Kirche lebt in dieser geheimnisvollen Zeit zwischen Schöpfung und dem Ende. Der gemeinsame Hymnus dieser drei Tage: „O sieh’, der Bräutigam kommt mitten in der Nacht...“, fasst das Hauptthema der Feier zusammen. Für uns ist „mitten in der Nacht“ symbolisch – deshalb feiern wir den Orthros am Abend; in der frühen Kirche hielten sie eine Vigil – d.h. sie blieben die ganze Nacht wach. „O sieh’, der Bräutigam kommt mitten in der Nacht...“ – wir wissen nicht, wann Christus kommen wird, aber Er wird um Mitternacht kommen; wo das Leben zu Ende geht, um null Uhr. Das liturgische Leben der Kirche ist genau dieses „Warten“ auf Christus. Dieses „Warten“ ist die neue Dimension des Christentums! Unser Leben ist ein Warten, eine Erwartung und fortwährende Wachsamkeit. Denkt an die Worte des Hl. Andreas von Kreta, die während der Fastenzeit (am Ende der 6. Ode) gelesen werden: „Meine Seele, meine Seele, steh’ auf, warum schläfst du? Das Ende nahet und du wirst betrübt werden; erwache daher, auf dass deiner schone Christus, Gott, der Allgegenwärtige und Alleserfüllende.“

 

 

as ist der freudvolle Aspekt des Christentums. „Ich schlafe, aber meine Seele wacht“. Diese Sicht ist wichtig für das Verständnis des Mönchtums und der langen Gottesdienste unserer Kirche. Unser fortwährendes Gebet sind ... die letzten Worte der Offenbarung des Johannes: „Komm, Herr Jesus“. Unsere nieendende Anrufung ist: „Dein Reich komme“.

 

Deshalb benützt unsere Kirche auch so oft das Bild der Braut und des Hochzeitsmahls. Christus als der Bräutigam kommt und nimmt uns in Sein Brautgemach; der inkarnierte Gott nimmt uns in Sein Grab ... So wird am Ostersonntag um Mitternacht, wenn sich die Königlichen Türen öffnen, das Wesen des Reiches Gottes offenkundig und wir singen. „Heute ist alles mit Licht erfüllt...“

 

Quelle: : www.goarch.org/en/special/lent/lenten_2002, deutsch: Andreasbote 2004

 

 

Der Samstag des heiligen und gerechten Lazarus,

des Freundes Christi 

 

Am Samstag vor der Großen und Heiligen Woche gedenkt die Orthodoxe Kirche mit einem ihrer großen Feste des Jahres des Wunders unseres Herrn und Erretters Jesus Christus, als er Lazarus von den Toten auferweckte, nachdem dieser bereits vier Tage im Grabe gelegen war. Hier, am Ende der Großen vierzigtägigen Fastenzeit und der Buße, verbindet die Kirche diese Gedächtnisfeier mit der Feier des Sonntag der Palmen. In jubelnder Freude bezeugt die Kirche die Macht Christi über den Tod und preist Ihn als König, bevor sie in die feierlichste Woche des Jahres eintritt, die die Gläubigen zum Gedenken an Sein Leiden und Seinen Tod führt und die mit dem großen und herrlichen Fest Seiner Auferstehung endet. 

 

Die Ikone vom Lazarus-Samstag zeigt Christus wie Er Seinen Freund auffordert aus dem Grab zu kommen. Lazarus kommt heraus, noch eingewickelt in die Bänder seines Grabkleides. Seine Schwestern, Maria und Martha fallen vor Christus nieder, in Sorge um den Tod ihres Bruders, aber auch im Glauben an Christus, den Messias und Sohn Gottes. Bei ihnen steht ein Mann, der der Bitte unseres Herrn gefolgt war und den Stein vom Eingang des Grabes entfernt hatte. Ein Anderer aus der Menge, die Christus gefolgt war, ist Zeuge des Wunders. 

 

In der Mitte der Ikone wird ein Mann gezeigt, der die Menge symbolisiert, die Zeuge des Wunders war. Einige glaubten, andere gingen hin und berichteten es den Pharisäern und Hohenpriestern, die ihre Intrige weiterspannen, um die Festnahme Christi und Seinen Tod zu veranlassen. Die Mauern der Stadt Jerusalem, in der Christus am nächsten Tage Seinen triumphalen Einzug halten wird, sind im Hintergrund dargestellt. 

 

Bei der Göttlichen Liturgie des Lazarus-Samstags ersetzt der Taufvers aus dem Galaterbrief: „Die auf Christus ihr seid getauft, ihr habt Christus angezogen“ den Dreimalheilig-Hymnus (Trisagion) und weist damit auf den Auferstehungscharakter der Feier hin und darauf, dass der LazarusSamstag einmal einer der großen Tauftage im orthodoxen Kirchenjahr war. 

 

Quelle:http://lent.goarch.org/saturday_of_lazarus/learn.

Übersetzt aus dem Englischen von G. Wolf

hier: Andreasbote 2009

 

 

Über die Auferweckung des Lazarus

 

In den Evangelien haben die Ereignisse, die der Passion Christi vorausgehen, einen doppelten Sinn: Einerseits kündigen sie diese Passion an und bereiten sie vor, andererseits offenbaren sie die Herrlichkeit und die Allmacht des Herrn, um offensichtlich zu machen, dass Er Seine Passion freiwillig auf sich nimmt. Es gibt wie eine ansteigende Bewegung eine dramatische Spannung, die in der Kreuzigung gipfelt und in die Freude über Seine Auferstehung ausbricht. 

 

Es gab in Betanien einen kranken Mann, Lazarus. Seine Schwestern, Marta und Maria, ließen Christus benachrichtigen, gewiss in der Hoffnung, dass Er ihn heilen würde. Die Reaktion Christi scheint zunächst merkwürdig: „Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus“, sagt uns der heilige Johannes, aber dennoch begab Er sich nicht gleich nach Betanien. Er wartete zwei Tage, bevor er sich auf den Weg machte. Den Jüngern, die Seine Entscheidung nicht verstehen können, verkündet Er, dass Lazarus schläft und Er hingeht, ihn aufzuwecken. Die Jünger folgen Ihm aus Treue. Sie sind bereit, sagen sie, den Jesus feindlichen Staatsmännern Jerusalems gegenüber zu treten; Thomas akzeptiert sogar, mit Jesus zu sterben! So denken diese Männer, Christi Nahestehende, seine Getreuen, daß sie dem Tod entgegengehen; sie ahnen nicht, dass sie im Gegenteil Zeugen einer Auferweckung – einem erstes Vorzeichen der Auferstehung – sein werden. 

 

Christus kommt in Betanien vier Tage nach dem Tod des Lazarus an. Marta, die Ihm entgegengegangen ist, sagt Ihm: „Herr, wärst Du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Der Schmerz scheint in ihre Worte einen Anflug des Vorwurfs zu legen. Aber sogleich verbessert sie sich: „Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum Du Gott bittest, wird Gott Dir geben.“ Ihr Vertrauen in Christus ist durch den Tod ihres Bruders nicht erschüttert worden, ihr Glaube an das zukünftige Leben im Reich bleibt derselbe: „Ich weiß, daß Er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.“ Jesus scheint diesen Glauben zu ermutigen, zu festigen, ihn freilegen zu wollen und von allen menschlichen Zurückhaltungen und Zwängen befreien zu wollen. Marta verstand die Auferstehung ihres Bruders nur in der Zukunft und in einer Art allgemeiner Perspektive, aber Jesus weist darauf hin, dass die Auferstehung eine schon gegenwärtige Tatsache ist, weil Er selbst die Auferstehung und das Leben ist: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ 

 

Christus definiert sich als das Sein des Lebens und verkündet denen, die Ihn hören, dass der Tod keinen Zugriff auf Ihn haben kann. Seine Worte sollen Seinen Jüngern ermöglichen, die Hoffnung nicht zu verlieren, wenn sie Zeugen Seiner Leiden und Seines Sterbens sein werden. Aber auch wenn ihr Glaube groß ist, haben die Jünger menschliche Schwächen: Maria schluchzt, als sie vor Jesus den Tod ihres Bruders erwähnt.

 

Jesus, erschüttert und „innerlich erregt“, sagt uns der heilige Johannes, verlangt, sich zum Grab zu begeben, wo Lazarus seit vier Tagen ruht. Dort befiehlt Er, dass man den Stein wegnimmt; Marta entgegnet: „Herr, er riecht aber schon...“ - “Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen.“ Dann, nachdem Er gedankt hat, ruft er: „Lazarus, komm heraus!“, und der Verstorbene nähert sich, die Füße und die Hände mit Binden umwickelt, das Gesicht mit einem Schweißtuch verhüllt. Marta und Maria hatten, als sie nach Christus schickten, von Ihm eine Heilung erhofft: Er gibt immer mehr, als der Glaubende erhofft

 

Es ist interessant festzuhalten, dass in diesem Moment der Herrlichkeit der heilige Johannes auf der Bezeugung der menschlichen Natur Christi zu bestehen scheint: Er liebt Lazarus, Er weint mit Maria, Er ist innerlich erregt, Er ist erschüttert, Er sagt: „Wo habt ihr ihn bestattet?“ Er, der alle Dinge weiß! Diese „Schwäche“ trotz der göttlichen Allmacht und diese zwei sich widersprechenden und doch versöhnten Aspekte in Christus erfahren in der Passion und in der Auferstehung ihre Zuspitzung. Die orthodoxe Kirche antwortet uns: Alle Handlungen Christi sind theandrisch, das heißt gleichzeitig göttlich und menschlich; es ist der Mensch-Gott, den wir weinen sehen, es ist der Mensch-Gott, der Lazarus aus seinem Grab treten läßt. Der Chor der Gläubigen singt: „O Christus, durch dein Kommen an das Grab des Lazarus hast du für uns deine beiden Naturen bestätigt...“ Einerseits kann der Mensch in Jesus der Emotion nachgeben und sich über den Verlust eines Freundes grämen, andererseits kann Gott in Jesus dem Tod mit Autorität befehlen: „...rief Er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus...“ 

 

Die Kirche gedenkt der Auferweckung des Lazarus am Samstag vor dem Palmsonntag als der Vorwegnahme des definitiven Triumphes Christi über den Tod. Dieses Fest hilft uns, die Tatsache in Erinnerung zu behalten, dass selbst in Seinem tiefsten Leiden Christus das Leben ist! 

 

Zusammengestellt nach Dieu est vivant. Catéchèse orthodoxe.

 

 

Lazarus-Samstag

 

Zusammengestellt von Thomas Zmija von Gojan 

 

Der Name Lazarus ist die lateinische Form des griechischen Wortes Lazaros, das auf den hebräischen Namen רָזָעְלֶא) Elʿazar, „Gott hat geholfen“) zurückgeht. Bekannte Namensträger im Alten Tesament sind der dritte Sohn Aarons (Exodus 6: 23) und der Sohn Abinadabs (1. Samuel 7: 1), der Hüter der Bundeslade. Der hebräische Name kommt im Alten Testament auch in der Form ֱראֶזֶ יעִל ֑ vor (Eliʿezer, „Mein Gott hat geholfen“). So heißen der Knecht Abrahams, der im Fall von Kinderlosigkeit dessen Erbe antreten sollte (Genesis 15: 2) und der Sohn des Mose (Exodus 18: 4), bei dessen Erwähnung auch die Erklärung der hebräischen Wortbedeutung des Namens erfolgt. In den Evangelien ist Lazarus der Name zweier Personen: Lazarus von Bethanien wurde von unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus von den Toten auferweckt (vergleiche Johannes 11) und wird in der orthodoxen und der altorientalischen Kirche als Heiliger verehrt; die andere Erwähnung betrifft den gerechten und armen Lazarus. Er kommt in einem Gleichnis im Lukasevangelium (Lukas 16: 20 – 31) vor.

 

Nach dem Tod, der Auferstehung und der Himmelfahrt des Herrn wurde die zweite Heimat von Lazarus das Königreich Kition mit seiner Hauptstadt Larnaka auf Zypern. Lazarus war der erste Bischof von Larnaka, eingesetzt durch die heiligen Apostel Paulus und Barnabas, als diese Zypern bereisten. Im Jahre 890 unter der Herrschaft Kaiser Leos VI. wurde in Larnaca ein Sarkophag mit der Aufschrift „Lazarus, der Freund Christi“ gefunden. Über der Fundstelle wurde eine dem heiligen Lazarus geweihte Kirche errichtet, die heute die orthodoxe Hauptkirche der Gläubigen in Larnaca ist. Der Sarkophag in der Krypta dieser Kirche ist jedoch inzwischen leer. Die Gebeine wurden bald nach ihrer Entdeckung nach Konstantinopel gebracht. Von dort wurden sie durch das Kreuzfahrerheer geraubt und im Jahr 1204 nach Marseille gebracht. 

 

Grab des Heiligen Lazarus in der Kirche Agios Lazaros in Larnaca auf Zypern.
Grab des Heiligen Lazarus in der Kirche Agios Lazaros in Larnaca auf Zypern.
Die Reliquien des Heiligen Lazarus in der Kirche Agios Lazaros in Larnaca.
Die Reliquien des Heiligen Lazarus in der Kirche Agios Lazaros in Larnaca.

 

Spätestens seit dem ersten Drittel des 4. Jahrhunderts war in Bethanien das Grab des heiligen Lazarus bekannt, aus den Ihn Christus aus dem Reich des Todes wieder auferweckt hatte. So schreibt der Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea im Jahr 330: 

 

„Da hat Christus den Lazarus auferweckt. Bis jetzt wird noch die Stelle des Lazarus gezeigt.“ 

 

Nach dem Zeugnis des Hieronymus scheint in Bethanien um 390 eine kurz zuvor erbaute Kirche gestanden zu haben. Dieser Ort in Bethanien wurde später nach Lazarus „Lazarion“ genannt. Der Ort heißt heute auf arabisch El-Azarjeh. Das „L“ aus Lazarus wurde dabei offenbar als Artikel el missverstanden und ein Personenname el-‘azar gebildet. Der Ortsname bewahrt jedenfalls bis heute den Namen des heiligen Lazarus. Am Samstag vor Sonntag der Palmen findet bis heute jährlich eine Prozession der Orthodoxen von Jerusalem nach Bethanien statt. Auch in Frankreich, Spanien und Italien haben die Katholiken vor dem 2. Vatikanischen Konzil sein Fest am Sonntag der Palmen begangen. 

 

Der Lazarus-Samstag ist ein Festtag, der mit dem nachfolgenden Herrentag der Palmen durch österliche Freude und gemeinsame Troparien verbunden ist. Er hat seinen Namen vom Tagesevangelium, das die Auferweckung des Lazarus erzählt. Die Liturgiefeier an diesem Tage stellt für die orthodoxen Gläubigen eine Vorabbildung der Auferstehung Christi und aller Toten dar. Denn man kann die Passion Christi nur recht verstehen, wenn man stets ihren Ausgang, die Auferstehung, im Blick behält. Daher wird nun unmittelbar vor der Hohen und heiligen Woche ein österliches Freudenfest gefeiert, in dem Christus als Besieger des Todes gegenwärtig geschaut wird. Die Apostellesung, die letzte aus dem Hebräerbrief, klingt aus in das Zeugnis der immerwährenden Gegenwart des unveränderlichen, lebendigen Herrn: „Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in alle Ewigkeit“. Die Alleluja-Verse verkünden die Königsherrschaft Christi mit Psalmenworten, die deutlich auf Ostern hinweisen. Österlich ist auch der Taufhymnus, der das Trisagion ersetzt.

 

 

 

Troparion im 1. Ton

 

Um schon vor Deinem Leiden die gemeinsame Auferstehung zu bezeugen, hast Du Lazarus von den Toten auferweckt, Christus Gott. Darum tragen auch wir, wie damals die Kinder, die Zeichen des Sieges und rufen Dir, dem Besieger des Todes zu: „Hosanna in den Höhen! Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn!“

 

Kondakion im 2. Ton

 

Die Freude aller, Christus, die Wahrheit, das Licht und das Leben, die Auferstehung der Welt ist erschienen den Erdbewohnern durch Seine Güte. Er bot im Vorbild der Auferstehung die göttliche Vergebung allen dar.

 

 

Die Gottesdienst während der Großen und Heiligen Woche

 

Erzpriester George Mastrantonis

 

 

Lazarus-Samstag

 

Samstag vor dem Palm-Sonntag morgens: Orthros und Göttliche Liturgie.

 

Heute wird die Auferweckung des Lazarus, des gerechten Freundes Christi von den Toten gefeiert. Die Heilige Woche beginnt mit dem Satz: „Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien“ (Johannes 12: 1). Seine Ankunft fiel mit dem jüdischen Paschafest zusammen. Es begann am 15. des Monats Nissan im Gedenken an die Befreiung des jüdischen Volkes aus der ägyptischen Sklaverei unter der Leitung des Propheten Mose durch ein Wunder Gottes. Die Kirche zählt Vorbereitung und Befreiung zu den Ereignissen dieser Woche. Sechs Tage vor dem Paschafest wurde in Betanien in Judäa, wo Christus auf Seinem Weg nach Jerusalem angehalten hatte, ein Fest für Christus veranstaltet. Lazarus, Sein Freund, und seine Schwestern waren da. Kurz davor hatte Christus Lazarus von den Toten auferweckt und dadurch die Achtung und den Glauben des Volkes erworben, aber auch den Hass der Fanatiker auf sich gezogen. Die Kirche heißt diesen Tag den „Lazarus-Samstag“ im Gedenken an die Auferweckung des Lazarus und das damit verbundene Versprechen der allgemeinen Auferstehung aller Menschen. Die Kirche verbindet diese Feier, in Vorwegnahme, mit dem Einzug Christi in Jerusalem: „Wir tragen die Siegeszeichen und rufen Hosanna in der Höhe“.

 

 

Palmsonntag (Johannes 12: 12-18)

 

Dieser Sonntag gedenkt des triumphalen Einzugs Jesu Christi in Jerusalem. Das Volk von Jerusalem empfing Christus wie einen König und nahm deshalb Palmzweige und ging Ihm entgegen, um die Zweige auf Seinen Weg zu legen. Das Volk rief im Gedenken an die prophetischen Worte des Zacharias: „Hosanna! Gepriesen sei der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ (s. Sach 9,9). Die Feier des jüdischen Paschafestes brachte viele Juden und zum Judentum konvertierte Heiden nach Jerusalem. Sie hatten von den Werken und Worten Christi gehört, besonders von der Auferweckung des Lazarus. Alle diese mit Christus zusammenhängenden Ereignisse hatten für die Juden dieser Zeit einen messianischen Charakter. Das irritierte die Hohenpriester und Pharisäer. Wie gewöhnlich ging Christus zum Tempel um zu beten und zu lehren. Am Abend ging er weg nach Bethanien. Die Tradition der Kirche an diesem Sonntag Palmzweige zu verteilen wiederholt, was das Volk von Jerusalem getan hat, als es Christus die Zweige auf den Weg legte und symbolisiert seitdem für den Christen den Sieg Christi über die Macht des Bösen und des Todes.

 

 

Große und Heilige Woche

 

An die Periode der Großen Fastenzeit schließt sich die Große und Heilige Woche an. Jetzt nähern sich die gläubigen Christen, die durch die Große Fastenzeit mit Gebet und Fasten hindurchgegangen sind, dem Fest der Feste, um die Passion Christi und Seine Auferstehung zu feiern. Während der ganzen Fastenzeit versuchen die Gläubigen die Ideale und Gebote dieser Zeit im Lichte der Auferstehung zu leben. Deshalb beziehen sich auch die Hymnen der ganzen Fastenzeit und besonders auch der Großen Woche auf die Auferstehung Christi als dem Mittelpunkt des christlichen Glaubens. Jeder Tag der Großen Woche ist den Geschehnissen und Lehren Christi in Seiner letzten Woche auf Erden gewidmet. Die Gläubigen, die die Gottesdienste dieser Woche besuchen sind sich bewusster ihrer Pflichten gegenüber sich selbst und gegenüber ihren Nachbarn, bewusster durch Fasten, Beten, Almosengeben und der Vergebung der Vergehen anderer. Mit anderen Worten, sie nehmen Tag für Tag am Geist des Evangeliums Christi teil. 

 

 

Montag: „Siehe, der Bräutigam kommt in der Mitte der Nacht ...“

 

Gottesdienst am Palm-Sonntag Abend: Orthros.

 

Der Orthros vom Montag der Hl. Woche (gefeiert am Abend des Palm-Sonntags) gedenkt des gesegneten und edlen Josef und des vom Herrn verfluchten Feigenbaums, der verdorrte. Das Verdorren des Feigenbaums war ein Wunder mit besonderem symbolischem Inhalt, denn der Baum hatte Blätter, trug aber keine Früchte. Das ist symbolisch für Leute, die sich für ethisch und religiös halten, aber in Wirklichkeit ein inhaltsloses Leben führen, das keine Frucht bringt. So war es auch bei einigen Pharisäern jener Zeit. Jesus verfluchte den Baum: “In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen!“ (Matthäus 21: 19). Der Bezug der Geschichte zum tugendhaften Josef des Alten Testamentes (Genesis 37-41) dient nur dem Kontrast, denn das Leben Josefs war ein Vorbild an Anstand und aufrichtiger Beachtung ethischer Grundsätze. 

 

An diesem Abend beginnen wir mit dem Hymnus des Bräutigams: „Siehe, der Bräutigam kommt in der Mitte der Nacht. ... Sieh zu, meine Seele, daß du dem Schlaf nicht verfällst, ... und nicht ausgeschlossen wirst vom Reich ...“. Das Exaposteilarion enthält ebenso eine symbolische Ermahnung: „Dein Brautgemach schau ich, mein Heiland, geschmückt. Ich habe kein Festgewand, .... Lichtspender, mach leuchtend meiner Seele Gewand und sei mein Erretter.“ Zugleich findet die Prozession um die Kirche mit der Ikone des Christus als Bräutigam statt. Das Volk singt das Kathisma in Vorausahnung des Leidens Christi: „Deine erhabenen Leiden läßt der heutige Tag der Welt wie rettende Lichter aufleuchten.“ 

 

Die Evangeliumsperikope ist aus Matthäus 21: 18-43. Sie erwähnt, dass die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm [kamen] und fragten: Mit welchem Recht tust du das alles? Wer hat dir dazu die Vollmacht gegeben? (Vers 23). Sie versuchten Christus zu veranlassen sich durch die Beantwortung der Frage selbst anzuklagen. 

 

Dienstag: „Wachet und betet ...“

 

Der Orthros vom Dienstag wird am Montag Abend gesungen. Der Dienstag der Großen Woche mahnt durch das Gleichnis der Zehn Jungfrauen (Matthäus 25: 1-13). Moralische Vorbereitung und Wachsamkeit sind die Grundlagen für einen lebendigen Glauben. Das Gleichnis von den Zehn Jungfrauen wird um das Thema des Bräutigams entwickelt: „Was bist du sorglos, meine arme Seele? ... Arbeite sorgfältig mit den Gaben, die dir anvertraut sind; wache und bete.“ Der Dichter mahnt uns: „Ich besitze nicht das von Tugenden brennende Licht. Den törichten Jungfrauen ward ich gleich und habe mich in der Zeit des Wirkens umhergetrieben“ und „Verschließe, Herr, mir Deines Mitleids Güte nicht.“ Die Mahnung folgt: „Wohlan, Gläubige, lasset willig uns mühen im Dienste des Herrn. ... Denn so werden wir das Darlehen vervielfachen ... mit guten Werken die Weisheit zieren.“

 

Mittwoch: „Als Er zu Sich kam ... kam Er zum Vater ...“

 

Der Orthros vom Mittwoch wird am Dienstag Abend gesungen. Für den Mittwoch der Großen Woche haben die heiligen Väter der Kirche verfügt, dass der Salbung Christi mit Nardenöl oder Myron durch eine Frau im Hause Simons des Aussätzigen in Betanien gedacht werden solle. Umkehr war die Predigt der Propheten. Es wäre eine geeignete Überschrift für die Bibel, denn „Umkehr“ war auch die Rede unseres Herrn. Diese Frau, die ihre Umkehr, ihre Reue und Buße, und ihren tiefen Glauben an den Herrn offenbarte, ist uns heute immer noch Vorbild. 

 

Am Abend wird das wunderschöne „Idiomelon der Kassia(ni)“ gesungen. Es beginnt mit: „Herr, das Weib, das in viele Sünden gefallen, hat Deine Gottheit erkannt ... weh mir, spricht sie ... nimm an meiner Träne Bäche, Du, Der das Wasser des Meeres in Wolken emporzieht ... meiner Sünden Menge und die Abgründe Deiner Gerichte, wer wird sie erforschen, Seelenretter ... verachte mich, Deine Magd, nicht. Denn maßlos ist Dein großes Erbarmen.“ 

 

Die Liturgie der Vorgeweihten Gaben wird am Mittwoch Morgen zum letzten Mal in der Großen Fastenzeit gefeiert. Diese sehr alte Liturgieform ist eine Vesper mit den Heiligen Gaben, die am vorhergehenden Sonntag geweiht wurden. Diese Liturgie wird während der Großen Fastenzeit jeden Mittwoch und Freitag gefeiert, damit die Gläubigen die Heilige Kommunion empfangen können. Die Liturgie ist feierlich und spiegelt die Großartigkeit und Einfachheit der Frühen Kirche wider. Während der Großen Fastenzeit wird die Göttliche Liturgie nur an Samstagen und am 25. März (Chrysostomos-Liturgie) und Sonntagen (Basilius-Liturgie) gefeiert.

 

Quelle: http://www.goarch.org/en/ourfaith

 

 

Die Tage der Großen und Heiligen Woche

- Die Karwoche

 

Der Lazarus-Samstag

 

„Nachdem wir die der Seele nützlichen 40 Tage der Fasten vollendet haben, bitten wir auch die heilige Woche Deines Leidens schauen zu dürfen.“ Mit diesem Worten der Vesper vom Freitag wird die Große Fastenzeit beendet und das jährliche Gedenken des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung Christi beginnt. Es beginnt am Lazarus-Samstag. Das doppelte Fest der Erweckung des Lazarus und des Einzugs des Herrn in Jerusalem (Palm-Sonntag) wird in den liturgischen Texten als der „Anfang des Kreuzes“ bezeichnet und sollte deshalb im Kontext der Großen Woche verstanden werden. Das Troparion dieser Tage beteuert ausdrücklich, dass durch die Erweckung des Lazarus von den Toten, Christus die Wahrheit der allgemeinen Auferstehung bestätigt hat. Es ist bedeutsam, dass wir in das Dunkel des Kreuzes durch eines der 12 Hochfeste der Kirche eingeführt werden. Licht und Freude scheinen nicht nur am Ende der Großen Woche auf, sondern auch an ihrem Beginn. Alle, die sich im orthodoxen Kultus auskennen, wissen, wie eigenartig, ja paradox der Charakter der Gottesdienste des Lazarus-Samstags ist. Es ist eine Sonntags- das heißt eine Auferstehungsliturgie am Samstag, einem Tag, der normalerweise dem liturgischen Totengedenken geweiht ist. Und die Freude, die diese Gottesdienste durchzieht, betont das zentrale Thema: den kommenden Sieg Christi über den Hades. 'Hades' ist der biblische Terminus für das unentrinnbare Dunkel und die Zerstörung, die alles Leben aufsaugt und mit seinem Schatten die ganze Welt vergiftet. Aber nun – mit der Erweckung des Lazarus - „ beginnt der Tod zu zittern.“ Denn hier beginnt das entscheidende Duell zwischen dem Leben und dem Tod, das uns den Schlüssel zum gesamten liturgischen Mysterium von Ostern liefert. In der Frühen Kirche wurde der Lazarus-Samstag 'Ankündigung von Ostern' genannt, denn es lässt tatsächlich das wundervolle Licht und den Frieden des nächsten Samstags vorausahnen – des Großen Samstags, des Tags des Lebenspendenden Grabes. 

 

 

Palm-Sonntag- Der Einzug des Herrn in Jerusalem

(Вход Господень в Иерусалим (Вербное Воскресенье))

 

Der Lazarus-Samstag ist aus liturgischer Sicht das Vorfest des Palm-Sonntags – des Einzugs unseres Herrn in Jerusalem. Beide Feste haben ein gemeinsames Thema, Triumph und Sieg. Der Samstag offenbart den Feind: den Tod. Der Palm-Sonntag verkündet die Bedeutung des Sieges als Triumph des Reiches Gottes. Der PalmSonntag besagt, dass die Welt Jesus Christus als ihren einzigen König annimmt. Im Leben Jesu war der Einzug in die heilige Stadt der einzige sichtbare Triumph. Bis zu diesem Tag hatte Er immer alle Versuche Ihn zu verherrlichen zurückgewiesen. Aber sechs Tage vor Pessach/Pascha war er nicht nur einverstanden damit geehrt zu werden, Er Selbst provozierte und arrangierte diese Verherrlichung, indem Er tat, was der Prophet Zacharias verkündet hatte: „Siehe, dein König kommt zu dir … sanftmütig und reitend auf einem Esel ...“ (Zach 9,9). Er machte klar, dass Er bejubelt und als Messias, als König und Erlöser Israels anerkannt werden wollte. Die Erzählungen der Evangelien betonen alle die messianischen Merkmale: die Palmen, die HosannaRufe der Menge, Anerkennung Jesu als Sohn Davids und König von Israel. Die Ge - schichte Israels ist hiermit zu Ende – das ist die Bedeutung dieses Ereignisses – denn der Zweck der Geschichte ist, das Reich Gottes zu verkünden und vorzubereiten, die Ankunft des Messias. Und nun hat es sich erfüllt. Denn der König betritt Seine Heilige Stadt und in Ihm sind alle Prophetien und alle Erwartungen erfüllt. Er gründet Sein Reich. Die Liturgie des Palm-Sonntags gedenkt dieses Ereignisses. Mit Palmzweigen in unseren Händen identifizieren wir uns mit dem Volk von Jerusalem, begrüßen mit ihm den sanftmütigen König, und singen Ihm „Hosanna“.

 

Aber was bedeutet der Tag für uns? Erstens ist es unser Bekenntnis zu Christus als unserem König und Herrn. Wir vergessen so oft, dass das Reich Gottes schon gegründet ist und dass wir am Tag unserer Taufe seine Bürger wurden und versprochen haben, Ihm vor allem anderen treu zu sein. Wir müssen daran denken, dass Christus für wenige Stunden tatsächlich der König auf Erden in unserer Welt war, nur einige Stunden und in einer Stadt. Aber wie wir in Lazarus das Abbild eines jeden Menschen erkannt haben, anerkennen wir in dieser einen Stadt das mystische Zentrum der Welt und der ganzen Schöpfung. Denn das ist die biblische Bedeutung von Jerusalem, der Brennpunkt der ganzen Heils- und Erlösungsgeschichte, die heilige Stadt der Ankunft Gottes. Also ist das in Jerusalem gegründete Reich ein universales Reich, das alle Menschen und die gesamte Schöpfung umfasst. Der Einzug Jesu in Jerusalem kam am Ende eines langen Weges der Vorbereitung, der in der Bibel offenbart wurde: es war der Abschluss alles dessen, was Gott für die Menschen getan hatte. Und dadurch erhält die kurze Stunde Christi irdischen Triumphs ewige Bedeutung. Es bringt die Wirklichkeit des Reiches in unsere Zeit, in alle Stunden, macht das Reich zum Sinn der Zeit und zu seinem endgültigen Ziel. Das Reich wurde dieser Welt offenbart – ab dieser Stunde – seine Gegenwart richtet und verwandelt die Geschichte der Menschheit. Im feierlichsten Moment unserer Liturgie, wenn wir vom Priester einen Palmzweig erhalten, erneuern wir unseren Treueid zum König und bekennen Sein Reich als den endgültigen Sinn und Inhalt unseres Lebens. Wir bekennen, dass alles in unserem Leben und in dieser Welt Christus gehört, nichts kann seinem einzigen wirklichen Eigentümer weggenommen werden, denn es gibt keinen Bereich des Lebens, in dem Er nicht Macht hat, heilt und erlöst. Wir verkünden die weltweite und totale Verantwortung der Kirche für die Menschheitseschichte und halten ihre universale Mission aufrecht.

 

Wir wissen aber, dass der König, dem die Juden damals zujubelten und dem wir heute zujubeln, auf dem Weg nach Golgotha ist, zum Kreuz und zum Grab. Wir wissen, dass dieser kurze Triumph nur ein Prolog zu Seinem Opfer ist. Die Zweige in unseren Händen zeigen deshalb unsere Bereitschaft und unseren Willen Ihm auf Seinem Weg des Opfers zu folgen und unsere Akzeptanz des Opfers und der Selbst - hingabe als den einzigen königlichen Weg in das Reich. Und schließlich besagen diese Zweige, diese Feier, unseren Glauben an den endgültigen Sieg Christi. Sein Reich ist noch nicht sichtbar und die Welt kennt es nicht. Es lebt, als ob der entscheidende Moment noch nicht gekommen wäre, als ob Christus nicht am Kreuz gestorben und der Mensch noch nicht mit Ihm von den Toten auferstanden wäre. Aber wir orthodoxe Christen glauben an das Kommen des Reiches, in dem Gott alles in allen sein wird und Christus der einzige König.

 

 

Die Karwoche- Großer und Heiliger Montag, Dienstag und Mittwoch

 

Diese drei Tage, die die Kirche groß und heilig nennt, haben in der liturgischen Entwicklung der Großen Woche einen ganz bestimmten Zweck. Sie richten alle ihre Feiern im Hinblick auf das Ende aus. Sie erinnern uns an die eschatologische Bedeutung des Osterfestes. Zu oft wird die Große Woche als eine der wunderschönen „Traditionen“ oder „Gebräuche“ gesehen, als selbstverständlicher Teil unseres Kalenders. Wir nehmen sie als selbstverständlich hin und freuen uns an ihr als geschätztes jährliches Ereignis, das wir seit unserer Kindheit kennen. Wir bewundern die Schönheit der Gottesdienste, das Gepränge ihrer Riten, und nicht zuletzt mögen wir das Getue um das Osterfrühstück. Wenn alles vorbei ist, kehren wir wieder zum normalen Leben zurück. Aber verstehen wir, dass, als die Welt den Erlöser verwarf, „Jesus begann traurig zu werden … und Seine Seele äußerst traurig war, bis zum Tod sogar“. Als Er am Kreuz starb, war 'das normale Leben' zu Ende.

 

Denn es waren 'normale' Leute, die schrien „Kreuziget Ihn!“, die Ihn bespuckten und Ihn als Kreuz nagelten. Sie hassten und töteten Ihn, eben weil er ihr normales Leben beeinträchtigte. Es war ja gerade eine völlig 'normale' Welt, die lieber im Dunkel und im Tode lebte als in Licht und Leben. Durch den Tod Jesu war diese 'normale' Welt, dieses 'normale' Leben unwiderruflich verdammt, oder besser, sie offenbarten ihre wahre und abnorme Natur in ihrer Unfähigkeit, das „jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt“ (Johannes 12: 31) anzuerkennen. Das Pascha Jesu gab 'dieser Welt' sein Ende zu verstehen und es ist seitdem zu Ende. Dieses Ende kann Jahrtausende dauern; es ändert nicht die Natur der Zeit in der wir leben als Zeitenende. „Die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1. Korinther 7: 31)

 

 

Großer und Heiliger Donnerstag - Das letzte Abendmahl

 

(Великий Четверг)

 

Zwei Ereignisse formen die Liturgie des Großen Donnerstags: Das Letzte Abendmahl und des Verrat Judas' an Jesus. Das Letzte Abendmahl ist die endgültige Offenbarung der erlösenden Liebe Gottes zum Menschen. Der Verrat durch Judas offenbart, dass Sünde, Tod und Selbstzerstörung auch durch Liebe verursacht sind, aber durch Liebe, die auf etwas gerichtet ist, das Liebe nicht verdient. Das Mysterium dieses einzigartigen Tages und seiner Liturgie, in der Licht und Dunkel, Freude und Trauer so eigenartig vermischt sind, fordert von uns eine Wahl, von der das ewige Schicksal eines jeden von uns abhängt. „Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“ (Johannes 13: 1). Um den Sinn des Letzten Abendmahls zu verstehen, müssen wir es als das Ende der großen Bewegung der Göttlichen Liebe sehen, die mit der Schöpfung der Welt begann und nun im Tod und der Auferstehung Christi vollendet wird. „ Gott ist die Liebe“ (1. Johannes 4: 8). Und die erste Liebesgabe war Leben. Der Sinn, der Inhalt des Lebens, war Gemeinschaft  Aber auch durch die Sünde hindurch, als der Mensch Verrat übte, blieb Gott dem Menschen treu. „Denn Du hast Dich von Deinem Geschöpf, das Du gemacht hast, nicht für immer abgekehrt, Gütiger, auch hast Du das Werk Deiner Hände nicht vergessen, sondern es durch Deine barmherzige Liebe auf viele Weisen heimgesucht“ (Basiliusliturgie). Ein neues göttliches Werk begann, das Werk der Erlösung. Und es wurde vollendet in Christus, dem Sohn Gottes, der Mensch wurde, um dem Menschen seine ursprüngliche Schönheit zurückzugeben und das Leben wieder als Gemeinschaft mit Gott einzusetzen. Er nahm unsere Natur auf sich, mit Hunger und Durst, mit ihrem Verlangen nach Leben und ihrer Liebe zum Leben. In Ihm wurde das Leben offenbart, geschenkt, angenommen und vollendet als völlige und vollkommene Danksagung, als völlige und vollkom - mene Gemeinschaft mit Gott. Er wies die allzu menschliche Versuchung ab, „nur vom Brot allein“ zu leben. Er offenbarte, dass Gott und Sein Reich die wahre Speise sind, das wirkliche Leben des Menschen. Dieses vollkommene eucharistische Leben, von Gott erfüllt und deshalb göttlich und unsterblich, schenkte Er allen, die an Ihn glauben, das heißt in ihm Sinn und Inhalt ihres Lebens finden. Das ist der wunderbare Sinn des Letzten Abendmahls. Er bot Sich an als die wahre Speise des Menschen, denn das in Ihm offenbarte Leben ist das wahre Leben. Die Bewegung der Göttlichen Liebe, die im Paradies begann mit einem göttlichen „nehmt, esst ...“ (denn essen ist Leben für den Menschen), kommt nun zu ihrem Ende mit dem göttlichen „nehmt, esst, dies ist Mein Leib ...“ (denn Gott ist das Leben des Menschen). Das Letzte Abendmahl ist die Wiederherstellung des Paradieses der Freude, des Lebens als Danksagung (Eucharistie) und Gemeinschaft (Kommunion). Aber diese Stunde der äußersten Liebe ist auch die des äußersten Verrats. Judas verlässt das Licht des Raumes im Obergeschoß und geht in die Finsternis. „Es war aber Nacht“ (Joh 13,30). Warum geht er? Denn er liebt, wie das Evangelium sagt, das Silber mehr als den Herrn. Jedes Jahr, wenn wir in das unergründliche Licht und in die Tiefe des Großen Donnerstags eintauchen, wird die immer gleiche Frage an einen jeden von uns gestellt: antworte ich auf Christi Liebe und nehme ich sie als mein Leben, oder folge ich Judas in das Dunkel der Nacht?

 

 

Großer und Heiliger Freitag

 

Aus dem Licht des Großen und Heiligen Donnerstags betreten wir das Dunkel des Freitags, den Tag der Passion, des Todes und des Begräbnisses Christi. In der Frühen Kirche wurde dieser Tag „Pascha des Kreuzes“ genannt, denn es ist tatsächlich der Anfang des Durchgangs, dessen Sinn uns allmählich offenbart wird, zuerst im ruhigen Großen gesegneten Sabbat und dann in der Freude des Auferstehungstages.

 

Wenn wir nur begreifen könnten, dass am Großen Freitag das Dunkel nicht nur symbolisch und im Gedenken ist. So oft folgen wir der schönen und feierlichen Traurigkeit dieser Gottesdienste im Geiste der Selbstgerechtigkeit und Selbstrechtfertigung. Vor 2.000 Jahren töteten schlechte Menschen Christus, heute aber errichten wir – die guten Christen – prächtige Heilige Gräber in unseren Kirchen – ist das nicht ein Zeichen für unser Gut-sein? Doch der Große Freitag berichtet nicht nur von der Vergangenheit. Er ist der Tag der Sünde, der Tag des Bösen, der Tag an dem uns die Kirche dazu einlädt, deren Wirklichkeit und Macht 'in dieser Welt' zu begreifen. Denn die Sünde und das Böse sind nicht verschwunden, sondern im Gegenteil, stellen das Grundgesetz der Welt und unseres Lebens dar.

 

 

Wir, die wir uns Christen nennen, machen wir uns nicht auch oft die gleiche Logik des Bösen zu eigen, die den jüdischen Sanhedrin und Pontius Pilatus, die römischen Soldaten und die ganze Volksmenge dazu führte Christus zu foltern und zu töten? Auf welcher Seite, mit wem wären wir gewesen, hätten wir in Jerusalem unter Pilatus gelebt? Dies ist die Frage, die uns mit jedem Wort des Freitagsgottes - dienstes gestellt wird. Es ist die Offenbarung der wahren Natur der Welt, die damals wie noch heute die Finsternis lieber hatte als das Licht, das Böse lieber als das Gute, den Tod lieber als das Leben. Als sie Christus zum Tode verurteilte, verurteilte sich 'diese Welt' selbst zum Tode und insoweit wir ihren Geist, ihre Sünde und ihren Verrat an Gott, uns zu eigen machen – sind wir selbst auch verurteilt. Das ist der erste und furchtbar realistische Sinn des Großen Freitags: ein Todesurteil.

 

 

Großer und Heiliger Samstag

 

Dies ist der gesegnete Sabbat. Der Große Samstag ist der Tag, der den Großen Freitag, das Gedenken des Kreuzes, mit dem Auferstehungstag verbindet. Für viele bleibt die wahre Natur und der Sinn dieser 'Verbindung', dieser 'Brückentag' unverständlich. Für die Mehrheit der Kirchgänger sind die 'wichtigen' Tage der Großen Woche der Freitag und der Sonntag, das Kreuz und die Auferstehung. Diese beiden Tage bleiben aber irgendwie 'unverbunden'. Da ist erst der Tag der Trauer und dann der Tag der Freude. In dieser Reihenfolge wird Trauer einfach ersetzt durch Freude, aber nach der Lehre der Orthodoxen Kirche, die in ihrer liturgischen Tradition ausgedrückt wird, ist diese Folge nicht die eines einfachen Ersatzes. Die Kirche verkündet, dass Christus „den Tod durch den Tod zertreten“ hat. Das heißt, dass vor der Auferstehung ein Ereignis stattfindet, in der die Trauer nicht einfach durch Freude ersetzt wird, sondern sie selbst in Freude verwandelt wird. Der Große Samstag ist genau dieser Tag der Umwandlung, der Tag, an dem der Sieg aus dem Inneren der Niederlage erwächst, wenn wir vor der Auferstehung über den Tod des Todes selbst nachdenken. Alles das wird ausgedrückt, und sogar mehr, all das findet statt jedes Jahr in diesem wunderbaren Morgengottesdienst, in diesem liturgischen Gedenken, das für uns zu einem rettenden und uns verwandelnden Geschenk wird. 

 

Wenn man am Großen Samstag Morgen in die Kirche kommt, ist der Freitag gerade beendet. Die Trauer des Freitags ist also das anfängliche Thema, der Ausgangspunkt des Orthros vom Samstag. Er beginnt mit einem Begräbnisgottes - dienst, als Trauergesang am Leib eines Toten. Nach dem Begräbnistroparien und der langsamen Beweihräucherung der Kirche, gehen die Zelebranten zum Epitaphion. Wir stehen am Grab unseres Herrn, wir gedenken Seines Todes. Es wird der Psalm 119 gesungen und nach jedem Vers ein besonderer „Lobpreis“, der das ganze Grauen der Menschen, ja der ganzen Schöpfung über den Tod Jesu ausdrückt. 

 

Ihr Berge und Täler und ihr, die Schar der Menschen:

Weinet und wehklaget alle mit mir, der Mutter eures Gottes.“ 

 

Und doch macht sich, von Anfang an, zusammen mit dem anfänglichen Thema der Trauer und der Wehklage, ein neues Thema bemerkbar, das immer deutlicher wird. Wir finden es zuerst in Psalm 119: 1 – „Selig die, die auf ihrem Weg untadelig sind, die im Gesetz des Herrn wandeln.“

 

Der Tod Christi ist der endgültige Beweis Seiner Liebe zum Willen Gottes und für Seinen Gehorsam zu Seinem Vater. Es ist eine Tat des reinen Gehorsams, in vollem Vertrauen auf des Vaters Willen. Für die Kirche ist es genau dieser Gehorsam bis zum Ende, diese vollkommene Demut des Sohns, der den Grundstein, den Anfang Seines Sieges darstellt. Der Vater wünscht diesen Tod, der Sohn nimmt ihn an und zeigt darin eine unbedingte Treue zur Vollendung des Vaterwillens, zur Notwendigkeit dieses Opfers des Sohnes durch den Vater. Psalm 119 ist der Psalm dieses Gehorsams und daher die Verkündung, dass der Triumph gehorsam begonnen hat.

 

Aber warum wollte der Vater diesen Tod? Warum ist er nötig? Der Tod Christi wird in Seinem „Abstieg in den Hades“ beschrieben. „Hades“ bedeutet in der konkreten Bibelsprache das Reich des Todes, das Gott nicht geschaffen hat und das Er nicht wollte. Es heißt auch, dass der Herrscher dieser Welt in der Welt allmächtig ist. Satan, Sünde und Tod – sind die drei 'Dimensionen' des Hades, sein Inhalt. Denn Sünde kommt vom Satan, und Tod ist das Ergebnis der Sünde - „die Sünde kam in die Welt und durch die Sünde der Tod“ (Römer 5: 12).

 

Nach dem Sündenfall wurde das ganze Universum zu einem kosmischen Friedhof, verurteilt zu Zerstörung und Verzweiflung. Darum ist der Tod „der letzte Feind“ (1. Korinther 15: 26), seine Zerstörung ist das endgültige Ziel der Inkarnation. Diese Begegnung mit dem Tod ist die „Stunde“ Christi, von der Er sagte, „deshalb bin ich in diese Stunde gekommen“ (Johannes 12: 27). Nun ist die Stunde gekommen und der Sohn Gottes geht in den Tod. Die Kirchenväter beschreiben diesen Augenblick gewöhnlich als Duell zwischen Christus und dem Tod, zwischen Christus und Satan. Denn dieser Tod sollte entweder Satans letzter Triumph sein oder seine entscheidende Niederlage. Das Duell entwickelt sich in mehreren Szenen. Zuerst scheinen die Mächte des Bösen zu siegen. Der Gerechte wird, von allen verlassen, gekreuzigt und erleidet einen schändlichen Tod. Er wird auch einer des Hades, dieses Orts der Finsternis und der Hoffnungslosigkeit. Aber gerade in diesem Augenblick wird der wahre Sinn dieses Todes offenbart. Der am Kreuze stirbt, hat Leben in Sich, das heißt Er hat das Leben nicht als Geschenk von außen erhalten, ein Geschenk, das auch wieder genommen werden kann, sondern es ist eigener Wesensbestandteil. Denn Er ist Leben und die Quelle allen Lebens. „In Ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes  1: 4). Der Mensch Jesus stirbt, aber dieser Menschensohn ist Gottessohn. Als Mensch kann Er wirklich sterben, aber in Ihm betritt Gott Selbst das Reich des Todes. Dies ist der einzigartige, der unvergleichliche Sinn von Christi Tod. In ihm ist der Mensch, der stirbt Gott, oder genauer, der Gottmensch. Gott ist der Heilige Unsterbliche, und nur „unvermischt, unverwandelt, ungeteilt, ungetrennt“ in der Einheit von Gott und Mensch in Christus, kann der menschliche Tod durch Gott angenommen, überwunden und von innen zerstört, „durch den Tod zertreten“ werden. 

 

Der Tod ist durch das Leben überwunden. Jetzt verstehen wir, warum Gott diesen Tod wollte, warum der Vater Seinen Einziggeborenen Sohn ihm übergeben hat. Er wollte die Erlösung des Menschen. Daher also die Notwendigkeit der Inkarnation und die Notwendigkeit dieses göttlichen Todes. Der Tod wurde nicht nur durch Gott zerstört, sondern wurde durch den Menschen selbst in der Natur des Menschen überwunden und zertreten.

 

"Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten“ (1. Korinther 15: 21). Der Sabbat, der siebte Tag, erlangt und vollendet die Heilsgeschichte, deren letzter Akt die Überwindung des Todes ist. Aber nach dem Sabbat kommt der erste Tag einer neuen Schöpfung, eines neuen Lebens aus dem Grabe.

 

Wir sind aber noch am Großen Samstag vor dem Grab Christi und wir müssen noch einen langen Tag durchleben, bevor wir um Mitternacht das „Christus ist auferstanden“ hören, bevor wir mit der Feier Seiner Auferstehung beginnen. Deshalb erzählt uns auch die dritte Lesung Mt 27,62-66 – die den Gottesdienst schließt, noch einmal vom Grab – „Sie versiegelten den Eingang und ließen die Wache dort“ (Matthäus 27: 66). Wahrscheinlich wird hier, am Schluss des Morgengottesdienstes, der wahre Sinn dieses „Brückentages“ klar. Christus ist wieder von den Toten auferstanden. Seine Auferstehung werden wir am nächsten Tag am Paschafest (Ostern) feiern. Diese Feier aber gedenkt eines einzigartigen Ereignisses der Vergangenheit und ahnt voraus das Mysterium der Zukunft. Es ist schon Seine Auferstehung, aber noch nicht die unsere. Wir müssen sterben, das Sterben, die Trennung, die Zerstörung annehmen. Unsere Wirklichkeit ist in dieser Welt, sie ist die Wirklichkeit des Großen Samstags. Dieser Tag ist das reale Abbild unserer menschlichen Beschaffenheit. Wir glauben an die Auferstehung, weil Christus von den Toten auferstanden ist. Wir erwarten die Auferstehung. Wir wissen, dass Christi Tod nicht mehr das hoffnungslose endgültige Ende ist. Auf Seinen Tod getauft, haben wir schon teil an Seinem Leben, das aus dem Grabe kam. Wir empfangen Seinen Leib und Sein Blut als Speise der Unsterblichkeit. Wir haben in uns das Zeichen, die Vorahnung des ewigen Lebens. Unsere ganze christliche Existenz wird gemessen an diesem Werk der Gemeinschaft mit den Leben des „Neuen Äons“ des Reiches, aber noch sind wir hier und können dem Tod nicht entrinnen. Aber ist dieses Leben zwischen der Auferstehung Christi und dem Tag der allgemeinen Auferstehung nicht genau das Leben am Großen Samstag? Ist nicht die Erwartung die grundlegende und wesentliche Kategorie der christlichen Erfahrung? Wir warten mit Glaube, Liebe und Hoffnung. Wir erwarten „die Auferstehung und das Leben der zukünftigen Welt“ (Orthodoxes Glaubensbekenntnis). 

 

Jedes Jahr warten wir am Großen Samstag nach dem Morgengottesdienst auf die Osternacht und die Fülle der Osterfreude. Wir wissen, dass sie kommen – doch wie langsam, wie lang ist doch dieser Tag! Aber ist nicht die wundervolle Ruhe der Großen Samstags ein Symbol für unser Leben in dieser Welt? Sind wir nicht immer in diesem „Brückentag“, in der Erwartung des Pascha Christi und bereiten uns vor auf den abendlosen Tag Seines Reiches?

 

Quelle: The Orthodox Messenger, 1993

 

 

Die allheilige Gottesgebärerin unter dem Kreuz

 

Großer und Heiliger Freitag

 

Von den vielen Aspekten des Kreuzesmysteriums, die in den liturgischen Feiern am Karfreitag und Karsamstag von den Gemeinden singend meditiert werden, sollen in den beiden folgenden Abschnitten nur zwei Erwähnung finden: Das Stehen und Ausharren Marias unter dem Kreuz und die Marienklage.

 

"Der Knoten des Ungehorsams der Eva fand seine Lösung durch den Gehorsam Marias. Was nämlich die Jungfrau Eva durch ihren Unglauben verworren hatte, das löste die Jungfrau Maria durch ihren Glauben... War jene Gott ungehorsam, so ge- horchte diese willig Gott, damit die Jungfrau Maria zur Fürsprecherin wurde für die Jungfrau Eva. Und wie das Menschengeschlecht durch eine Jungfrau in den Tod verstrickt worden ist, so wird es auch gerettet durch eine Jungfrau. Gleichmäßig wie auf einer Waage wurde der Ungehorsam der Jungfrau aufgewogen durch den Gehorsam der Jungfrau. Ferner wurde ja die Sünde des Erstgeschaffenen durch die Züchtigung des Erstgeborenen wiedergutgemacht und die List der Schlange besiegt durch die Einfalt der Taube. Aber auch jene Fesseln wurden gelöst, mit denen wir an den Tod verstrickt waren. "

 

Irenäus von Lyon, Widerlegung der Häresien

 

In ihrem Glauben und in ihrem Gehorsam assistiert Maria, die neue Eva, dem neuen Adam, dem »Erstgeborenen der ganzen Schöpfung« (Kolosser 1:15), wenn er diese in seiner Ganzhingabe erneuert. Als Eva, die »Mutter des Lebens«, durch ihren Ungehor- sam Adam, den Erstgeschaffenen, zum Nein gegen Gott aufstachelte, verstrickten sie ihre Kinder mit in den Tod der Gottferne. Wenn »der Erstgeborene aus den Toten« (Kolosser 1,18) sich anschickt, die Macht des Todes durch seinen Tod zu vernichten, steht die neue Eva in Glauben und Gehorsam ihm zur Seite, und er bestellt sie zur Mutter der Erlösten: »Frau, dies ist dein Sohn.... Dies ist deine Mutter« (Johannes 19:26 f.).

 

Eva hatte den Fall Adams und der Menschheit mitverschuldet; Gott will die Erhebung der Menschheit durch den zweiten Adam nicht ohne deren Mitwirkung verwirklichen. Maria ist die Repräsentantin der Menschheit, die als »heiliger Same« aus dem verbliebenen Stumpf (Jesaja 6:13) ihr Ja zu Gott in die Totalhingabe Jesu an den Vater mit einfließen lässt. So wird sie die neue Mutter des Lebens und die Mutter der Jüngerschaft, die in Johannes unter dem Kreuz versammelt ist und das Kreuz aushält. (Die orthodoxe Kirche, die die von Augustinus geprägte Erbsündenlehre nicht übernommen hat, sieht in diesem Durchhalten das freie Mitwirken des Geschöpfes an der Erlösungstat seines Schöpfers.) In Maria steht die Jungfrau und Mutter Kirche unter dem Kreuz, und in Johannes sind die Söhne und Töchter dieser Kirche versinnbildet, als deren Bräutigam Christus sein Leben hingibt.

 

In seiner Kreuzesstunde formt sich Christus die neue Eva, die Kirche. Wie aus des ersten Adam Seite Eva gebildet wurde, so fließt aus der geöffneten Seite Christi je- ne Kraft, die die alte Menschheit reinigt in der Taufe und sie als erneuertes Volk Gottes nährt mit der Eucharistie. Vom Kreuz herab verströmt sich das Leben Christi aus seiner Herzenswunde auf das abgestorbene Leben der Menschheit und erfüllt sie mit göttlichem und unzerstörbaren Leben. Den Wein, den »der wahre Weinstock« (Johannes 1:51) symbolhaft bei der Hochzeit zu Kana ausschenkte, wird hier »zum Wein des Heiles«, der in der Eucharistie stets aufs neue gereicht wird.

 

Die Kirche selbst sendet ihre heiligste Vertreterin und ihr würdigstes Glied unter das Kreuz Christi, damit sie sein Erbarmen für seine sündigen Jünger, ihre Kinder, erflehe und die Gaben der Erlösung, die er der Kirche aus seiner Seite zufließen lässt, entgegennehme.

 

 

Da wir wegen unserer vielen Sünden keine Zuversicht haben,  so flehe Du, Gottesgebärerin Jungfrau, zu dem aus Dir Gebohrenen. Denn viel vermag die Bitte der Mutter beim Wohlwollen des Gebieters. Verachte nicht der Sünder Flehen, Allverehrte, da doch erbarmungsreich und voll Macht zu erretten ist Der, Der es auch auf sich nahm für uns zu leiden.

 

Theotokion der 8. Antiphon am Karfreitagmorgen (siehe auch in der sechsten Stunde)

 

Deine lebenssspendende Seite, die sprudelte wie die Quelle in Eden, tränkte Deine Kirche, Christus, wie ein geistiges Paradies, und verteilte sich wie in der Urzeit, in die vier Evangelien, die Welt zu bewässern und die Schöpfung zu erfreuen und die Heiden zu unterweisen, dass sie Deine Königsherrschaft anerkennen.

 

Gekreuzigt warst Du meinetwegen, um mir die Vergebung zufließen zu lassen. Durchbohrt wurdest Du an der Seite, um mir Ströme des Lebens sprudeln zu lassen. Mit Nägeln wurdest Du angeheftet, damit ich bei der Tiefe Deiner Leiden der Höhe Deiner Macht vertraue und zu Dir rufe: Lebenssspender Christus, Ehre Deinem Kreuz und, Retter; Deinen Leiden.

 

Deine Mutter Christus, die im Fleische ohne Samen Dich gebar, die Jungfrau in Wahrheit ist und auch nach der Geburt unversehrt blieb, sie stellen wir als Fürsprecherin vor Dich hin, Gebieter, Erbarmungsreicher, der Verfehlungen Vergebung stets denen zu gewähren, die zu Dir rufen: Gedenke unser , Erretter, in Deinem Reiche.

 

Stichiren zu den Seligpreisungen am Karfreitag Morgen

 

Diese in Hymnen vorgetragenen Gedanken haben auch den Schöpfer des Kreuzigungsbildes inspiriert. Das Sterben Christi wird in seinem kosmischen und ekklesiologischen Bezug gesehen. Die Kirche des Himmels und der Erde hat sich in ihren Vertretern um ihren sterbenden Herrn versammelt. In Entsetzen und Trauer vor dem Mysterium, dass der Schöpfer der Welt von seinen Geschöpfen durch die Hinrichtung am Kreuz vernichtet werden soll, verhüllen die Engel ihr Angesicht. Ratlosigkeit hat den Jünger erfasst, der sein Haupt mit der Hand stützt, aber in Treue unter dem Kreuz durchhält. Fragend und wie in stummer Zwiesprache schaut Maria ins sterbende Antlitz ihres Sohnes; aus seiner geöffneten Seite lässt er ihr die beiden Ströme von Wasser und Blut entgegenquellen, damit sie sie als Kirche in dem reinigenden und erneuernden Sakrament der Taufe und im nährenden und erhaltenden Sakrament der Eucharistie weiterfließen lasse an alle, für die er sich in seiner Liebe verschenkt hat. »Es gibt keine größere Liebe als die, wenn einer sein Leben gibt für seine Freunde« (Johannes 15:13)

 

Quelle: Andreasbote April 2003

 

 

Die Gottesdienste in der Zeit vom Lazarus-Samstag

bis zur Auferstehung des Herrn.

 

Die Große und Heilige Woche (Karwoche)

 

Der orthodoxe Gottesdienst in der heiligen Osternacht, der die Auferstehung des HERRN feiert, ist der Höhepunkt des vorausgegangenen fünfzigtägigen Fastens und insbesondere der Karwoche, die in der liturgischen Sprache der orthodoxen Kirche „Heilige und Große Woche“ oder „Leidenswoche“ heißt. Diese beginnt bereits am Abend des Palmsonntags und endet am Karsamstag. 

 

Der Lazarus-Samstag

 

Die sechste und letzte Woche der Großen Fastenzeit, führt uns auf zwei ganz besondere Feste hin. Die Gesänge der Kirche begleiten nun in den Gottesdiensten Christus und seine Jünger auf dem Weg nach Bethanien und nach Jerusalem. Der Lazarus-Samstag ist ein Festtag, der mit dem nachfolgenden Palmsonntag durch vorösterliche Freude und gemeinsame Troparien verbunden ist. Er hat seinen Namen vom Evangelium des Tages (Johannes 11:1-45), das uns von der Auferweckung des heiligen Lazarus durch den HERRN erzählt. Die Liturgiefeier dieses Tages stellt für die Gläubigen einerseits ein Vorabbild (Typos) der Auferstehung Christi und anderseits eine Vorausschau auf die Auferweckung aller Verstorbenen am Jüngsten Tage dar. Denn man kann das Leiden und den Tod Christi am Kreuz nur recht verstehen, wenn man stets deren Ausgang, die glorreiche Auferstehung des HERRN und Seinen Sieg über Hölle und Tod im Blick behält. Daher wird nun unmittelbar vor der Großen und Heiligen Woche (Karwoche) ein vorösterliches Freudenfest gefeiert, in welchem Christus als Sieger über den Tod schon gegenwärtig geschaut wird. Diese Vorwegschau auf den endgültigen Triumphes Christi über den Tod hilft uns stets die Tatsache in Erinnerung zu behalten, dass selbst in seinem tiefsten Leiden Christus das Leben aller ist. So singt die heilige Kirche im 1. Festlied (Troparion): Um schon vor Deinem Leiden die gemeinsame Auferstehung zu bezeugen, hast Du Lazarus von den Toten auferweckt, Christus Gott. Darum tragen auch wir, wie damals die Kinder, die Zeichen des Sieges und rufen Dir, dem Besieger des Todes zu: Hosanna in der Höhe! Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Und im 2. Festlied (Kondakion) heißt es: Die Freude aller, Christus, die Wahrheit, das Licht und das Leben, die Auferstehung der Welt ist erschienen den Erdbewohnern durch Seine Güte. Er bot im Vorbild der Auferstehung die göttliche Vergebung allen dar.

 

Das Tagesevangelium erzählt uns, dass im Dorf Betanien zwei Schwestern wohnten, Marta und Maria. Eines Tages erkrankte ihr Bruder Lazarus, den sie sehr liebten. Die Schwestern schickten zu Christus, um Ihm sagen zu lassen, dass ihr Bruder krank sei, aber als Jesus endlich nach Betanien kam, war Lazarus schon vier Tage lang tot. Christus ließ sich zur Grabhöhle führen, wo man Lazarus bestattet hatte, gebot den Stein wegzurollen, der den Eingang zur Grabhöhle verschloss, sprach ein Dankgebet und rief mit lauter Stimme: „Lazarus! Komm heraus!” Und wirklich: Aus der Höhle kam Lazarus, nach dem Brauch der damaligen Zeit mit Leinenbinden als Grabtüchern umwickelt. Die Zeugen des Wunders der Auferweckung des Lazarus waren vor Staunen und Entsetzen ergriffen. Nachdem sie gesehen hatten, was Christus getan hatte, glaubten viele Juden an ihn und es stieg die Zahl derer die ihm nachfolgten. Andere aber berichteten den Pharisäern von diesem Wunder, die daraufhin den Tod Jesu beschlossen (Johannes 11: 47-53). Auf den Ikonen des Festtages ist Christus dargestellt, hinter Ihm steht eine Gruppe von Aposteln, rechts befindet sich die dunkle hohe Grabhöhle. Christus streckt Seine Hand dem schon auferstandenen, mit Binden umwickelten Lazarus entgegen. Es sind auch Diener, Pharisäer und die Schwestern Marta und Maria zu sehen, die sich vor Christus bis auf die Erde verbeugen.

 

 

Der Sonntag des Einzug des Herrn in Jerusalem auch Sonntag der heiligen Palmen (Palmsonntag) genannt

 

Mit diesem zweiten großen Feiertag vor Beginn der Karwoche gedenkt die orthodoxe Kirche an den feierlichen Einzugs des HERRN in Jerusalem. Diese zwei Feste, der Lazarus-Samstag und der Einzug des Herrn in Jerusalem (der auch Palmsonntag heißt), sind nicht nur durch die historischen Ereignisse eng miteinander verbunden, die im Evangelium beschrieben werden, sondern auch durch das gemeinsame 1. Festlied (Troparion). Im zweiten Festlied (Kondakion) heißt es: Auf dem Throne im Himmel, auf dem Eselfohlen auf der Erde, hast Du, Christus, o Gott, das Loblied der Engel und den Gesang der Kinder aufgenommen, die Dir zuriefen: Gesegnet, der Du kommst, Adam aus der Unterwelt zu befreien. Das Fest des Einzugs des Herrn in Jerusalem gehört zu den zwölf großen Herrenfesten, die wir in der orthodoxen Kirche „Hochfest“ nennen. An diesem Tag gedenken wir des königlichen Einzugs des Herrn in Jerusalem, als die Juden, die zum Passafest nach Jerusalem gekommen waren, Jesus als Messias (griechisch Christus), als Propheten und großen Wundertäter begrüßten. Denn unter den Festpilgern in Jerusalem hatte es sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass Jesus kurz zuvor Lazarus von den Toten auferweckt hatte, obwohl dieser schon vier Tage im Grab gelegen hatte. Die Einwohner und Festpilger in Jerusalem, Erwachsene und Kinder bildeten ein Spalier und sangen Christus „Hosanna”. Sie legten ihre Kleider unter die Füße des Esels, auf dem der HERR ritt, und empfingen Ihn mit grünen Zweigen und Blumen. Die war der traditionelle Empfang in Israel für einen siegreichen König beim Einzug in die heilige Stadt. So entsprachen diese Zeichen der Verehrung der wahren Bedeutung der Mission Jesu und Seiner göttlichen Würde. Christus kam nach Jerusalem, in die heilige Stadt des alten Bundes, wo sich der Tempel des HERRN befand, den Christus selbst als Haus Seines Vaters bezeichnete. Er zog in Jerusalem ein als der KÖNIG, als der HERR und als der SOHN GOTTES. Gleichzeitig aber kam ER in die Stadt, um die Leiden und den Tod auf sich zu nehmen, was Ihm gemäß Seinen Leidensankündigungen an Seine Apostel und Jünger sehr wohl bewusst war. Es begrüßte Ihn das Volk in der Stadt, das Ihn einige Tage später dem Gericht des Pilatus, der Geißelung und Kreuzigung überantwortete sollte, das Volk, das Ihn einige Tage später verspottete und sich über Seine Erniedrigung freute; Sein Volk in dessen Mitte er gelebt, das Evangelium vom nahen Reiche Gottes verkündet und Seine vielen Wunder vollbracht hatte. Christus kam in die Stadt, um für die Erlösung der Menschen der ganzen Welt zu leiden, in die Stadt, über die Er wenig später sagen wird, dass sie der Zerstörung anheimfallen würde, da sie ihre Bestimmung nicht erkannt hatte. Die historischen Ereignisse, an die dieses Fest erinnert, sind bei allen vier Evangelisten genau beschrieben. In Russland und der Ukraine wird dieser Festtag „Weidensonntag” (вербное воскресенье) genannt. Dieser Name kommt daher, dass hier im europäischen Nordosten die Gläubigen an diesem Festtag gewöhnlich mit Zweigen verschiedener Weidengewächse oder anderer Bäume, die im Frühling als erste Knospen treiben, in den Gottesdienst kommen. Im Südosten Europas und im Orient verwenden die orthodoxen Christen an diesem Festtag Palmzweige als Zeichen des kommenden Sieges Christi über Sünde und Tod. Weiden- und Palmenzweige sind ein Symbol für die Zweige, welche die Juden trugen, als sie Christus in Jerusalem begrüßten. In die Weiden- oder Palmbüschel werden Kerzen gesteckt. Die Zweige werden beim Morgengottesdienst (Orthros/Utrenja) des Palmsonntags geweiht. Die geweihten Palmzweige werden nach Hause mitgenommen und in der so genannten „Hauskirche“, der Ecke mit Ikonen, bis zum nächsten Jahr aufbewahrt. Das Fest des Einzugs des Herrn in Jerusalem leitet uns zur ernsten Feier der Karwoche hinüber. Auf diesen Tagen liegt bereits der Charakter der bevorstehenden Leidenstage. Trotzdem ist das Fest des Einzugs des Herrn in Jerusalem ein großer Tag der Verherrlichung des himmlischen Königs, ein Feiertag der Verherrlichung der göttlichen Natur Jesu Christi.

 

 

Nach der Feier des Einzugs des Herrn in Jerusalem treten wir ein in das Gedächtnis an die Leiden und den Tod des HERRN während der Großen und Heiligen Woche.

 

Großer und Heiliger Montag bis Mittwoch

 

Im Mittelpunkt der Lesungen, Hymnen und Gebete dieser Tage steht das Kommen Jesu als des Bräutigams der Kirche. Am Mittwoch wird das Sakrament der Krankensalbung gefeiert. Charakteristikum der Feier des Sakraments der Krankensalbung sind sieben Epistel-Lesungen, sieben Evangeliums-Lesungen und sieben priesterliche Gebete. Am Ende der Feier lassen sich die Gläubigen durch den Priester mit dem geweihten Öl, das eines der Mysterien (Sakramente) der orthodoxen Kirche ist, salben.

 

Große und Heilige Donnerstag

 

Am Donnerstag in der Karwoche gedenkt die orthodoxe Kirche der Fußwaschung, der Einsetzung der allheiligen Eucharistie 12 (Kommunion), des Hohenpriesterlichen Gebetes des HERRN um das Heil der Kirche und die Einheit der Christen und als Auftakt der bitteren Leiden des Herrn an den Verrat des Judas. Der Einsetzung des Abendmahls wird neben der Feier der Eucharistie dadurch gedacht, dass heute die Allerheiligsten Gaben für die Krankenkommunion konsekriert und dann das Jahr über im Artophorion (дароносица, Tabernakel) aufbewahrt werden. In den bischöflichen Kathedralkirchen wird die Fußwaschung (Johannes 13,1-17) im Rahmen des Morgengottesdienstes vollzogen. Vom zelebrierenden Liturgen (dem Bischof oder Priester) werden zwölf Personen, meist Priestern (symbolisch für die zwölf Apostel) die Füße gewaschen. Unter dem Vorsitz des Patriarchen der orthodoxen Lokalkirchen wird an diesem Tag auch das in den orthodoxen Lokalkirchen benötigte Heilige Myron bereitet und geweiht. 

 

 

Zwei Elemente beherrschen den abendlichen Gottesdienst (Vesper) des Tages:

 

Erstens die Lesung der 12 Leidensevangelien, bei denen es sich um Ausschnitte aus allen vier Evangelien, die vom Leidensweg Jesu Christi berichten und zweitens die Kreuzesprozession. Diese findet nach der sechsten Lesung statt und verläuft wie folgt:

  

Die Kreuzesprozession.

 

Der Zelebrant (Bischof oder Priester) trägt das bis dahin hinter dem Altar aufgestellte große Holzkreuz mit der darauf befindlichen Ikone des gekreuzigten Christus vom Altarraum in die Mitte der Kirche hinein. Ihm gehen die Altardiener voraus. Dabei singt der Chor den Gesang der 15. Antiphon aus dem Morgengebet des Großen und Heiligen Freitags:

 

"Heute hängt am Kreuz, der die Erde über den Wassern aufgehängt. Heute hängt am Kreuz, der die Erde über den Wassern aufgehängt. Heute hängt am Kreuz, der die Erde über den Wassern aufgehängt. Eine Dornenkrone trägt der König der Engel. Zum Spotte wird in Purpur gehüllt, der da hüllt den Himmel in Wolken. Mit Nägeln wird angeheftet der Bräutigam der Kirche. Mit der Lanze durchbohrt der Sohn der Jungfrau.

 

Wir fallen nieder vor Deinem Leiden, Christus. (Grosse Metanie)

 

Wir fallen nieder vor Deinem Leiden, Christus. (Grosse Metanie)

 

Wir fallen nieder vor deinem Leiden, Christus. (Grosse Metanie)

 

Zeige uns auch Deine herrliche Auferstehung.

 

Das Kreuz wird sodann von den Gottesdienstbesuchern liebevoll mit Blumen und Blumenkränzen geschmückt. Danach verehren die Gottesdienstbesucher den gekreuzigten Christus, indem sie sich zuerst vor dem heiligen Kreuz bekreuzigen und dann die großen Metanie (Niederwerfung) vollziehen und das Holz des heiligen Kreuzes bzw. die Füße Seiner heiligen Ikone küssen. Die Kreuzverehrung will uns Christen daran erinnern, was uns in der heiligen Taufe bereits widerfahren ist: Das dreimalige Untertauchen des Täuflings bezeichnet seine Teilnahme am Kreuzestod unseres HERRN Jesus Christus, das jeweils folgende Auftauchen seine Teilnahme an der Macht des Auferstandenen und seine Berufung zu einem neuen Lebenswandel.

 

Die Kreuzverehrung hat zur Grundlage das unfassbare Mysterium der Taufe, denn das Kreuz ist das Siegeszeichen auch unsrer Befreiung aus der Allmacht des Todes. Mit unserer Kreuzverehrung schließen wir uns dem Siegeszug Jesu Christi durch das Totenreich zu unserer eigenen zukünftigen Auferstehung hin an. Nicht der innere psychologische Nachvollzug des Leidens Christi ist das Entscheidende, sondern unsere sakramentale Teilnahme am Kreuzesgeschehen in unserer Taufe. Es ist der Tod des HERRN, der uns in unserer eigenen Taufe leibhaft berührt und mit einschließt. Durch das dreimaligen Untertauchen in unserer Taufe sind wir in unfassbarer Weise mit dem Tod Christi am Kreuz und Seiner Auferstehung am Ostermorgen verbunden, „eingepflanzt“, wie es der heilige Apostel Paulus ausdrückt: "So sind wir mit IHM (Christus) durch die Taufe begraben in den Tod, auf dass wir, gleichwie Christus von den Toten auferweckt ist... auch wir in einem neuen Leben wandeln" (Römer 6,4).

 

Die Feier der Kreuzesabnahme, die so in der griechischen Tradition begangen wird, findet als liturgisches Verbindungselement zwischen der Feier der Passion und der Begräbnisfeier Christi statt. 

 

Die Zeremonie der Kreuzesabnahme (griechisch = apokathelosis).

 

Diese findet im Rahmen des Vespergottesdienstes des Großen und Heiligen Samstags statt (herkömmlich wird dieser Gottesdienst in der griechischen Tradition am Freitagmittag gelesen). Während der Lesung aus Matthäus 27:57-62 tritt der Zelebrant in Prozession aus dem Altarraum in die Mitte der Kirche heraus. Nach einer dreimaligen Proskynese (Metanie) nimmt er die Ikone des gekreuzigten Christus vom Kreuzesholz herab, umhüllt sie mit einem weißen Tuch und trägt sie andächtig in den Altarraum. Bis zum Abschluss des Osterfestes bleibt die Ikone hinter dem Altar, wo sie bis zum Pfingstfest aufbewahrt wird. 

 

Die Feier der Grablegung und das Heraustragen des Grabtuches.

 

Anstelle des Kreuzes, das nun in den Altarraum zurückgebracht wurde, wird im Rahmen desselben Vespergottesdienstes das Grabtuch Christi, der Epitaphios in der Mitte der Kirche getragen. Der Epitaphios (griechisch aus epi = auf und tafos = Grab) ist ein geschmücktes Tuch aus Samt oder Seide mit einer Ikone der Grabeslegung des HERRN. Der Ephitaphios lag während der Vesper auf dem Altar. Nun wird er in feierlicher Prozession aus dem Altar getragen und auf ein Grabpodest in der Mitte der Kirche gelegt. Währenddessen singt der Chor das Grablegungstropar: "Der ehrwürdige Joseph nahm Deinen allerreinsten Leib vom Holze des Kreuzes herab, hüllte ihn in eine unbefleckte Leinwand und bestattete ihn, mit wohlriechenden Spezereien bedeckt, in einem neuen Grab". Während der Grablegung verharrt die  Gemeinde ehrfürchtig in bis zur Erde niedergeworfener Haltung. In der griechischen Tradition ist der Podest des Heiligen Grabes von einer geschnitzten hölzernen Kuppel überwölbt, die die Kapelle des Grabes Christi in der Anastasis- Kirche in Jerusalem abbildet. Die heilige Ikone im Grabe liegenden Christus wird mit Blumen geschmückt. Über das Gesicht Christi breitet der Priester ein Aer (liturgische Decke zur Verhüllung des Kelches) und auf die Brust Christi legt er das Evangelienbuch. Die Gläubigen treten heran, um das heilige Grab zu verehren. Dabei bringen sie oft Blumen und wohlriechendes Öl zur Verehrung Christi dar. 

 

 

Der große und Heilige Samstag

 

Am Samstag in der Karwoche gedenkt die Orthodoxe Kirche des Begräbnisses Christi und Seines Hinabstieg in das Reich des Todes, den Hades. Seit dem 8. Jahrhundert wurde die ursprüngliche Auferstehungsfeier mit der vorangehenden Taufe der Katechumenen durch die heutige übliche Feier der Osternacht verdrängt. Dieser Gottesdienst wird heute am Samstagvormittag gefeiert. In Griechenland werden noch heute der Gesang der Grabeshymnen, die die Beweinung Christi durch die allheilige Gottesgebärerin zum Thema haben und die Prozession mit dem Grabtuch Christi am Samstagvormittag begangen. Sie sind dort besonders volkstümlich und viele Gläubige kennen diesen langen Hymnengesang auch auswendig. Im Griechischen werden sie nach dem Beginn der ersten Ode als Ἡ ζωή ἐν τάφω (Das Leben im Grabe) bezeichnet und in der Regel von allen Gottesdienstteilnehmern gemeinsam gesungen. In der russischen Tradition liest der Priester vor dem Grab Christi diesen Hymnus schon am Freitagabend im Anschluss an die Feier der Grablegung, währenddessen die Gläubigen das Grabtuch Christi verehren. Auch die Prozession mit dem Grabtuch findet nach der russischen Tradition am Ende der Beweinung Christi am Freitagabend statt. Nach der griechischen Tradition findet die Epitaphios-Prozession am Samstagmorgen statt. Während dieser Prozession wird der Grabschrein Christi in feierlicher Prozession durch die auf dem Kirchhof versammelte Menge getragen und von den Gottesdienstbesuchern andächtig verehrt. Während dieser Prozession tragen die Gläubigen angezündete Kerzen und singen dabei wieder die oben genannten Grabeslieder und verleihen somit dem ganzen Geschehen eine besonders eindrucksvolle und feierliche Note. Diese Prozession führt vom Inneren der Kirche hinaus in den Hof der Kirche, dann durch mehrere Straßen und wieder zurück in die Kirche.

zusammengestellt von Thomas Zmija von Gojan.

 

 

 

Die Große und Heilige Woche 

Karwoche

 

Hand-Out I zur Gemeindekatechese in Balingen am 09. April 2017

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Gottesdienste der Karwoche leiten uns von den vierzig Tagen der großen Fastenzeit hin zu Pas’cha, dem Fest der lichten Auferstehung des Herrn. Durch die beiden Feiertage am Ende der Großen Fastenzeit, an denen wir am Samstag der Auferweckung des Lazarus und am Sonntag des Einzugs des Herrn in Jerusalem (Palmsonntag) gedenken, sind diese Tage sowohl von der großen Traurigkeit wegen der Leiden und dem Sterben des Herrn, aber auch schon von einer große Spannung und Erwartung, ja fast einer Vorfreude wegen des nun kommenden Ereignisses, dem Fest der Feste, der lichten Auferstehung geprägt.

 

Wie ein Eingangstor auf Ostern hin begeht die orthodoxe Kirche vor dem Beginn der Großen und Heiligen Woche, die im Westen Karwoche genannt wird, den Lazarus-Samstag. Es ist der Samstag vor dem Sonntag der Palmen, an dem wir des Einzugs des Herrn in Jerusalem gedenken. Nach dem Bericht der heiligen Evangelien lebte Lazarus mit seinen Schwestern Maria und Martha in Bethanien, einem Dorf am östlichen Abhang des Ölbergs bei Jerusalem. Unser Herr Jesus Christus war ein guter Freund der Familie, und die Evangelien berichten uns, dass Er die Geschwister oft besuchte. Als der heilige Lazarus schwer erkrankt, riefen Maria und Martha den Herrn durch einen Boten zu sich: "Herr, Dein Freund ist krank." Doch Lazarus stirbt, bevor Christus in Bethanien ankommt. Die trauernden Schwestern empfangen Ihn, und Jesus weint mit ihnen um den geliebten Freund. "Dein Bruder wird auferstehen", tröstet er Martha. Gemeinsam gehen sie daraufhin zum Grab des Lazarus. Christus lässt den Stein vor dem Grab, in dem der heilige Lazarus bereits seit drei Tagen lag, wegnehmen und betet zu Seinem Himmlischen Vater. Dann ruft Er laut: "Lazarus, komm heraus!" Noch in Binden und in ein Schweißtuch gewickelt, kommt Lazarus aus dem Grab hervor. Im Johannesevangelium (Johannes 11: 45–53) wird uns berichtet, dass aufgrund dieser Ereignisse viele Menschen zum Glauben an Christus kamen. Andere aber berichteten es den Pharisäern, die daraufhin den Tod des Herrn beschlossen.

 

So ist die im Johannesevangelium geschilderte Auferweckung des heiligen Lazarus durch unseren Herrn Jesus Christus zum einem ein Vorzeichen (Typos) der kommenden Auferstehung des Herrn. Gleichzeitig enthält diese Perikope aber auch die Erklärung dafür, warum die Pharisäer und der jüdische Sanhedrin (hohen Rat) den Herrn töten wollten. Denn durch die Auferweckung des Lazarus erwies sich Jesus, als der Christus, der Sohn des Lebendigen Gottes. Nicht umsonst ist das auch die Frage, die der Hohe Priester Kaiaphas an Christus richtet: „Ich beschwöre Dich bei dem lebendigen Gott, daß Du uns sagst, ob Du Christus, der Sohn Gottes bist“ (Matthäus 26:63).

 

In Jerusalem findet seit dem 4. Jahrhundert eine Lazarus-Prozession von Jerusalem nach Bethanien statt. So entwickelte sich schon in altkirchlicher Zeit der Brauch, ausgehend von der Liturgietradition in der Kirche von Jerusalem, am Samstag vor dem Palmsonntag der Auferweckung des heiligen Lazarus zu gedenken. 

 

Der darauf folgende Sonntag ist dem Gedenken an den Einzug des Herrn in Jerusalem, auch Sonntag der Palmen (Palmsonntag) genannt, gewidmet. Die Evangelien berichten uns davon, wie unser Herr und Erlöser Jesus Christus, auf dem Füllen einer Eselin reitend, in die Stadt Davids einzog. Die Menschen auf den Straßen hielten dabei  Palmzweige in der Hand und jubelten ihm zu, indem sie riefen: „Hosianna dem Sohne Davids. Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn!“ Nachdem der Herr in Bethanien seinen toten Freund Lazarus nach drei Tagen wieder von den Toten auferweckt hatte, und nach den vielen Wundern und Zeichen, die Er in den letzten drei Jahren in Galiläa, in Judäa und Samarien, aber auch im Phönizien und der Dekapolis (dem Land der Heiden) getan hatte, sahen viele in ihm den Messias. Jedoch verwechselten sie ihre jüdisch-nationale Erwartung nach einem neuen König David, der die Römer aus Palästina vertreiben und das Großreich Israel im Nahen Osten wieder aufrichten sollte, mit dem Kommen des Christus, des Sohnes Gottes. Als sich dann ihre politischen Erwartungen nicht erfüllten und ihre nationalen Ambitionen enttäuscht wurden, wurde aus den Rufen des „Hosianna dem Sohne Davids“ schnell das „Kreuzige Ihn“, das dann vor dem Richterstuhl des Pilatus ertönte.

 

Die Christen feiern diesen Tag mit Palmenzweigen, oder in den nördlichen Gegenden mit Weidenzweigen in den Händen, da es in unseren Breitengraden keine Palmen gibt. In der Nachtwache, beziehungsweise am Ende der Göttlichen Liturgie, erfolgt die Weihe der Palmzweige (Buchs- oder Weidenzweige). Die Gläubigen nehmen sie mit nach Hause, um sie dort über das kommende Jahr in der Ikonenecke aufzubewahren. 

 

Mit der Vesper am Abend des Palmsonntags beginnt dann die Feier der Passion des Herrn, die Große und Heilige Woche (Karwoche). In den Gottesdiensten dieser Tage wird des Leiden und Sterbens des Herrn gedacht. Die Gottesdienstbesucher hören an diesen Tagen die Passionsgeschichte nach Matthäus, Markus oder Lukas, die so genannten synoptischen Passionsberichte. Der Passionsbericht nach Johannes ist für den Karfreitag vorbehalten.

 

Der Große und Heilige Montag ist vom Bericht der Evangelien über die Tempelreinigung gekennzeichnet. Nach dem Bericht der Evangelien hat unser Herr Jesus Christus, als er die Geldwechsler und Händler im Jerusalemer Tempel vorfand, wie sie im Vorhof des Tempels Ochsen, Schafe und Tauben verkauften und Münzen aus aller Herren Länder in die Landeswährung eintauschten, sie alle kurzerhand aus dem Tempel vertrieben. Darauf verkündete der Herr dem versammelten Volk, dass der Tempel als das Haus Gottes ein Ort des Gebetes sein solle.

 

Der darauffolgende Große und Heilige Dienstag erinnert uns an das Gleichnis von den zehn klugen Jungfrauen, die auf Gott warten. 

 

Am Großen und Heiligen Mittwoch hören wir die Geschichte über jene Sünderin, die Christus wenige Tage vor Seinem Einzug in Jerusalem in Bethanien die Füße mit wohlriechendem Öl gesalbt hatte, als Zeichen der großen Demut und der aufrichtigen Reue für ihre Sünden. Als die Anwesenden die Frau in ihrem Herzen verurteilen, sagt Christus, dass diese Salbung im Hinblick auf Sein Begräbnis geschehe. Fast alle Hymnen in den Gottesdiensten dieses Tages beziehen sich auf diese Frau. Aber es  scheint einige Verwirrung über die Identität dieser Frau zu geben. Die Erzählungen der Evangelien von Matthäus, Markus und Johannes (Matthäus 26: 6-16; Markus 14: 3-11; Johannes 12: 1-8) reden von einer Maria, die die Schwester des Lazarus ist. Lukas aber bezieht sich auf eine ähnliche Salbung durch eine Sünderin, die zu einer anderen Gelegenheit vor Seinem Leiden (Lukas 7: 36-50) geschah. 

 

Mit dem Thema der Salbung des heiligen Leibes Christi verbunden wird an diesem Tage die Feier des Mysterions (Sakramentes) der Heiligen Ölsalbung, das an diesem Tag nach der Komplet (Apodeipnon) für die seelische und leibliche Gesundung der Gläubigen und zur Vergebung ihrer Sünden gefeiert wird. Beim Sakrament der Ölsalbung handelt es sich um einen Gottesdienst, in dem sieben Evangeliumsstellen gelesen werden, die sich alle auf die geistliche Bedeutung des Sakramentes, also die Heilung und Sündenvergebung beziehen. Deshalb ist es gut, wenn wir diese Evangelien schon einmal vor dem Gottesdienst zu Hause lesen, um uns damit auf einen würdigen Empfang des Sakramentes vorzubereiten. Im Anschluss an die Lesung der sieben Evangelien, die mit sieben Absolutionsgebeten verbunden sind, werden die Menschen mit dem geheiligten Öl gesalbt. In Russland gibt es auch die Ordnung, die Salbung siebenmal nach jedem der Evangelien und Gebete zu vollziehen. Durch die Salbung mit dem Heiligen Öl werden die Menschen durch die Kraft des Heiligen Geistes berührt und gestärkt. Viele Kirchenbesucher nehmen auch das Stück Watte, mit dem man am Ende das geheiligte Öl abwischt, mit nach Hause, um damit über die Heiligen Ikonen zu streichen. Dies sollte man jedoch nur mit dem Segen des Priesters tun, das das geheiligte Öl ein Sakrament ist, und es deshalb im Raum der Kirche verbleiben sollte. Auch muss die Watte am Ende an einem würdigen und sauberen Ort verbrannt werden.

 

Der Große und Heilige Donnerstag (Gründonnerstag) ist dem Gedächtnis der Einsetzung der Heiligen Kommunion (Heiliges Abendmahl auch Heilige Eucharistie) gewidmet. Es wird die Göttliche Liturgie nach der Ordnung des Heiligen Basilius des Großen gefeiert. In dieser Liturgie wird auch das Lamm konsekriert, dass für die Krankenkommunion im Artophorion (Tabernakel) auf dem Altar aufbewahrt wird. Insgesamt ist dieser Tag dem Gedächtnis an gleich vier heilige Geschehnisse gewidmet, die sich ursprünglich alle am Abend dieses Tages ereignet haben.

 

1. Die Fußwaschung, das heißt der Herr wusch die Füße Seiner Jünger.

 

2. Das Letzte und Heilige Abendmahl, das ist die Einsetzung des Sakramentes der Heiligen Eucharistie durch den Herrn.

 

3. Das Gebet auf dem Ölberg, das der Herr in Todesangst vor Seiner Gefangennahme in Gethsemane betete.

 

4. Der Verrat des Judas, das ist die Ausführung seines Verrates, nicht aber sein Handel mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, der schon vorher stattgefunden hatte.

 

Am Großen und Heiligen Donnerstag wird in Konstantinopel und allen übrigen autokephalen Kirchen vom Patriarchen in einer besondere Zeremonie das Heilige Myron geweiht. Diese Zeremonie findet nicht jedes Jahr, sondern von Zeit zu Zeit statt. Die autokephalen Kirchen, die die Weihe des Myron nicht selbst vollziehen, empfangen es vom Patriarchen von Konstantinopel oder ihren Mutterkirchen. Das Heilige Myron wird zum Vollzug des Sakramentes der Myronsalbung gebraucht.

 

Am Abend des Großen und Heiligen Donnerstags wird nach der liturgischen Praxis der Morgengottesdienst des Großen und Heiligen Freitags (Karfreitag) gesungen. In diesem Gottesdienst werden 12 Leidens-Evangelien gelesen, die den Gläubigen eine Zusammenfassung der  Leidensgeschichte vom Ende des Abendmahls bis zum Zeitpunkt des Begräbnisses und der Versiegelung des Grabes vortragen. Nach dem fünften Evangelium verkündet der Priester die Kreuzigung. Der Chor singt die Verse „Heute hängt am Kreuz ...“ während der Priester in einer Prozession das Kreuz vom Altar bis zur Mitte des Kirchenschiffs trägt. Der Priester stellt das Kreuz dann vor die Königlichen Türen und die Gläubigen kommen und verehren es. Am Gründonnerstag und Karfreitag gedenken die Christen der Leiden und Sterben ihres Herrn und Erlösers Jesus Christus. Beide Tage sind untrennbar mit dem Festgeheimnis des Osterfestes als dem Fest der Auferstehung des Herrn verbunden. Die Liturgie dieser Tage versteht Leiden, Tod und Auferstehung Christi als eine Einheit, als ein einzigen großes Mysterium des Glaubens.

 

Der Große und Heilige Freitag ist ganz dem Gedächtnis des Leiden und Sterben Jesu Christi gewidmet. Deshalb ist der Karfreitag auch ein strenger Fasttag, an dem die Gläubigen (nach Möglichkeit) bis nach der Feier der Grablegung weder essen noch trinken. Am Morgen des Großen Freitags werden die Kaiserlichen Stunden gelesen. Sie verbinden Lesungen aus den messianischen Psalmen, den Propheten, den Apostelbriefen und den Evangelien. Die jeweils vorgetragenen Lesungen der Evangeliums-Perikopen beziehen sich alle auf die Passion des Herrn. Durch diese Lesungen und die sie deutenden Hymnen wird das gesamte Erlösungswerk des Herrn beredt ausgelegt und  vergegenwärtigt. Auch wenn diese Gottesdienste in den meisten Pfarrkirchen heute nicht mehr gehalten werden und nicht jeder von uns die Gelegenheit hat, sie in einem Kloster mitzuerleben, so sind es doch Texte und Gebete, die uns in ihrer tiefen Bedeutung anzusprechen vermögen. Insofern ist es gut und ratsam, wenn wir zu Hause zumindest einige dieser Texte am Karfreitag betend betrachten.

 

In der Vesper, die am Nachmittag gesungen wird, erfolgt dann die Feier der Grablegung. In der griechischen Tradition hat sich die liturgische Darstellung der Abnahme des Heiligen Leibes des Herrn vom Kreuz durch Joseph von Arimathea erhalten. Diese Kreuzabnahme findet statt kurz vor dem Ende der Lesung aus dem Evangelium in der Vesper statt. Der Priester nimmt die Darstellung des Leibes Christi vom Kreuz ab, wickelt die Ikone in weißes Tuch und trägt sie in den Altarraum, wo er sie auf den Altar legt. 

 

Am Schluss des Vesper wird eine mit Goldfäden ausgeführte Stickerei, die den toten Leib des Herrn darstellt, griechisch Epitaphios, slawisch Plaščeniza genannt, in feierlicher Prozession durch den Priester aus dem Altarraum in die Mitte der Kirche getragen und in das mit Blumen geschmückte Heilige Grab gelegt. Nach dem Priester treten die Menschen heran, um den toten Leib des Herrn in der Ikone der Plaščeniza zu verehren. Dabei ist das Gesicht des Herrn mit einem Aer (Velum) bedeckt. Bei der Verehrung der Plaščeniza küssen wir das Evangelienbuch, das über den gekreuzten Händen der Ikone liegt und die Darstellung der Füße auf der Plaščeniza, jedoch nicht das verhüllte Gesicht des Herrn, da Judas seinen Verrat ausführte, indem er den Herrn auf das Gesicht küsste. Danach wird vor der Plaščeniza der  Morgengottesdienst des Karsamstags gesungen, der des Begräbnisses des Leibes des Herrn gedenkt. Mitten in ihm erklingen die „Klagelieder“, die zu anrührendsten Gesängen des orthodoxen Gottesdienstes gehören. Es ist dies der Beweinungskanon durch die allheiligen Gottesgebärerin. Später, während die letzten Verse der Großen Doxologie ertönen, wird die Plaščeniza in einer feierlichen Prozession um die Kirche getragen, wobei wie bei einer Beerdigung „Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser“ gesungen wird und die Glocken in einer sehr langsamen Frequenz trauervoll um den Tod des Herrn läuten. So zieht das gesamte versammelte Volk in einer feierlichen Prozession um die Kirche hinter der Plaščeniza her.

 

Während in den abendländischen Kirchen am Karsamstag keine Gottesdienste stattfinden, weil es der Tag der Grabesruhe Christi ist, gilt der Karsamstagmorgen in der orthodoxen Kirche als das erste Osterfest. Der Gottesdienst, der am Morgen gefeiert wird, nennt sich die "kleine Auferstehung". Bis ins 8. Jahrhundert, als die heutige Auferstehungsfeier eingeführt wurde, war er die nächtliche Feier. Dieser Gottesdienst verbindet die  Feier der Vesper mit der Göttlichen Liturgie nach der Ordnung des Heiligen Basilius des Großen. In dieser Feier wurden ursprünglich die Katechumenen im Baptisterium getauft. So ist der Gottesdienst am Morgen des Großen und Heiligen Samstags bereits von der freudigen Feierlichkeit der Auferstehung geprägt. Nach der Lesung der alttestamentlichen Paromien (Prophetzeihungen), die sich alle auf die Vorherverkündigung des in Christus gekommenen Heiles beziehen, wird das Große Prokimenon aus Psalm 81,8 gesungen: „Steh auf, Gott, richte die Erde! Denn Du erbst aus allen Völkern“. Es ist der erste Ruf der nun kommenden Auferstehungsfeier. Nun werden die dunklen Behänge der Analoi entfernt und auch der dunkle Vorhang vor den Königlichen Türen wir gegen einen weißen getauscht. In der griechischen Tradition tritt der Priester jetzt, schon in die weißen Gewänder des Osterfestes gekleidet, auf die Solea und wirft als Zeichen des Sieges Christi Lorbeerblätter über die Gläubigen im Kirchenschiff. Im orthodoxen Glauben bekennen wir, dass Jesus Christus in den Tod hinabgestiegen ist und die Fesseln derer löste, die in der Unterwelt (dem Hades = dem Reich des Todes) gefangen waren. Die orthodoxe Ikone der Auferstehung zeigt uns dieses Ereignis sehr eindrücklich. Der Teufel liegt gefesselt da, seine Schlösser und Schlüssel sind zerschmettert und Christus der Erlöser streckt Adam und Eva die Hand in fürsorglichen Liebe entgegen, um sie aus dem Tode zum Leben, in das ewige Leben, zu führen. In Christi Auferstehung ist der Tod durch den Tod zertreten und denen in den Gräbern das Leben geschenkt worden. So geht an dieser Stelle die Große und Heilige Woche zu Ende und damit geht die Feier des Kreuzes-Pas’cha in die Feier des Auferstehungs-Pas’cha über, das wir dann in der nächtlichen Feier der Auferstehung jubelnd verkünden. Alles was auf Erden und in den Himmeln ist, wird dann aufgerufen sein, dem auferstandenen Herrn das große Loblied mit Jubel zu singen. Die ganze Heilige Kirche als das christusliebende Volk vereint mit den Himmlischen, den heiligen Engeln, den Aposteln, Propheten, Märtyrern und allen übrigen Heiligen, aber auch die übrige Schöpfung, die Gewässer, die Sonne und der Mond, die Sterne, das Licht und die Dunkelheit, die Hitze und die Kälte, der Tau, der Schnee, die Wolken, die Berge, die Quellen, die Flüsse mitsamt aller Kreatur singen dann voll Freude

 

Christus ist erstanden von den Toten,

durch den Tod hat er den Tod zertreten,

und denen in den Gräbern das Leben geschenkt!

  

 

Das Mysterion (Sakrament) der Heiligen Ölung

 

Hand-Out II zur Gemeindekatechese in Balingen am 09. April 2017 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Vorbemerkung: Die heilige Ölung oder die Krankensalbung ist das Mysterion (Sakrament), in dem die Heilige Kirche für einen Kranken die Gnade Gottes erfleht, welcher die Krankheiten der Seele und des Leibes durch Salbung mit geheiligten Öl heilt. 

 

In unserer vor allem auf das diesseitige, irdische Leben bezogenen Lebenshaltung gibt es heutzutage fast niemanden, der richtig begreift, was Krankheit ist. Durch den Sündenfall kamen Leid, Krankheit und Tod in diese Welt. Sie sind nicht Teil der ursprünglichen Schöpfungsordnung Gottes, sondern eine Folge der Wirkmacht des Bösen. Seit dem Sündenfall sind es sein Einfluss, der die die Gesetze dieser gefallenen Welt bestimmt, in der die Sünde das Leben zerstört. Die unvermeidliche Folge der Sünde sind Krankheiten und Tod. Insofern ist sinnlos, den Körper heilen zu wollen, wenn die Seele weiterhin krank ist. Deshalb ruft die Kirche uns auf, wenn sie die körperlichen Nöte und Gebrechen heilen will, die Seele dabei nicht zu  vergessen. Sogar wenn sich erfahrene Ärzte um unsere Gesundheit bemühen, schenkt allein Gott die Heilung, und wenn Er es in Seinem Heiligen und Unergründlichen Ratschluss es nicht will, werden alle Bemühungen und fachlichen Fähigkeiten der Ärzte am Ende umsonst sein. Aber der Herr hat die Macht, jeden Menschenm der Ihn voll Glauben bittet zu heilen. Diese Heilung wendet sich immer an den ganzen Menschen, sowohl seine Seele als auch seinen Körper.

 

Die orthodoxe Kirche will uns durch das Heilige Ölsakrament, die Heilige Krankensalbung, dorthin führen, dass, wenn wir uns anschicken, den menschlichen Körper zu heilen, nicht die Heilung der Seele vergessen. Deshalb wendet sie sich in diesem Mysterion der Heilung des Urgrundes aller Krankheit zu –der Sünde.

 

Im Buch der kirchlichen Gotttesdienste (Euchologion oder Trebnik (Rituale)) genannt steht geschrieben, dass dieses Sakrament den „schwer Erkranken“ gespendet wird. Da die orthodoxe Kirche die Sünde als eine Krankheit versteht und weit weniger als einen Regelverstoß gegen Gottes Gebot, der durch Rechtfertigung des Sünders vor Gott behoben wird, spendet die orthodoxe Kirche das Heilige Ölsakrament in der Großen und Heiligen Woche allen Gläubigen und nicht wie im Rest des Jahres nur den  „schwer Erkranken“ (Dies sind die Regeln der russischen Tradition. Die Regeln der rumänischen und griechischen Tradition erlauben den Vollzug des Ölsakramentes für alle Gläubigen auch zu anderen Zeiten des Kirchenjahres).

 

Da der Empfang des Heiligen Ölsakramentes  nicht nur zur Heilung des Leibes, sondern in erster Linie zur Heilung der Seele dient, hat die Heilige Kirche die Empfehlung oder Regel gegeben, dass der Empfang des Heiligen Ölsakramentes mit vorheriger Heiliger Beichte und Kommunion verbunden sein soll.

 

Wichtig zu beachten ist beim Empfang der Heiligen Krankensalbung, dass der Empfang des Sakramentes nicht bedeutet, dass man aufhören sollte, die verordneten Medikamente einzunehmen oder den Arzt aufzusuchen und seinen therapeutischen Anweisungen Folge zu leisten. Denn wenn die Heilung durch das Handeln des Arzt geschieht, so ist auch dies Gott Handeln durch die Hände des Arztes. Dies können wir in besonders schöner Weise am Leben des Heiligen Lukas von der Krim und dem der Heiligen Uneigennützigen erkennen. Erzbischof Gabriel sagte einmal, dass der heutige hohe Entwicklungstand der ärztlichen Kunst eine Erhörung der Gebete aller frommen Christen darstellt, die in den vergangenen Jahrhunderten um Heilung gebetet haben.

 

Der folgende Artikel behandelt das Heilige Ölsakrament mit einem besonderen Augenmerk auf seine Spendung am Mittwoch der Großen und Heiligen Woche (Karwoche).  Zu einem späteren Zeitpunkt wird es auch einen eigenen Vortrag über das Heilige Ölsakrament und dem Umgang der Orthodoxie mit schwer Erkrankten und Sterbenden geben.

 

 

Die heilige Ölung ( griechisch: Ευχέλαιο, russisch: Соборование oder Елеосвящение) wird in der orthodoxen Kirche sowohl für die seelische Reinigung der Christen, als auch für die Kranken zu ihrer Stärkung und Heilung gespendet. Im Markus-Evangelium wird uns berichtet, wie die Apostel auf das Geheiß des Herrn zum Predigen hinaus zogen. Sie „trieben böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund“ (Markus 6:13). Im Jakobusbrief steht: „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Priester der Kirche, damit sie über ihn beten und ihn salben mit Öl im Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden“ (Jakobus 5: 14-15).

 

Über das Sakrament des Heiligen Öl sagt uns der heilige Symeon von Thessaloniki: "Das heilige Öl wurde uns überliefert als ein geheiligtes Sakrament und als eine Form der Göttlichen Barmherzigkeit, die den Empfängern gereicht wird zur Erlösung und Reinigung von den Sünden; deshalb entbindet dieses Sakrament von den Sünden, richtet von den Krankheiten auf und bewirkt die Heiligung. All dies wurde uns von unserem Gott Jesus Christus und durch Ihn von Seinen göttlichen Jüngern und Aposteln gegeben."

 

In vielen Gemeinden wird in der Heiligen und Hohen Woche, meist am Großen und Heiligen Mittwoch, das Mysterion des heiligen Öls für alle Gläubigen vollzogen, denn der Empfang der Heiligen Ölung  soll der Gesundung der an Leib oder Seele Er­krankten dienen. Da die Sünde in der Orthodoxie nicht in erster Linie als ein Verstoß oder ein Rechtsbruch, sondern als eine am ende zum Tode führende Erkrankung verstanden wird, wird das Heilige Ölsakrament in der Karwoche für alle Gläubigen gespendet. Wie alle Mysterien der Heiligen Kirche dient die Heilige Ölung  nicht allein der individuellen Seelentröstung, sondern ist wie die Feier aller Sakramente in der Orthodoxie in besonderer Weise gemeinschaftsbezogen, denn es wird in der Synaxis, der Versammlung der Kirche vollzogen.

 

Auch soll es, wenn möglich in der Synaxis der Priester vollzogen werden, denn der Gottesdienst soll, wenn möglich, von sieben Priestern zelebriert werden, ge­mäß den sieben Lesungen aus dem Apostel und dem heiligen Evangelium, den sieben Fürbittgebeten (Ektenien), den sieben Epiklesen, den sieben priesterlichen Ge­beten und den sieben Salbungen, die aber der Einfachheit des Vollzuges halber (in der Regel kann das Sakrament in den Pfarrkirchen der Diaspora nur vom Gemeindepriester allein vollzogen) heute meist in einer Salbung am Ende des siebten Priestergebetes zusammengefasst werden. Diese Siebenzahl ist ein Hinweis auf die sieben Gaben des Heiligen Geistes (vgl.: Galater 5: 22), dessen Gnade durch die sieben Epiklesen das Ölivenöl des Sakramentes heiligt.

 

 

Über die Siebenzahl schreibt der Heilige Symeon: "Der Bruder des Herrn legte keine genaue Zahl von Presbytern für den Vollzug dieses Sakramentes fest (Jakobus 5:14), aber dem überlieferten Gebrauch zufolge werden sieben gerufen – ich denke wohl in Übereinstimmung mit der Siebenzahl an Geistesgaben, die bei Isaias (Jesaja) aufgezählt sind. Oder entsprechend jenen sieben alttestamentlichen Priestern, die auf das Geheiß Gottes siebenmal mit Posaunen um die Mauern von Jericho herumgingen und sie zerstörten. Oder damit die Priester (in Nachahmung des Propheten über dem Kind der Sunamitin) siebenmal um die Seele des Sterbenden beten und sie wieder zum Leben zu erwecken, so wie Elisäus den Knaben auferweckte, indem er sich siebenmal über ihn beugte und siebenmal betete. Oder damit sie wie Elias, welcher nach siebenmaligem Beten den Himmel wieder auftat, der wegen der Sünden verschlossen war, und Regen herabholte, die Dürre der Sünden aufheben, oder Petrus gleichsam den Himmel öffnen und mit dem Schlüssel der Gnade wie Regen die Gnade der Vergebung von Gott herabführen. Solches ist meiner Meinung nach der Sinn der Siebenzahl an Priestern. Aber einige rufen, wenn keine sieben vorhanden sind, im ganzen nur drei. Und das ist nicht ungebührlich wegen der Kraft der Allheiligen Dreieinheit, und auch in Erinnerung an das Zeugnis und die Verkündigung der Dreieinheit, die einst durch Elias erfolgte, als er den gestorbenen Sohn der Frau von Sarepta auferweckte, nachdem er dreimal gebetet und sich dreimal über ihn ausgestreckt hatte.  Manche versammeln auch mehr als sieben Priester zum Ausdruck ihres größeren Glaubens und Eifers".

 

Des Weiteren wird zum Vollzug dieses Sakramentes nicht allein Olivenöl gebraucht. Auf dem Tisch vor der Ikonostas steht eine Schüssel mit Weizenkörnern. In deren Mitte be­findet sich ein Gefäß, in das zu Beginn des Gottesdienstes Öl und Wein gegossen werden. Der Weizen versinnbildlicht die Frucht des Lebens (Markus 4: 1-20) und das Keimen des neuen Lebens aus dem Tode (vgl.: Johannes 12:24; 1 Korinther 15: 36-38). Das Olivenöl, das zur Salbung verwendet wird, weist auf die Heilungen von Kranken hin, die die heiligen Apostel durch Ölsalbung und unter Gebet erwirkten (vgl.: Markus 6:13). Der Wein, der beigemischt wird, symbolisiert das Blut Christi, durch das am Kreuz unsere Sünden geheilt wurden. Die Vermischung von Wein und Öl, symbolisiert die Heilung des unter die Räu­ber Gefallenen durch den Barmherzigen Samariter. Nach der Deutung der Heiligen Väter aber ist der Barmherzige Samariter aus dem Gleichnis unser Heiland Jesus Christus selbst, der das Öl und den Wein auf die, durch die Sünden verursachten, Wunden unserer Seele gießt (vgl.: Lukas 10:34).

 

 

Der Heilige Symeon sagt hierzu: "Und Öl wird in die Lampada oder in irgend ein anderes Gefäß gegossen, über dem sieben Kerzen gemäß der Zahl von sieben Priestern angezündet werden und zum Zeichen der Gaben des Heiligen Geistes, sowie zum Zeichen dessen, dass mittels des Heiligen Öls gleichsam die Göttliche Heiligung erfolgt, und dass Gott ein ganzes und ein reines Opfer dargebracht wird, damit wir fähig werden, Seine Gnade zu empfangen. Einhergehend damit versinnbildlicht es für uns auch die Heilung des Leibes des unter die Räuber Gefallenen, zu welchem ein Samariter hinging – Welcher der aus der Jungfrau Maria geborene Jesus ist – und Öl und Wein auf seine Wunden goß, das heißt ihn durch Sein Blut und Seine Barmherzigkeit heilte. Daher gießen einige den Wein vor dem Öl in das Gefäß."

 

Der Heilige Symeon von Thessaloniki
Der Heilige Symeon von Thessaloniki

 

Der Gottesdienst, in dem das Heilige Ölsakrament vollzogen wird  besteht aus drei Teilen: Am Anfang steht ein Moleben (Paraklisis). Das Moleben ist ein kurzer Gebetsgottesdienst, der aus einem verkürzten Morgengottesdienst und einer Kanon-Hymne besteht. Der zweite Teil umfasst die Segnung des Öls und die Vermischung mit dem Wein. Dem folgt eine Erinnerung an die Gemeinschaft der Heiligen durch das Singen der Tropare: Der dritte Teil  umfasst die Heiligung des Öls durch sieben Lesungen aus dem Apostel und dem heiligen Evangelium, sieben Fürbittgebete (Ektenien), sieben Epiklesen und sieben priesterliche Ge­bete. Dem folgt die Ölung selbst.

 

Im heiligen Myron ist das Olivenöl nur einer von vielen Bestandteilen, aber bei der Heiligen Ölsakrament stellt es die Hauptsubstanz zur Spendung des Sakramentes dar. Deshalb erbittet der Priester in der Epiklese: "Geheiligt werde dieses Öl durch die Gnade des Herrn..." Obwohl die Kirche zur Spendung der Heiligen Sakramente (der orthodoxe Sakramentsbegriff der Mysterien (Таинства) ist theologisch mit dem westkirchlich-abendländischen Begriff über das Wesen und Wirken der Sakramente nicht vollkommen deckungsgleich) einfache Substanzen wie Wasser, Öl und Myron verwendet, erhalten sie mittels das priesterliche Gebet der Epiklese die Kraft der Göttlichen Gnade. So sagt der Heilige Symeon: "Ich weiß, wie viele ungeheuer große Göttliche Gaben das heilige Öl in sich schließt: In ihm ist die Errettung von Krankheiten, der Nachlass der Sünden, und es schenkt Heiligung, Göttliche Stärkung und führt schließlich in das himmlische Königreich. Von den Wohlgesinnten möge keiner sprechen: "Das ist nur Öl, was kann ein aus einer Ölpflanze gewonnenes Material schon ausrichten?" Obwohl einfach, ist es doch von der Gnade erfüllt durch die Anrufung des Namens Gottes über ihm: Denn wo Gott angerufen wird, dort ist alles Göttlich und alles hat die Kraft Gottes.... Deshalb ist uns das Öl, das von den Priestern mittels der Anrufung Gottes geweiht wurde, göttlich und heilig, und von der Göttlichen Gnade des Heiligen Geistes erfüllt. Ähnlich wie auch das Taufwasser: Obwohl nur Wasser, ist es dennoch von Geist erfüllt, der die Seele reinigt, den Menschen aufbaut, ihn zum Kind Gottes werden lässt und ihn sündlos macht. Dem gewöhnlichen Wasser ist eigen, dass es körperliche Verschmutzungen reinigt und den Durst stillt; während es dem heiligen Wasser eigen ist, gleichzeitig mit dem Leib auch die Seele zu läutern, zu heiligen, neu zu schaffen, geistlich zu bewässern und zum Kind Gottes zu machen. In ähnlicher Weise strömt jedes gewöhnliche Myron nur Duft aus und erquickt die Sinne desjenigen, der es in Händen hält oder sich damit einreibt; aber das heilige Myron atmet Göttliches Leben, belebt uns besonders, erneuert uns im Geist, erfüllt uns mit dem Wohlgeruch Seiner Gaben und schenkt das Siegel und den Odem der Gnade – nicht als einfaches Myron, sondern als Heiliges Myron, das die Gnade des Heiligen Geistes besitzt, nachdem es geweiht wurde. So ist auch dieses Öl, das durch den Vollzug der heiligen Handlung geweiht wurde, ein heiliges und von Göttlicher Kraft erfülltes Öl".

 

Bei den Gebetstexten dieses Gottesdienstes fällt auf, das sie in Inhalt und Struktur weitgehend mit den Absolutionsgebeten im Mysteriums der Buße (Beichte) und mit den Kommunionsgebeten übereinstimmen. Wie in diesen, so wird auch in den Gebeten im Gottesdienst zur Spendung des Heiligen Ölsakramentes die Vergebung und Errettung aus Sündenschuld und Sündennot  und die Verzeihung und der Nachlaß der Verfehlungen für die Versammelten erbeten.

 

 

Deshalb wird auch beim letzten Absolutionsgebet das Heilige Evangelium aufgeschlagen und mit der Schriftseite über die Häupter der Gläubigen gehalten wobei es von allen anwesenden Priestern gehalten wird. Hierbei  sind zwei Aspekte besonders bemerkenswert: Erstens wird das Heilige Evangelium mit der Schrift nach unten über die Häupter der Anwesenden gehalten (eigentlich soll es auf die Häupter gelegt werden, was oft wegen der Menge der Versammelten nicht möglich ist), und zweitens halten alle Priester das heilige Evangelienbuch, das bedeutet, sie legen ihre Hände an es und damit auf die Häupter der Versammelten. Mit der ersten Handlung ahmt die Kirche das Beispiel des heiligen Propheten Elisäus nach, der bei der Auferweckung des Sohnes der Sunamitin zuerst seinen Stab schickte (2. Könige 4). Des weiteren bezeugt sie: So wie unser Herr Jesus Christus viele Wunder  der Heilung an den Kranken vollbrachte, die im Buch des Heiligen Evangelium beschrieben sind, so ist das gleiche von Wundern erfüllte Evangelium auch hier jetzt gegenwärtig, um den Glauben der Anwesenden zu stärken, damit auch sie durch den Empfang des Heiligen Ölsakramentes eine ähnliche Heilung an Leib und Seele erfahren mögen.

 

Was das Auflegen der Hände der versammelten Priester betrifft, so ist der Priester beim Vollzug der Gottesdienste, vor allem aber bei dem der Sakramente, eine Ikone des eigentlich handelnden Liturgen Christus. So wie unser Herr Jesus Christus den Kranken Seine allmächtige Hand zur Heilung auflegte, so legen auch hier die Priester im Angesicht des an den Versammelten wirkenden Heilandes Jesus Christus als Seine Diener ihre Hände auf das Heilige Evangelienbuch oder halten es in ihren Händen. Und so wie Jesus Christus die Sünden der Ihn bittenden Kranken vergab und sie reinigte, so handelt Er auch jetzt an den versammelten Betenden und schenkt auch ihnen Vergebung und Heilung. Dies wird durch die Auflegung der Hände, als Zeichen der Versöhnung, als Zeichen diese Vergebung der Sünden veranschaulicht.

 

Der Heilige Symeon sagt dazu: "Indem der Priester die Hand auf das Haupt des Reumütigen legt, spricht er ein Gebet und zeigt dadurch, dass er eine heilende Handlung vollzieht in Nachahmung des Herrn, Welcher den Gebrechlichen die Hände auflegte und sie durch Berührung heilte, und dass er, der selbst durch Handauflegung geweiht wurde und durch Auflegung der Hände sein Priesteramt versieht, die Gläubigen mittels dieser sichtbaren Handlung durch die Gnade Gottes reinigt und heiligt".

 

 

Gemäß der Heilung des Gelähmten (Matthäus 9:1-8; Markus 2:1-12) - die im sech­sten der priesterlichen Absolutionsgebete erwähnt wird - dem der Herr zuerst die Vergebung der Sünden erteilte, ehe Er seine körperlichen Leiden heilte, sind es nicht unsere körperlichen oder seelischen Leiden, die das eigentliche Grundübel unserer menschlichen Existenz ausmachen und von dem wir in er­ster Linie Befreiung suchen und erbitten sollten, sondern von unserer irdischen Verhaftung an unsere Sünden, von unserer Hartherzigkeit und von unserer Gebundenheit (Verhaftung) an verderbliche Leidenschaften. So wird das Heilige Ölsakrament in der Großen und Heiligen Woche allen orthodoxen Gläubigen zur Heilung von ihren, in der orthodoxen Kirche als Krankheit verstanden, Bindungen an die Sünden gespendet. Unsere einzelnen Sünden werden uns im Sakrament der Heiligen Beichte vergeben. Der Empfang des Heiligen Ölsakramentes ersetzt jedoch die Heilige Beichte nicht, sondern wir erhalten in diesem Sakrament die Vergebung unserer Sünden, darüber hinaus aber auch Heilung und Befreiung von allen jenen fatalen sündhaften Verkettungen und krankhaften Gebundenheiten, in die uns unsere sündhafter Lebenswandel am Ende geführt hat.

 

 

 

 

Gebet zur Spendung des Heiligen Ölsakramentes (Ölsalbung)

 

O heiliger Vater, Arzt der Seelen und Leiber, der Du Deinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, gesandt hast, dass Er alle Krankheit heile und uns vom Tode erlöse, heile deinen Diener N.N. von der ihn umfangenden leiblichen und geistlichen Schwäche und belebe ihn durch die Gnade deines Christus auf die Fürbitte unserer hochheiligen Herrin, der Gottesgebärerin und immerwährenden Jungfrau Maria und aller Heiligen. Denn Du bist die Quelle der Heilung, o Gott, unser Gott, und Dir senden wir empor Lob und Preis, dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

 

 

Die Salbung in Bethanien am Großen und Heiligen Mittwoch

 

Die Szene der Salbung in Betanien wird uns durch die Evangelisten Markus (14: 3-9), Matthäus (26: 6-13) und Johannes (12: 1-8) erzählt. Es besteht ein Unterschied zwischen dem heiligen Johannes einerseits und dem heiligen Markus und heiligen Matthäus andererseits hinsichtlich der Identität der Personen, aber in der Grundlage bleibt der Bericht der gleiche: Markus und Matthäus verlegen die Szene in das Haus Simeons des Aussätzigen, während Johannes von einem Mahl bei Lazarus spricht, „den er von den Toten auferweckt hatte“. Während des Mahls nähert sich Christus eine Frau, die Markus und Matthäus nicht benennen, aber die Johannes Maria nennt, mit einem Gefäß mit sehr kostbarem Öl, mit dem sie die Füße Jesu salbt und dann mit ihrem Haar trocknet. Einige Jünger (nach Markus und Matthäus), Judas Iskariot (nach Johannes) drücken ihre Missbilligung angesichts einer solchen Verschwendung aus: „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ entrüstet sich Judas. Johannes sagt uns, dass er sich in Wirklichkeit nicht für die Armen interessiert, sondern für sich selbst, da er der Schatzmeister der Gruppe war und an die Kasse wollte. Jesus antwortet ihm: „Lasst sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses tue. Die Armen habt ihr immer bei euch, mich habt ihr nicht immer bei euch.“ Die Geste Marias nimmt die der Sünderin aus dem Lukas-Evangelium (7 : 36-38) wieder auf. Handelt es sich um die gleiche Person oder hat Maria, die Schwester des Lazarus, eigens diese Geste als Zeichen der Liebe und Anerkennung für den wiederholt, der ihrem Bruder das Leben wiedergegeben hat? Wie dem auch sei, die Kirche identifiziert, wenn sie am heiligen Mittwoch der Salbung in Betanien gedenkt, Maria mit der Sünderin und vielleicht auch mit Maria aus Magdala, der ersten Zeugin der Auferstehung, die einmal mehr Öl für Christus bringen wird, den sie im Grab zu finden glaubt. Die Texte der verschiedenen Gottesdienste dieses Tages stellen die reuige Liebe der Ölbringerin (auf griechisch myrrophore) dem Verrat des Judas entgegen. Denn während Maria, den nahen Tod Christi vorausahnend, ihm eine vorgezogene Ehrung erweist, entrüstet sich der unzufriedene Judas und stellt finstere Berechnungen an: Er hat Christus von Seinem Grab sprechen hören; er fühlt überhaupt keine Berufung zum Märtyrer, er hat zornig die dreihundert Denare, die in seiner Kasse hätten sein können, für Öl ausgeben sehen; er weiß, dass die Hohenpriester und Schriftgelehrten den Tod Jesu wollen und dass sie ein Mittel suchen, Seiner habhaft zu werden, ohne dass ein Aufruhr im Volk verursacht wird: „Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohenpriestern und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie zahlten ihm dreißig Silberstücke. Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, Ihn auszuliefern“ (Matthäus 26:14-19; Lukas 22: 3-6, Markus 14: 10-11). Auf diese Weise wird am Ende eine fatale Wahl getroffen, die Judas am Ende in den Selbstmord treiben wird. Schon sind die Rollen sind nach der Qualität eines jeden Herzens verteilt und die Stunde der Passion ist nahe herbei gekommen. 

 

Zusammengestellt nach: Dieu est vivant. Catéchèse orthodoxe.