Ikonen als sichtbare Zeichen des Heils

Der heilige Apostel und Evangelist Lukas schreibt unter Anleitung eines Engels die Ikone der allheiligen Gottesgebärerin
Der heilige Apostel und Evangelist Lukas schreibt unter Anleitung eines Engels die Ikone der allheiligen Gottesgebärerin

 

Die Ikonenverehrung nach den Schriften des heiligen Johannes von Damaskus 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Der erste Eindruck, wenn wir ein orthodoxes Gotteshaus betreten, ist, dass wir die große Zahl von Bildern des Herrn, der Gottesmutter und der Heiligen wahrnehmen, die uns gleichsam von allen Seiten umgeben. Diese Bilder, heißen Ikonen. Im östlichen Teil der Kirche erhebt sich die Bilderwand oder der Ikonostas. Auch im übrigen Kirchenraum und an den Wänden der Kirche sehen wir viele Ikonen, die oft als große Wandgemälde, Fresken genannt, ausgeführt sind.

 

Darüber hinaus hat jeder orthodoxe Christ hat auch zu Hause Ikonen. In der Regel sind sie an der Ostwand zusammen angebracht. Dorthin gerichtet beten die orthodoxen Christen. Vor diesen Ikonen in der Ikonenecke brennt in der Regel eine Ewiglicht, Lampada genannt, zum Zeichen dass die Ikonen als "Fenster zum Himmel" das orthodoxe Heim heiligen. Manche Familien besitzen alte, auf einem Holzbrett gemalte Ikonen, die schon seit langer Zeit von Generation zu Generation weiter gereicht werden, manche Gläubige haben heute solche aus Papier, die man am Kerzentisch  in den Kirchen kaufen kann. Aber Wesentliches ändert sich durch diesen Unterschied nicht.

 

Das Wort "Ikone" ist griechischen Ursprungs. Das griechische Wort εἰκών bedeutet "Bild" oder "Porträt". Im griechischen gibt es noch weitere Worte für das Bild, die deutlich machen, was eine Ikone nicht ist. Hier ist zunächst das Wort εἴδωλον zu nennen, was "Trugbild" , "Traumbild" oder auch  Götzenbild bedeutet. Ein weiteres wichtiges griechisches Wort, um die Bedeutung der heiligen Ikonen verstehen zu können ist Wort εἴδος was "Urbild" bedeutet, wichtig.

 

Die Ikonenverehrung, die in der orthodoxen Theologie und Frömmigkeit einen besonderen Platz einnimmt, ist ein Kapitel der Theologie, das oft missverstanden wird und zu heftigen Auseinandersetzungen und tiefen Kontroversen geführt hat. Die Informationen und theologischen Meinungen, die darüber auch heute noch, insbesondere unter den westlichen Christen, hier im Umlauf sind, sind oft durch Ungenauigkeit und Oberflächlichkeit gekennzeichnet.

 

Ein gängige Fehldeutung betrachtet die Ikonen als eine Abbildung göttlicher und geheiligter Personen und Szenen, die auf magische Weise eine wundersame Verbindung herbeiführen sollen zwischen der profanen diesseitigen Welt und der verklärten himmlischen  Sphäre.

 

Deshalb soll hier ein möglichst klarer und kurzer Abriss der orthodoxen Lehre über die heiligen Ikonen in der orthodoxen Kirche vorgestellt werden. Die Grundlage der orthodoxen Ikonentheologie finden wir in den Schriften des Heiligen Johannes von Damaskus (Ιωάννης ο Δαμασκηνός * 675 + 749). Er ist der in der orthodoxen Kirche bis heute der maßgebliche Apologeten des rechtgläubigen Verständnisses über die Ikonen. Der heilige Johannes widmete diesem Thema drei Traktate (PG, 94, 1232-1420) und ein Kapitel seines Werkes "De fide orthodoxa" (4, 16 [89]: PG , 94, 1168-1176). Das seit der Zeit der heiligen Apostel überlieferte Glaubensgut bildet für die orthodoxe Kirche den unerlässlichen und festen Grundpfeiler ihres Glaubens. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass der Johannes von Damaskus diese enge Anbindung an die kirchliche Überlieferung in seinen Schriften immer wieder herausstreicht und nichts Eigenes sagen will. Hier wird die grundsätzliche orthodoxe theologische Haltung deutlich, die im Konsens und in der Kontinuität zum von Anfängen an überlieferten Glauben das Qualitätsmerkmal der Rechtgläubigkeit sieht. Deshalb ist nach dem Heiligen Johannes der Leib Christi (= die Kirche) der Lehre nach etwas Zweifaches: "das Wort Gottes (ογια του θεου) und die von alters her herrschende Tradition der Kirche" . Deshalb stellt der heilige Johannes von Damaskus in Übereinstimmung mit dem heiligen Basilius dem Großen die doppelte Seite der einen christlichen Wahrheitsüberlieferung klar heraus: "daß die Augenzeugen und Diener des Wortes die kirchliche Einrichtung nicht nur schriftlich, sondern auch in ungeschriebenen Traditionen überliefert haben" (vgl.: Basilius der Große; De Spiritu Sancto PG, 32, 188).  Mit dem heiligen Johannes von Damaskus können wir also festhalten, dass die ungeschriebenen Tradition der geschriebenen Tradition, also der Heiligen Schrift, nicht widersprechen darf.

 

"Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist" (2. Mose 20:4).Der heilige Johannes von Damaskus kennt selbstverständlich das alttestamentliche Bilderverbot und setzt sich damit an mehreren Stellen in seinen Schriften wiederholt auseinander. Jedoch ist dem heiligen Johannes bekannt, dass dieses Verbot schon im hellenistischen Judentum an Schärfe erheblich verloren hat. Die zeitliche Begrenzung des alttestamentlichen Bilderverbotes belegt der heilige Johannes, indem er einerseits auf die Rolle des Gesetzes (es war keine "Eikon" , sondern das „Schattenbild einer Eikon " (vgl. Hebräer 10, 1)) verweißt und andererseits auf die übrigen Gebote des Alten Testamentes eingeht, die nach genuin christlicher Auffassung  mit der Inkarnation Christi auch ihre Gültigkeit verloren haben. An erster Stelle rechnet er hierzu die Beschneidung und das Gebot der Sabbatheiligung. Der heilige Johannes von Damaskus schließt sich dabei den Worten des heiligen Apostels Paulus an, dass die Erfüllung des Gesetzes dem Christen nicht nur keinen Nutzen bringe, sondern dass jeder, der durch das Gesetz gerecht werden will , aus der Gnade Christi heraus gefallen" sei (vgl.: Galater 5, 2. 4). Darüber weißt der heilige Johannes darauf hin, dass Gott selbst in der Erschaffung des Menschen zu Seinem Bilde (im griechischen Text des alten Testamentes, der Septuaginta, der der kanonische Text des Alten Testamentes in der orthodoxen Kirche ist heißt es ausdrücklich: "εἰκὼν τοῦ θεοῦ"). Darüber hinaus hat Gott die Stickereien der Cherubim auf dem Vorgang zum Allerheiligsten in der Stifthütte und im Tempel, die Figuren der Cherubim auf der Bundeslade und das Bildnis der ehernen Schlange am Pfahl angeordnet. Insofern hat Gott als erster selbst Bilder geschaffen und Bilder gezeigt. Aber auch Johannes von Damaskus begreift diese alttestamentlichen Bilder in der Regel im typologischen, das heißt allgemeinen Sinn. Durch die Inkarnation des Gottessohnes Jesus Christus tritt aber für die Christen auch ein theologisch Neues Verhältnis zum Bild zutage. Das Neue Testament als Bericht anschaubar Werdens, des betast und sichtbar Werdens des Heiles das in Jesus Christus gekommen ist (vgl.: 1. Johannes1: 1-4). Deshalb ist es für den heiligen Johannes selbstverständlich, dass das Neue Testament die Herstellung von Ikonen begünstigt und ihre Verehrung vorschreibt. 

 

Die neutestamentlich belegte Hauptargumentation des heiligen Johannes verfolgt nicht eine Aneinanderreihung einzelner neutestamentlicher Zitate, sondern kommt auf den Kern zu sprechen, der dem Neuen Bund wesensmässig zugrunde liegt: der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Durch die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus ist deshalb Klarheit darüber geschaffen worden, was abbildbar. Dies bedeutet, dass die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus die theologische Basis für die Herstellung von Ikonen ist, Der wiederum Ikone und Abglanz des Vaters ist. Wer Christus schaut schaut den Vater. So ist der Gottmensch Jesus Christus die Ikone Gottes des Vaters. Wer Christus schaut, schaut in Ihm das Urbild, Gott den Vater (vgl.: Johannes 12: 45). (An dieser Stelle sei nochmals auf die Erklärung der verschiedenen griechischen Worte für Bild aus dem Beginn dieses Artikels verwiesen.) Indem der unsichtbare Sohn Gottes, die zweite Person der Heiligsten Dreieinheit zum Heile der Menschen Mensch geworden ist, erfährt die Heilsgeschichte eine einmalige Wende von epochaler Bedeutung. Die theologische Perspektive, die sich dabei eröffnet, lässt sich nicht mit der des Alten Testamentes gleichsetzen; ja sie überwindet sie und führt das bildhaft typologisch zu verstehende Alte Testament zu seiner Erfüllung. Was die Propheten verheißen und im Voraus verkündet haben, hat sich in Christus Jesus erfüllt.

 

Für den heiligen Johannes von Damaskus zeigt sich hier auch deutlich die theologische Begründung für die Möglichkeit einer Anfertigung von Ikonen: ,,Wir aber (das heißt die Christen im Gegensatz zu den Juden) leben, vom Heilgeschehen des Neuen Bundes her gesprochen, nicht mehr unter dem "Zuchtmeister" (= dem alttestamentlichen Gesetz) (vgl.: Galater 3, 25); uns wurde die Möglichkeit geschenkt, den götzendienerischen Irrtum zu vermeiden, mit Gott (das bedeutet mit Christus) gelebt zu haben, die Wahrheit erkannt zu haben, nur Gott anzubeten, die Gotteserkenntnis zu bereichern, die volle Mannesreife zu erlangen und die Unmündigkeit zu überwinden (vgl.: Epheser 4:13-14); denn wir haben von Gott die Fähigkeit bekommen, unterscheiden zu können und wir wissen , was abbildbar ist und was in der Ikone nicht umschrieben werden kann".

 

 

Die Kunst in den römischen Katakomben belegt, dass schon in apostolischer Zeit, spätestens seit den 1. Jahrhundert nach Christus, Ikonen in christlichen Versammlungsräumen zu finden waren. Auch der heilige Johannes von Damaskus geht davon aus, dass die Anfertigung v n Ikonen und ihre Verehrung von alters her in der Kirche praktiziert werde. Er weißt immer wieder auf diese Tatsache in seinen Schriften hin. Indem er besonders oft auf die kirchliche Überlieferung hinweist, macht er deutlich, dass er überzeugt ist, damit einen unbestreitbaren Beweis zu führen.  Darüber hinaus führt der heilige Johannes als Beleg für die kirchlich lang zu belegende Tradition der Ikonenverehrung  Belege aus den Schriften von insgesamt 119 Vätern an. Als ältesten Beleg führt der Damaszener den überlieferten Bericht über die Heilung des heiligen Abgar von Edessa an. Diese Geschichte ist auf das engste verbunden mit einer der heiligsten Ikonen der Orthodoxie, dem Mandylion aus Edessa,  einem Schweißtuch mit dem Abdruck des Antlitzes Christi. Eusebius von Kaisareia berichtet in seiner Kirchengeschichte, dass der leprakranke Fürst  Abgar V. Ukkama  von Edessa (9-46 nach Christus) mit einer Botschaft Christus wegen seiner Lepraerkrankung um Hilfe bat. Unser Herr Jesus Christus versprach darauf in einem Antwortschreiben, Abgar einen Seiner Jünger zu senden. Nach der Himmelfahrt Christi ist dann der heilige Apostel Thaddäus nach Edessa gesandt worden. Den altchristlichen Schriften zufolge gesundete Abgar, nachdem der Bote mit dem Tuch des heiligen Mandylion, auf dem sich die heilige Ikone des Angesichts des Heilands auf wundersame Weise abgebildet hatte (griechisch: αχειροποίητο = nicht von Menschenhand gemacht, russisch: не-руко-творный), den Fürsten Abgar berührt hatte. Entweder im Jahre 944 oder im Jahre 968 wurde die heilige Ikone des Mandylion von Edessa nach Konstantinopel gebracht und blieb dort bis zur Plünderung durch die Kreuzfahrer im Jahre 1204. Ob es sich bei dem Mandylion um eines der Schweißtücher aus dem Grab Christ, oder um sogar um das Grabtuch Christi, das heute in Turin aufbewahrt wird handelt, dass so gefaltet wurde, dass nur das Antlitz des Herrn sichtbar blieb, kann heute nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden.

 

Der heilige Abgar von Edessa mit dem Manylion. Ikone aus dem Katherinenkloster am Berg Sinai
Der heilige Abgar von Edessa mit dem Manylion. Ikone aus dem Katherinenkloster am Berg Sinai
Mandylion des Papstes Silvester (Matilda-Kapelle im Vatikan)
Mandylion des Papstes Silvester (Matilda-Kapelle im Vatikan)
Mandylion in Genua
Mandylion in Genua

 

 

Als "Mandylion" bezeichnet man das wahre Bild Christi, das in der byzantinischen Orthodoxie hoch verehrt wird. Es handelt sich dabei um keine geschriebene Ikone, sondern um ein durch ein Wunder auf einem Stück Stoff entstandenes Bild des Erlösers (Mandylion ist ein griechisch- arabisches Wort für ein kleines Stück Stoff). Das Mandylion von Genua, das im späten 14. Jahrhundert vom kaiserlichen Hof in Konstantinopel nach Genua gelangte, befindet sich heute in der Kirche San Bartolomeo degli Armeni in Genua.

 

 

Die christliche Tradition der Ikonenverehrung weist einen klaren und wesentlichen Unterschied zu dem idolatrischen hellenistischen Brauchtum der Götzenstatuen und heidnischen Kultbildern auf. Er besteht darin, dass die heidnischen Hellenen entweder die Kultbilder zu Göttern selbst erklärten, oder sie für den Wohnsitz des Gottes hielten und sie deshalb wie Götter behandelten. Dieses Phänomenen war auch bei den Israeliten zu finden, weshalb König Hiskija die eherne Schlange dann auch zerstören ließ. Aus dieser heidnisch- hellenistischen Vorgeschichte begründet sich die deutliche Reserve des orthodoxen Ostens und auch des heiligen Johannes von Damaskus gegen plastische Darstellungen, wie die Heiligenfiguren christlich- abendländischer Tradition, obwohl es auch in orthodoxen Ländern vereinzelt auch solche plastisch gestaltenen Ikonenfiguren gegeben hat.

 

Der heilige Johannes von Damaskus beschreibt das, was eine orthodoxe Ikone ist wie folgt: „Eikon ist ein Ebenbild, welches das Urbild kennzeichnet und sich doch von ihm unterscheidet". Der Heilige stellt mit seiner Beschreibung die für das orthodoxe Denken wichtigste Verbindung zwischen Urbild und Abbild her.  Die Relation ist eine Relation der Ähnlichkeit, die das Urbild kennzeichnet und in sich das Urbild in seiner Ikone zeigt. Deshalb sind die orthodoxen Ikonen in Bezug auf ihre Perspektive - die nicht in der Tiefe des dargestellten Raumes, sondern im Auge des Betrachters liegt - in ihrer Gestik, der Farbgestaltung und im dargestellten Sujet  durch klare kirchlich vorgegebene Begrenzungen gekennzeichnet. Sie binden den Ikonenmaler, der in der Orthodoxie bezeichnender Weise nicht Maler, sondern Ikonenschreiber genannt wird, sowohl an einen von der kirchlichen Tradition festgelegten Bildkanon, als auch an die Lebensweise eines frommen und kirchlich praktizierenden orthodoxen Christen. Ideal des Ikonenschreibens als einer kirchlichen Kunst, und damit als einer Form des Gebetes, ist jedoch nicht die bloße Kopie einer Vorlage, sondern der gelungene bildhafte Ausdruck des kirchlich- orthodoxen Glaubens. Wirklich gute orthodoxe Ikonen sind deshalb auch keine seelenlosen Kopien, sondern als Einzelwerke durchaus erkennbarer Ausdruck des einen, heiligen, katholischen und apostolischen Glaubens. Wie das heilige Evangelium über den rechten Glauben als Ikone des Wortes zu den Ohren des orthodoxen Gläubigen spricht, so spricht die heilige Ikone in gleicher Weise zu seinen Augen. Es geht deshalb in der Ikonenmalerei um einen symponischen Gleichklang mit dem von Gott inspirierten Wort der Heiligen Schrift, so dass die Gläubigen in der heiligen Ikone die Mysterien des orthodoxen Glaubens gleichsam schauend erfahren können.

 

 

Denn der Gläubige darf nicht vergessen - und darin unterscheidet sich das orthodoxe Christentum fundamental vom Protestantismus -  dass seine Verbindung und Begegnung mit Gott nicht nur intellektuell und geistig, sondern auch durch eine Reihe von körperlichen Dingen geschieht. So sagt der heilige Johannes: „Wenn Du aber sagst, dass die Verbindung mit Gott nur geistig zu sein hat, schaffe alles Gegenständliche ab, die Lichter, den gut riechenden Weihrauch, selbst das mündliche Gebet, selbst die heiligen Sakramente, die mit Materie vollzogen werden, das Brot, den Wein , das Salböl, die Abbildung des Kreuzes. Denn all dies ist Materie". Die verweißt darauf, dass sich die orthodoxe Kirche in all ihren Glaubensvollzügen als sakramental- pneumatisch versteht. In den Sakramenten werden die Dinge der Schöpfung Brot, Wein, Wasser und Öl in der Epiklese zu Gott erhoben, um sie als das Heil vermittelnde Gaben von Ihm zurück geschenkt zu bekommen. Insofern ist es auch folgerichtig, dass die Ikone unter Gebet geheiligt, also geweiht wird und/oder dass sie 40 Tage auf dem Altar zur Weihe liegt.

 

 

Jedoch ist die orthodoxe Ikone nicht als Objekt an sich heilig, sondern in ihrer Funktion im Gebet und Gottesdienst. Nicht die Tafel, das Gold, oder die Farbe sind heilig, sondern die dargestellte Person. Ihr gilt die Verehrung durch Verbeugung, Niederwerfung und Kuss. Die der Ikone erwiesen Verehrung bezieht sich nicht auf sie als Objekt, sondern die dem Abbild (der Ikone) erwiesene Verehrung geht auf das Urbild (Christus, die Gottesmutter oder den dargestellten Heiligen) über. Jedoch Anbetung gebührt allein Gott. Zu den Heiligen beten wir um Fürsprache vor Gott, also durch ihre Fürsprache um den Beistand und die Hilfe Gottes. Die Hilfe kommt denn auch immer von Gott Selbst, Der jedoch auf die vermittelnde Fürsprache des Heiligen wegen dessen innigen Gottesbeziehung unsere Bitten schnell erhört. Insofern ist die orthodoxe Ikone nicht Wohnsitz des Heiligen, sondern "Fenster zum Heiligen". Sie ist nicht Gegenstand der Verehrung, sondern Medium zur Verehrung.

 

Wie die Ikone für den orthodoxen Gläubigen Hilfsmittel für seine Verbindung mit Gott sein kann und ist, so kann sie seitens Gottes Träger und Vermittler Seiner Gnade sein. Dabei beansprucht die Ikone keine Exklusivität, denn die Gnade Gottes kennt verschiedene Wege , um zu den Menschen zu gelangen. Der Glaube, dass durch die heiligen Ikonen Wunder gewirkt werden können, bejaht einerseits die Bedeutung, die der Ikone vom Glauben der orthodoxen Kirche zugeschrieben wird und andererseits die christliche Erkenntnis, dass unser Gott ein Gott ist, der Wunder tut. Die Wunder sind im Falle der heiligen Ikonen möglich, weil ihnen,(das heißt den Ikonen) wie der heilige Johannes sagt, durch die dargestellten Personen göttliche Gnade verliehen wird. "Die Purpurschnecke an sich und die Seide und das aus beiden angefertigte Kleid sind etwas Einfaches; wenn aber ein König es anziehen würde, so würde er dem Kleid von der Ehre übertragen, die dem Angekleideten gebührt. So ist es auch mit der Materie; sie ist für sich allein nicht ehrwürdig, wenn aber die abgebildete Person voll der Gnade ist, wird die Ikone der Gnade teilhaftig in Analogie mit dem Glauben." Die Gnade ist also in den heiligen Ikonen nicht ihrem Wesensmerkmal nach enthalten, sondern nur der Wirkung (ἐνέργεια) nach; diese Wirkung ist und bleibt jedoch Gnadenwirkung Gottes. 

 

 

Die Verehrung der heiligen Ikonen und Reliquien 

 

Nach orthodoxem Verständnis sind die heiligen Ikonen (von griechisch εικόνα = „Bild“, d.h. symbolhaltige Abbilder des Urbildes) der Heiligen, der allheiligen Gottesgebärerin und des Herrn Selbst transparent für die Gegenwart ihrer Person. Die Verehrung, die diesen Abbildern dargebracht wird, geht über auf deren Urbilder, gilt also den Personen, nicht den Bildern selbst. Seit dem 5. und 6. Jahrhundert hat sich die Ikonenverehrung zusammen mit der Reliquienverehrung zunehmend ausgebreitet. Im Bilderstreit (726 bis 843) wurde die Ikonenverehrung zum Anlass für einen Versuch des Staates, den Einfluss der Kirche im byzantinischen Reich zu brechen. Die Ursachen für den Ausbruch des Bilderstreites waren verschiedenartig: einerseits war die Kirche, und vor allem das Mönchtum, zu einer Kraft im byzantinischen Reich geworden, an der der Staat nicht einfach vorbei kam. Andererseits musste der Kaiser als Feldherr von seinen islamischen Gegnern immer wieder hören, die Christen seien Götzendiener, da sie Bilder anbeteten. Zudem kamen in Bezug auf die Bilderverehrung tatsächlich auch zunehmend Missbräuche vor, gegen die die Bischöfe einschreiten mussten. Dies nun nahm Leon III., der Isaurier, der auf allen Gebieten eine absolute Herrschaft anstrebte und den Einfluss der Mönche zu brechen suchte, zum Anlass, 726 ein erstes Edikt gegen die Bilderverehrung zu erlassen. Dieses Edikt und seine Verschärfungen in den folgenden Jahren führte nicht nur zur Zerstörung von unzähligen Ikonen und Bildern in den Kirchen und in Häusern, sondern auch zu Aufständen in Griechenland und Italien und vor allem zu einer allgemeinen Verfolgung der Mönche im ganzen byzantinischen Reich. Es scheint, als sei für Leon III. und seinen Nachfolger Konstantin V. Kopronymos die Bilderfrage vor allem ein Vorwand gewesen, das Mönchtum auszurotten und damit den Einfluss der Kirche auf das Volk einzudämmen. Die bilderfreundliche Kaiserin Irene stellte die Verfolgungen ein und lies 787 das Siebte Ökumenische Konzil von Nikäa in Freiheit über die Bilderfrage verhandeln, worauf die Bilderverehrung wieder hergestellt wurde mit der Bestimmung, dass den Bildern, wie dem Heiligen Kreuz, dem Evangelienbuch, den Reliquien und allen Heiligen nur die ehrfürchtige Verehrung (timitike proskynesis, das griechische Wort bedeutet genau „Verehrung durch Niederwerfen“) nicht aber die wahre Anbetung (alithine latreia) zukomme.

 

 

Die heiligen Väter auf dem Konzil begründeten dies mit der Lehre von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, wie sie der heilige Johannes von Damaskus formuliert hatte: Das Bilderverbot im Alten Testament ist nur zur Verhinderung von Götzendienst gegeben worden, zu dem damals manche Israeliten durch die Nachbarschaft der Kanaanäer neigten. Auch ist Vieles im Alten Testament bildhaft auf Christus hin zu verstehen. Der Sinn dieser sinnhaften Abbilder im Alten Testament ist es, auf das erfüllende Urbild Christus hinzuweisen. Weil Gott in Jesus Christus Fleisch wurde und eine menschliche Natur annahm, ist eine konkrete, körperliche Darstellung Christi möglich. Gott der Vater ist zwar unsichtbar, aber Er Selbst hat durch die Menschwerdung Seines Sohnes ein sichtbares Bild von Sich gemacht. Deshalb können nun Christus und Seine Heiligen auf den Ikonen bildlich dargestellt werden – im Gegensatz zum Zweiten unter den Zehn Geboten, das nur vor der Menschwerdung Christi seine Gültigkeit hatte. Aus diesem Grunde ist auch eine Darstellung Gottes des Vaters auf den heiligen Ikonen nicht möglich. Dieses Verbot wurde durch verschiedene orthodoxe Synoden (z.B. die Hundert-Kapitel-Synode in Russland) immer wieder erneuert, obwohl man durch alle Jahrhunderte hinweg immer wieder Ikonen mit der bildlichen Darstellung Gottes des Vaters finden kann. Aus dem gleichen Grunde wird auch die Allerheiligste Dreieinigkeit auf der Festtagsikone des zweiten Feiertags von Pfingsten durch die drei Engel dargestellt. Die bekannteste Ikone dieser Art stammt vom heiligen Ikonenmaler Andrej Rublëv aus dem Russland des 14. Jahrhunderts. Auf dem Siebten Ökumenischen Konzil wurde auch beschlossen, dass alle Ikonen mit Aufschriften versehen werden müssen, um eine Verselbstständigung der Verehrung der Ikone als Gegenstand, ohne Rücksicht auf die dargestellte reale Figur, zu verhindern. Unter den folgenden Kaisern flammte die Verfolgung der bilderfreundlichen Opposition gegen den Staatsabsolutismus erneut auf. Erst unter Kaiserin Theodora wurde am ersten Fastensonntag 843 in einem feierlichen Akt in der Hagia Sophia zu Konstantinopel die Entscheidung von 787 wieder in Kraft gesetzt. Seither feiert die Orthodoxe Kirche jedes Jahr am ersten Fastensonntag das 10 Gedächtnis des Sieges der Orthodoxie durch eine Prozession mit den heiligen Ikonen und das Verlesen der Konzilsbeschlüsse (Synodikon).  

 

Zusammengestellt von Thomas Zmija v. Gojan unter Verwendung von Christus in euch; Hoffnung auf Herrlichkeit, Orthodoxes Glaubensbuch. 

 

 

Die heiligen Ikonen und die Göttliche Liturgie

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die heiligen Ikonen sind Fenster zur Ewigkeit, jedoch nicht als sichtbare Abbilder einer unsichtbaren Wirklichkeit im Sinne der Teilhabelehre des griechischen Philosophen Platon, sondern als Medium eines Dialogs zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen. Über das materielle Medium des Bildes kommunizieren der Abgebildete und der betende Betrachter miteinander, weil ihnen die Ikone die Gegenwart füreinander ermöglicht. Nach dem heiligen Johannes von Damaskus stehen die Ikonen damit in einer Linie mit der menschlichen Natur des inkarnierten Gottessohnes: "Ich sah das Bild Gottes in Menschengestalt, und meine Seele ward gerettet" und der heiligen Theodor von Studion betont: "Die Ikone zeigt in sich Christus", - „Wer die Ikone anschaut, schaut in ihr Christus" , - „Nichts anderes ist die Ikone Christi als Christus, außer des Unterschiedes in der Wesenheit" , - „Wir nennen die Ikone Christi Christus" .

 

Die Ikone führt bei gläubig- betender Betrachtung vom sinnlichen Anblick zur geistigen Schau und zur mystischen Begegnung mit der dargestellten heiligen Person und den abgebildeten Heilstaten. Diese Begegnung hat durchaus sakramentalen Charakter, jedoch nicht in dem Maße, wie die heiligen Mysterien (Sakramente) am Menschen wirken. Die Ikone ist im Gegensatz zu den Heiligen Gaben der Kommunion nicht heilig an sich; also nicht ihre Materie nach (nicht das Holz, die Farben das Gold sind heilig), sondern sie ist heilig in ihrer Funktion als Abbild des Urbildes, ermöglicht sie doch so dem Beter die Begegnung, die Kommunikation mit dem Heiligen. Das aber setzt voraus, dass die gnadenhafte Begegnung mit dem Dargestellten nicht durch das subjektive Betrachten, sondern durch die objektive Gegenwart des Dargestellten im Bilde verursacht wird. Deshalb gebührt der Ikone Verehrung, jedoch nicht in dem gleichem Maße wie dem Urbild (Christus), da dieser nicht unmittelbar, sondern nur im Abbild gegenwärtig ist. Deshalb kommt Christus selbst die Anbetung ( λατρεία), Seiner Ikone jedoch nur die Verehrung (προσκύνησις) zu. Deshalb bestimmt das Heilige Siebte Ökumenische Konzil, dass den heiligen Ikonen jene Art von Verehrung zukommt, wie sie auch dem lebenspendenden Kreuz, den heiligen Reliquien und dem heiligen Evangelienbuch zukommt.

 

Die Entscheidung diese Konzils begründet diese Lehre über der heiligen Ikonen mit der der Lehre der Kirche über die Menschwerdung Gottes in Christus und definiert damit die Regeln der Bilderverehrung, wie sie in der orthodoxen Kirche noch heute gelten:

 

“Wir bestimmen mit aller Sorgfalt und Genauigkeit, dass ebenso wie das Bild des ehrwürdigen und lebenspendenden Kreuzes auch die erhabenen und heiligen Bilder aufgestellt werden sollen. Dabei ist es gleichgültig, ob sie aus Farben, Mosaiksteinen oder aus einem anderen geeigneten Material bestehen (…) ob es sich um Bilder unseres Herrn und Gottes, des Erlösers Jesus Christus, unserer unbefleckten Herrin, der heiligen Gottesgebärerin, der ehrwürdigen Engel oder aller Heiligen und Seligen handelt. (…) Und diesen soll Kuss und Verehrung (προσκύνησις) zuteil werden, nicht aber die unserem Glauben gemäße Anbetung ( λατρεία), die allein der göttlichen Natur zukommt (…). Denn die dem Abbild gewährte Ehre geht auf das Urbild über, und wer das Bild verehrt, verehrt die auf ihm dargestellte Hypostase.” (Deutscher Text der Entscheidung des 7. Ökumenischen Konzils, bei Denzinger, Enchiridion Symbolorum, Freiburg 1955, Seite 302)

 

Sehr wichtig für das orthodoxe Verständnis der heiligen Ikonen ist, das das Christusmysterium In der Kirche gegenwärtig  wird durch die Heilige Schrift, durch die Heiligen Mysterien (Sakramente), durch die heiligen Reliquien und durch die heiligen Ikonen. Diese alle sind eingebettet in den rechten Lobpreis, der liturgischer Ausdruck des rechten Glaubens ist. Wie das heilige Evangelium, wie die Göttliche Liturgie, so sind auch die heiligen Ikonen durch die Heilige Tradition überliefert und durch göttliche Anordnung verbürgt. Was die heiligen Ikonen im Schauen, das verkündet das Heilige Evangelium durch das Wort dem Gehör, und das vergegenwärtigt die Göttliche Liturgie. Sowohl die heiligen Ikonen als "Evangelium der Augen", als auch das gehörte Wort des Evangeliums gehören in gleichen Maße zur liturgisch kirchlichen Erfahrung.  In jeder Christusikone, wie auch in der Perikope aus der Heiligen Schrift, vermag der Gläubige wirklich die Heilsordung, die οἰκονομία, unseres Herrn im Fleische zu “schauen” (Heiliger Johannes von Jerusalem). In der Feier der Göttlichen Liturgie aber wird das Heilswerk Christi nicht nur repräsentiert, sondern auch vergegenwärtigt, so dass es der gesamte Mensch mit all seinem Sinnen und seinem gesamten Wesen erfahren kann. Die dem orthodoxen Gottesdienst eigene Erfahrung des gesamten kirchlichen Raumes, sowie des darin vollzogenen liturgischen Handelns, als einer einzigen Ikone der göttlichen Heilökonomie findet seinen sinnfälligen Ausdruck gerade in den Liturgieauslegungen der heiligen Väter, wobei die irdische Liturgie einerseits als Abbild der himmlischen Vollzüge um den eigentlichen Liturgen Christus und seine Ihm dienenden Heerscharen der Engel gedeutet, und anderseits die Vollzüge der irdischen Liturgie auf  bestimmte Heilsereignisse im Lebens Christi bezogen werden. Insgesamt betrachtet, ist die gesamte Feier der Göttlichen Liturgie ein liturgisch vollzogenes, vergegenwärtigendes Abbild, eine Ikone der ganzen Heilsökonomie unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, das sich dem Gläubigen schließlich durch die Kommunion an den in ihr vollzogenen Mysterien (Sakrament) offenbart.

 

 

Die heiligen Ikonen im Leben des orthodoxen Christen 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Obwohl der Ort der heiligen Ikonen in erster Linie die Kirche ist, gehören Ikonen zum Alltag eines jeden orthodoxen Hauses. Jede 11 gläubige orthodoxe Familie hat deshalb eine Ikonenecke mit den Ikonen unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, der allheiligen Gottesgebärerin und der Engel und Heiligen Gottes, denen sie sich besonders verbunden fühlen. In jedem Heim gläubiger Orthodoxer findet so mindestens eine Ikone an einem festen Ehrenplatz. Oft brennt vor der Ikonenecke andauernd ein Licht. Dieses weist auf unseren Herrn Jesus Christus, der das Licht der Welt (Johannes 8, 12 ff.) ist hin und symbolisiert gleichzeitig unsere Gebete, die wir vor den heiligen Ikonen stehend an Gott und Seine Heiligen richten. 

 

Vor allem in der Ukraine und in Russland werden die Ikonen als Zeichen der Verehrung mit bestickten Ziertüchern geschmückt. Die Ikonen- oder Gebetsecke, oft in der Essecke oder im Wohnzimmer des Hauses angeordnet, sollte nach Möglichkeit in Richtung Osten ausgerichtet sein. Aber die jeweils übliche Gestaltung solcher Gebetsecken ist in den verschiedenen orthodoxen Kulturen unterschiedlich. 

 

Vor den Ikonen steht häufig ein Pult auf dem das heilige Evangelium, das heilige Kreuz und unsere orthodoxen Gebetbücher liegen. Auch bei frommen römisch-katholischen Familien, vor allem in Bayern und Österreich, findet sich, meist über der Essecke des Hauses, ein "Herrgottswinkel" mit einer geschnitzten Ikone des heiligen Kreuzes und katholischen Heiligenbildern, die unserer „schönen Ecke“ mit den Familienikonen entspricht. 

 

Nach der orthodoxen Tradition grüßt der eintretende Gast zuerst, ehe er sich seinen Gastgebern zuwendet, die Ikonen des Hauses in der schönen Ecke. Oft ist es üblich, die Ikonenecke des Haus mit Vorhängen auszustatten. Diese Vorhänge zieht man nach den Bräuchen der russischen Volksfrömmigkeit zu, wenn sich im Raum Dinge ereignen, die man in Gegenwart der heiligen Ikonen nicht tun sollte. Hier sieht man, dass die kirchliche Lehre, die uns dazu anhält, die Sünden zu vermeiden und die gewisse Vorstellungen der Volksfrömmigkeit, die die Sünde durch Vorhänge vor Gott verbergen zu können meint, zu keiner Zeit voll übereingestimmt haben. Vor allem in den Ländern des Nahen Ostens, in denen orthodoxe Christen mit Muslimen als Nachbarn leben, werden die heiligen Ikonen mit Vorhängen oder durch geschnitzte Holzgitter verhüllt, wenn Muslime zu Besuch kommen, um religiöse Zwistigkeiten zu vermeiden. 

 

Das gesamte Leben der orthodoxen Gläubigen wird von den heiligen Ikonen begleitet und beschützt. Jeder orthodoxe Christ besitzt eine persönliche Ikone, die er bei seiner Taufe von seinen Paten zum Geschenk erhält. Sie zeigt meist den Namensheiligen des Gläubigen. Oft werden auch sogenannte Familienikonen in Auftrag gegeben, die eine Synaxis der in der Familie besonders verehrten Heiligen und der Namenspatrone der Familienmitglieder zeigen.

 

Bei der Hochzeit segnet der Vater der Braut das junge Paar mit der Ikone, die diesem hinterher geschenkt wird und beim Begräbnis wird dem Toten die Ikone seines Namenspatrons vorangetragen. Von Pilgerreisen bringen die orthodoxen Gläubigen Kopien wundertätiger Marienikonen oder die Ikonen der Heiligen mit, deren Reliquien sie auf ihrer Pilgerreise verehrt haben. Daneben gibt es zu jeder Lebenssituation die passende Ikone. So begleiten uns kleine klappbare Ikonen für unsere Gebete und zu Schutz auf unseren Reisen. Spezielle Ikonen der allheiligen Gottesgebärerin beschützen die Frauen bei der Schwangerschaft und Geburt und die Ikonen bestimmter Heiligen beschützen unsere Kinder und die Angehörigen bestimmter Berufsgruppen.

 

Kranken Menschen wird eine Ikone auf die erkrankte Stelle gelegt, damit die Heilkraft des dargestellten Heiligen auf die erkrankte Körperstelle übertragen werden kann. Die gläubigen Orthodoxen vertrauen auf die krankheitsheilende Wirkung der heiligen Ikonen. Vor allem durch die demütigen Gebete vor den Ikonen der allheiligen Gottesgebärerin haben die Gläubigen seit vielen Generationen Erfahrung von Linderung, Hilfe und Heiligung gemacht. So werden viele Marienikonen als besonders wundertätig und mit heilender Wirkung ausgestattet erachtet. Allein in Russland kennt man etwa 800 wundertätige Ikonen der allheiligen Gottesgebärerin.

 

Je öfter wir unsere Ikonen betrachten, umso mehr denkt wir auch an die Urbilder auf der Ikone; unseren Herrn Jesus Christus, die allheilige Gottesgebärerin die Engel und Heiligen Gottes, die uns in unserem Glaubensleben unterstützen und uns helfen und so wird unser eigener Glaube durch die Gegenwart der heiligen Ikonen in unserem Leben beständig gestärkt. Die Empfindungen der orthodoxen Gläubigen beim Anblick einer Ikone sind je nach ihrer augenblicklichen Lebenssituation verschieden: Das eine mal empfinden wir Reue und Schmerz wegen unserer Sünden, ein anderes Mal Freude und Dankbarkeit wegen der erfahren Hilfe Gottes. Und so vielfältig ist auch die Spannbreite unser Ehrenbezeugungen für die heiligen Ikonen, die stets nicht der Ikone selbst gelten, sondern immer an das „Urbild“, d. h. die dargestellte Person, gerichtet sind: Das eine mal verneigen wir uns bis zum Boden, das andere mal neigen wir unser Haupt und bekreuzigen uns. Die heiligen Ikonen ermöglichen uns den direkten persönlichen Kontakt mit dem Dargestellten: Unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus, seiner allreinen Mutter und der heiligen Engel und Heiligen Gottes. Ikonen sind Fenster, durch die die geheiligte Welt des Himmels in unsere materielle Welt hineinstrahlt.