Betrachtung der Weihnachtsikone - Das Fest der Geburt unseres Herrn und Gottes und Erlösers Jesus Christus dem Fleische nach

 

Betrachtung der Ikone von der Geburt Christi

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Weihnachtsikone erzählt die Geschichte von Christi Geburt, wie sie in den heiligen Evangelien steht. Sie zeigt auch, dass die ganze Schöpfung an dieser Geburt teilnimmt. Die Engel danken mit ihrem Lied; die Himmel spenden den Stern; die Weisen legen ihre Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe vor. Die armen, einfachen Hirten spenden ihr Loblied und ihr Erstaunen; die Erde bietet die Höhle und die Menschheit schenkt die Jungfrau.

 

 

Es ist eine Ikone mit vielen Szenen. Zuerst betont sie die Wichtigkeit der allheiligen Gottesgebarerin, der Mutter Jesu. Sie ist in den Mittelpunkt gestellt und die größte Figur auf der Ikone. Die drei Sterne auf ihrem Gewand deuten auf ihre Jungfraulichkeit hin, vor, wahrend und nach der Geburt unseres Herrn und Erlosers Jesus Christus.

 

Das Christuskind, genau in der Mitte der Ikone, liegt in Windeln gewickelt in der Krippe. Im Hintergrund sieht man die dunkle Höhle, in dem es geboren wurde. In der Höhle sind ein Ochse und ein Esel, die das Neugeborene beschützen. Wenn auch die Evangelien nicht von der Höhle berichten, ist das doch Teil der heiligen Tradition. Die Evangelien sprechen auch nicht von Ochs und Esel, aber alle Weihnachtsikonen stellen diese Tiere dar. Sie mit aufzunehmen erfüllt die Prophezeiung des heiligen Propheten Jesaja 1:3 „der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.“ Der lange Lichtstrahl aus dem Stern deutet direkt auf die Höhle. Der Strahl kommt vom Stern und findet zu allen Teilen der Welt. Er lehrt, dass dieser glänzende Stern ein Himmelsbote ist, der die Geburt Jesu verkündet.

 

 

"Als aber Jesus zu Bethlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem, die sprachen: Wo ist der neue König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland aufgehen gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen." (Matthäus 2: 1-2). Wenn wir an den Stern von Bethlehem denken, so haben wir meist einen Kometen mit einem langen Schweif vor Augen.  Von einem Kometen als dem Stern von Bethlehem sprechen die Weihnachtsberichte der Evangelien jedoch nicht, denn für die antiken Menschen galten Kometen nicht als Heilsboten, sondern waren mit nahendem Unheil verbunden. Insofern ist die abendländische Vorstellung des Weihnachtssterns als Schweifkomet, wie sie sich seit dem Mittelalter verbreitete, wohl nicht richtig. Warum sollte gerade ein unglücksverheißendes Omen die drei weisen Sterndeuter aus dem Persischen Reich veranlassen, sich auf die Suche nach dem neugeborenen König der Juden zu machen? Wahrscheinlicher ist deshalb ein anderes Himmelsphänomen: In der Astronomie bezeichnet die „Große Konjunktion“, eine Annäherung zwischen den Planeten Saturn und Jupiter, die von der Erde aus als  optische scheinbare Berührung am Sternhimmel gesehen wird. Im Jahr 7 vor Christus kam es zu solch einer außerordentlichen Begegnung der beiden Planeten am Himmel: die beiden Planeten kamen sich sehr nahe (Konjunktion) und das innerhalb eines Jahres sogar dreimal. In der antiken Astronomie, die noch eng mit astrologischen Vorstellungen verknüpft war, war das gemeinsame Leuchten von Jupiter und Saturn, das „Aufgehen eines neuen Sterns“ von vorhersagender Bedeutung. Denn für das antike Deutungsverständnis des Kosmos war der Lauf der planetarischen Himmelskörper etwas, was als Heils- oder Unheilszeichen, als Segen oder Warnung Gottes, gedeutet werden konnte. Alles, was sich am Himmel abspielte, entsprach den kommenden Ereignissen auf der Erde. So galt Jupiter im antiken Babylon als „Königsplanet“ und als „Repräsentant des höchsten Gottes“. Der Planet Saturn wurde mit dem König in Israel und dem Volk der Juden in Verbindung gebracht. Die dreifache Planetenkonjunktion fand im Sternbild Fische statt. Dieses Sternbild stand in der babylonischen Astrologie für das Land Palästina. Die Konjunktion von Saturn und Jupiter konnte infolge der astrologischen Deutung nur einen Höhepunkt "im Himmel wie auf Erden" bedeuten: Ein neuer König musste in Palästina geboren worden sein. Und die dreifache Konjunktion verwies darauf, dass es sich nicht um die Geburt irgend eines Herrschers, sondern vielmehr um die Geburt des verheißenen Heilands, des Messias (hebräisch), des Christus (griechisch), handelte. Deshalb machten sich die drei Sterndeuter auf ihre Reise aus dem persischen Mesopotamien nach Judäa, deshalb führten sie für einen neugeborenen König angemessene Geschenke mit sich und deshalb sprachen sie als erstes bei Herodes in Jerusalem vor. Hieran wird deutlich, dass Gott seine Heilsbotschaft jeweils im Verständnishorzizont der betroffenen Menschen verkündet: Zu den Magiern (= naturwissenschaftlich orientierten) spricht er vermittels der Sterne (= dem Kosmos), zu den Juden (= dem Volk Gottes) vermittels der alttestamentlichen Paromien (= der Heiligen Schrift), zu uns und den Hirten (= allen Menschen guten Willens) durch das ehrfürchtige Staunen ob des großen und allheiligen Mysterions der Menschwerdung unseres Herrn und Gottes und Erlösers Jesus Christus.

 

Auf der linken Seite der Ikone ist eine andere Szene dargestellt. Die Drei Weisen, geführt vom Stern, reiten herbei ihre Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe zu Jesus zu bringen. Die Weisen sind unterschiedlich alt. Einer ist bartlos. In jenen Tagen trugen die jungen Männer keinen Bart. Der Andere hat langes Haar und einen langen Bart, was andeutet, dass er viel älter ist. Diese Details lehren, dass die Gute Nachricht (das genau bedeutet nämlich das griechische Wort εύαγγέλιον (Evangelium)) zu jedem kommt, ungeachtet des Alters und der persönlichen Erscheinung.

 

 

Gegenüber den Weisen ist die Szene mit den einfachen Schafern. Ein Engel verkündet die frohe Nachricht. Ein junger Hirte spielt ein Blasinstrument. Diese Szene offenbart, dass die Musik der Menschen dem himmlischen Chor der Engel zugesellt wurde.

 

Gegenüber der Hirtenszene sieht man den Chor der heiligen Engel. Sie verherrlichen Gott. Die heiligen Engel dienen zwei Zwecken bei der Geburt Christi. Sie verherrlichen Gott und verkünden allen Menschen die gute Nachricht.

 

Der Hintergrund zeigt eine sehr zerklüftete Landschaft. Das gibt nicht die tatsächliche Form dieser Gegend wieder. Josef konnte in Bethlehem keine Bleibe finden, deshalb ging er außerhalb Bethlehems in eine Höhle. Die felsige Gebirgslandschaft dient nur als Hintergrund für das Ereignis.

 

Im unteren Teil der Ikone sind noch zwei Szenen. In der rechten Ecke sind die beiden Frauen, die Josef mitgebracht hatte, um sich um das Kind zu kümmern. Sie baden Ihn wie ein Kind eben gebadet wird. Die menschliche Natur Christi wird hier klar gezeigt.

 

 

Gegenüber der Badeszene sitzt ein trauriger und bestürzter Josef. Er ist nicht Teil der zentralen Gruppe Christuskind und Gottesgebärerin. Der heilige Josef ist nicht der natürliche Vater. Josef ist besorgt und verzagt. Ein alter Mann spricht mit ihm. Der alte Mann ist Satan. Satan kann in vielen Formen auftreten. Hier ist er ein alter Mann, der Josef in Versuchung führen und verwirren will. Satan sagt zu Josef, dass eine jungfrauliche Geburt nicht möglich ist. Er sagt zu Josef, dass er ein Narr sei, wenn er das glaube. Diese Erklärung kommt zu uns durch die heilige Tradition. Der traurige Josef zeigt uns nicht nur seine persönliche „Klemme“ sondern das Dilemma der ganzen Menschheit in der Schwierigkeit das Geheimnis des Glaubens anzunehmen, das „jenseits aller Logik und Vernunft“ ist.

 

Der Baum in der Mitte des unteren Teils der Ikone ist ein Symbol für die Wurzel Jesse. Der Baum bezieht sich auf Jesaja 11,1-2, „doch aus dem Baumstumpf Jesse wachst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn läßt sich nieder auf ihm.“ Der heilige Prophet König David wurde oft als der Sohn Jesse bezeichnet und Jesus war aus dem Hause Davids.

 

Die Ikone der Geburt mahnt uns die Geburt Christi zu lobpreisen und zu verherrlichen. Die Feier des Weihnachtsfestes jedes Jahr dient dazu, alle und jeden daran zu erinnern, dass Christus für dich und für mich gekommen ist. Der lebendige Gott ist im Ihm Mensch geworden, um uns zu erlösen.

 

Christus ist geboren –Verherrlicht IHN!

 

Deine Geburt, Christus, unser Gott, ließ erstrahlen der Welt das Licht der Erkenntnis. Denn in ihr hat ein Stern die Verehrer der Sterne belehrt, Dich anzubeten als die Sonne der Gerechtigkeit, und Dich zu erkennen als den Aufgang aus der Höhe. Herr, Ehre sei Dir.

 

Troparion der Geburt Christi

 

Die Ikone der Geburt Christi

 

 Thomas Zmija v. Gojan

 

Wenn wir auf die Weihnachtsikone blicken, so erzählt sie uns in vielen Einzelbildern von der Geschichte der Geburt Jesu Christi. Sie macht für uns anschaubar, was in den heiligen Evangelien berichtet wird. Zugleich zeigt sie auch, dass der ganze Kosmos, alle Schöpfung am Lobpreis der sich in diesem Ereignis offenbarenden Güte Gottes teilnimmt: Die Engel danken mit ihrem Lied; die Himmel spenden den Stern; die Weisen legen ihre Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe vor Christus-Emmanuel nieder, die armen, einfachen Hirten spenden ihr Loblied und ihr Erstaunen; die Erde bietet die Höhle dar und die Menschheit schenkt die Jungfrau.

 

 

Im Zentrum der Ikone sehen wir die Allheilige Jungfrau. Indem sie mit dem Heilswillen Gottes zusammenwirkte und aus freiem Willen dem Göttlichen Heilsplan zustimmte, begann mit ihr der Heilsweg Gottes zu unsere Erlösung (Lukas 1:26–38). Zugleich betont die zentrale Darstellung der Allheiligen Gottesgebärerin, auch das zentrale Glaubensgeheimnis (griechisch: Mysterion, slawisch: Tainstvo) der Weihnachtsbotschaft: Gott wird Mensch zur Erlösung des Menschengeschlechts. Das bedeutet: Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch aus Gnade vergöttlicht werden kann. Die heiligen Väter, begonnen beim heiligen Irenäus von Lyon, werden nicht müde, zu uns über diesen zentralen Punkt unserer Erlösung zu sprechen. Auch die Schriften der Heiligen Athanasius des Großen, Gregors von Nazianz und Gregors von Nyssa legen uns diese Bedeutung des weihnachtlichen Heilgeschehens immer wieder aus. So rückt durch die Figur der Allheiligen Gottesgebärerin zugleich das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus in den Mittelpunkt der Weihnachtsikone. Auf dem Purpurgewand der Gottesmutter sind oft auch drei Sterne abgebildet. Wir finden diese auf vielen Marienikonen. Die drei Sterne auf dem Gewand Mariens deuten auf ihre Jungfräulichkeit hin. Die Allheilige war Jungfrau vor der Geburt; sie blieb Jungfrau während der Geburt und auch nach der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus ist die Allreine Jungfrau geblieben.

 

 

Bereite dich, Höhle; denn das Mutterlamm kommt Christus tragend in ihrem Schoß. Krippe, nimm den auf, der durch das Wort uns Erdgeborene von widersinnigem Wandel befreit. Ihr Hirten des Feldes, bezeugt das furchterregende Wunder! Ihr Weisen aus Persien, bringt dar dem König Gold, Weihrauch und Myrrhe. Denn erschienen ist der Herr aus der Jungfrau-Mutter.

 

Theotokion aus der Vesper am  24. Dezember

 

 

Das Christuskind, befindet sich genau in der Mitte der Ikone. Es liegt in Windeln gewickelt in der Krippe. Die die Geburtshöhle symbolisiert bereits das Grab Christi. Die Windeln sind ebenfalls wie Grablinnen um Christus-Emanuel geschlungen. Auch die Krippe gemahnt an einen Sarkophag. Hiermit wird im symbolischen Bild die Kenosis des Logos, die Selbsterniedrigung des Gottessohnes in Seiner Menschwerdung, symbolisch ausgedrückt. Nach dem Zeugnis des heiligen Apostels Paulus ist Christus Mensch geworden und war gehorsam bis zum Tode am Kreuz (vgl. Philipper 2:7-9). Mit der Menschwerdung Christi beginnt zugleich der Weg des Sohnes Gottes, der Ihn aus göttlichem Erbarmen und großer Menschenliebe bis zum freiwilligen Tode am Kreuz führen wird. Aber das Christuskind wird in der orthodoxen Tradition nicht als ein Schlafender (= Toter) dargestellt. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Christus nicht im Grabe verblieb, sondern nach drei Tagen von den Toten auferstanden ist. Auf der Weihnachtsikone sind nicht nur die Leiden und der Tod Christi symbolisch vorabgebildet, sondern bereits auch Seine glorreiche Auferstehung.

 

 

Bereite Dich Betlehem, offen steht allen Eden. Rüste Dich Ephrata; denn der Jungfrau entsprosst in der Höhle des Lebens Baum. Ihr Schoß ward offenbar als geistiges Paradies. In ihm wurzelt der göttliche Spross. Wenn wir von Ihm essen, werden wir leben, wir werden aber nicht sterben wie Adam. Christus wird geboren, um das einst gefallene Bild Gottes wieder aufzurichten.

 

Troparion der Vorfeier

 

Im Hintergrund der traditionellen orthodoxen Weihnachtsikone sieht man keinen ruinenhaften Stallgebäude in einer malerischen europäischen Landschaft, wie es die westlichen Weihnachtsszenen oft abbildet wird, sondern wir sehen die dunkle Geburtshöhle in Bethlehem, in der unser Herr und Erlöser tatsächlich geboren wurde. Hierin erkennen wir zugleich ein Wesensmerkmal der heiligen Ikonen. Sie bilden das apostolische Glaubenswissen der Kirche ab. Unserer Herr und Erlöser und Gott Jesus Christus wurde zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte zu unserem Heil in Bethlehem in Judäa als Mensch von einer Jungfrau geboren.

 

Während die westlichen Andachtsbilder die Imaginationen und individuellen Vorstellungen oder Vorlieben des Künstlers über den heiligen Vorgang ausdrücken wollen, stellen die orthodoxen Weihnachtsikonen das Glaubenswissen der Kirche so dar, wie es das volle Verständnis des Heilsgeschehens erfordert (vgl. 2.Petrus 1:16). Aber das Schreiben einer orthodoxen Ikone ist nicht einfach ein bloßes Kopieren einer altehrwürdigen Vorlage, sondern ein betendes Zusammenwirken, eine Synergeia, des Ikonenmalers mit Gott in der Treue zur kirchlichen Überlieferung. So findet sich auf allen orthodoxen Weihnachtsikonen die gleiche Geburtsszene dargestellt, doch können einzelne Details gemäß den Vorlieben des Ikonenschreibers oder aber nach der Lokaltradition aus der Ikonenmaler stammt, gestaltet sein. Gerade auf rumänischen und ukrainischen Weihnachtsikonen erkennt man oft die Hirten, wie sie auf regionaltypischen Instrumenten in Weihnachtsliedern die Geburt des Erlösers preisen.

 

Rumänische Hinterglasikone der Geburt Christi. Siebenbürgen, 19. Jahrhundert.
Rumänische Hinterglasikone der Geburt Christi. Siebenbürgen, 19. Jahrhundert.

 

Auf der Weihnachtsikone sehen wir im Hintergrund der Höhle einen Ochsen und einen Esel abgebildet, die das neugeborene Christuskind gleichsam beschützen. Wenn die Evangelien auch nicht ausdrücklich von einer Höhle, sondern einfach von einem Stall sprechen, so gehört die Geburtsgrotte - genau wie die Anwesenheit von Ochs und Esel und viele weitere Details der orthodoxen Weihnachtsikonen - zur den Informationen, die wir der Heiligen Orthodoxen Tradition entnehmen. Nach orthodoxem Verständnis sind die biblischen Texte nur der verschriftlichte Teil aus der Glaubensverkündigung der heiligen Apostel. Nach dem Zeugnis des heiligen Evangelisten und Apostels Johannes des Theologen sind die Worte und Taten des Erlösers weit umfangreicher, als nur das in den biblischen Berichten bezeugte (vgl. Johannes 21:25). Alles was nicht im Neuen Testament aufgeschrieben wurde, finden wir im Glauben der Kirche wieder, die getreulich die gesamte Fülle der apostolischen Überlieferung in ihrer Heiligen Tradition aufbewahrt.

 

Heute wird von einer Jungfrau geboren, der die ganze Schöpfung hält in seiner Hand. Mit einem Tuch wird wie ein Sterblicher umwickelt, der von Natur unberührbar ist. Gott wird in eine Krippe gelegt, Er, der einst am Anfang die Himmel befestigt hat. Aus Brüsten wird mit Milch ernährt, der dem Volk in der Wüste das Manna regnen ließ. Die Weisen ruft herbei der Bräutigam der Kirche. Ihre Gaben empfängt der Sohn der Jungfrau. Wir verehren, Christus, Deine Geburt. Zeige uns auch Deine göttliche Erscheinung!

 

Aus den königlichen Stunden 

 

Zugleich verweisen Ochs und Esel, die auf allen Weihnachtsikonen abgebildet sind, auf die Prophezeiung des heiligen Propheten Jesaja (1:3): „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.“ Der lange Lichtstrahl aus dem Stern fällt vom Himmel her direkt auf die Höhle. Dieser Strahl kommt aus dem Stern hervor und symbolisiert das Licht des Glaubens, dass durch das Kommen Christi in die Welt die Herzen der Gläubigen erleuchtet (vgl. Johannes 1:12). So ist der Stern gleich den heiligen Engeln ein Himmelsbote ist, der die Geburt des Erlösers verkündet.

 

 

Auf der linken Seite der Weihnachtsikone ist eine andere Szene dargestellt. Die drei Weisen, die Magoi (Magier) aus dem Orient reiten hier, vom Stern geführt, herbei. Sie bringen Christus-Emanuel die  Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe. Sie verweisen darauf, dass Christus jener Messias-König ist, den das alttestamentliche Gottesvolk durch die Generationen hinweg so sehnlich erwartet hat. Die drei Weisen sind unterschiedlich alt dargestellt. Einer von ihnen ist bartlos. In jenen Tagen trugen die jungen Männer keinen Bart. Der Andere hat langes Haar und einen langen Bart, was andeutet, dass er viel älter ist. Diese Details lehren uns, dass die Gute Nachricht (das genau bedeutet das griechische Wort εύαγγέλιον = Evangelium) zu jedem einzelnen von uns kommt, ungeachtet unseres Alters, unseres sozialen Standes oder unserer persönlichen Erscheinung.

 

Zugleich verweisen die drei Fremden aus dem Morgenland bereits auf die universale Einladung Gottes zur Annahme des in der Geburt des Erlösers zu allen Menschen gekommen Heiles hin. Der exklusive alttestamentliche Bund des israelitischen Gottesvolkes findet nun seine Erfüllung im neuen Bund der Heiligen Kirche, der alle Menschen durch Jesus Christus zu geliebten Kindern Gottes macht. Alle Völker sind zur Annahme des mit der Geburt des Gottessohnes angebrochenen Heiles berufen. Auch ist das Allheiligste nicht mehr den Juden durch den Jerusalemer Tempel exklusiv zugänglich. In Christus ist der Allheiligse Selbst auf Erden erschienen und hat unter den Menschen gewohnt. So finden auch die rituellen Opfer des alten Bundes nun ihr Ende. Denn Christus Selbst ist das wahre Opfer, das zu unserer Erlösung Mensch geworden ist. Deshalb erhalten alle an Christus Jesus wahrhaft Glaubenden unabhängig von ihrer Herkunft im Opfer des Neuen Bundes, der heiligen Kommunion, Anteil an der heiligenden, uns vergöttlichenden Eucharistie. Zugleich bewirkt der Empfang der Heiligen Kommunion, dass Christus mit Gott, dem Vater, und dem Heiligen Geiste in uns Wohnung nimmt. Christus Jesus wird durch den gläubigen Empfang der Heiligen Gaben geistlich in unseren Herzen  neugeboren. Durch diese geistliche Geburt werden wir Gläubige dann vergöttlicht - wir werden gnadenhaft mit hineingenommen in das Leben mit Gott.

 

 

Gegenüber den drei Weisen ist die Szene mit den einfachen Hirten dargestellt. Ein Engel verkündet ihnen die frohe Nachricht von der Geburt des Heilandes. Ein junger Hirte spielt ein Blasinstrument. Diese Szene offenbart zugleich, dass durch die Gabe der Musik, die Menschen dem himmlischen Chor der Engel zugesellt wurden. Doch da die Engel das Lob Gottes auch nach der Verkündung der Weihnachtsbotschaft an die Hirten mit ihren Stimmen darbringen (vgl. Lukas 2:13-14), bringen auch wir im orthodoxen Gottesdienst Gott unseren Lobpreis ohne Instrumentenbegleitung dar. 

 

 

Gegenüber der Hirtenszene sehen wir den Chor der heiligen Engel. Sie verherrlichen und Lobpreisen Gottes Herrlichkeit und Seine errettende Güte mit den Worten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden“ (Lukas 2:14). Die heiligen Engel dienen auf zweierlei Weise bei der Geburt Christi. Sie verherrlichen Gott und verkünden allen Menschen die gute Nachricht der Erlösung.

 

Der Hintergrund zeigt eine sehr zerklüftete Landschaft. Das gibt nicht die tatsächliche Form dieser Gegend wieder. Der heilige Joseph konnte in Bethlehem keine Bleibe finden, deshalb ging er außerhalb Bethlehems in eine Höhle. Die felsige Gebirgslandschaft dient nur als Hintergrund für das Ereignis.

 

Im unteren Teil der Weihnachtsikone sind noch zwei weitere Szenen zu sehen. In der rechten Ecke finden sich die beiden Frauen, die der heilige Joseph, der Bräutigam der Gottesgebärerin, mitgebracht hatte, um sich um das neugeborene Kind zu kümmern. Sie baden Christus–Emanuel wie ein Kind eben gebadet wird und verweisen damit auf die menschliche Natur Christi.

 

Gegenüber der Badeszene sitzt ein trauriger und bestürzter Joseph. Er ist nicht Teil der zentralen Gruppe Christuskind und Allheiligen Gottesgebärerin. Der heilige Joseph ist nicht der natürliche Vater. Joseph ist besorgt und verzagt. Ein alter Mann spricht mit ihm. Der alte Mann ist der Satan. Satan kann in vielen Formen auftreten. Hier ist er ein alter Mann, der Josef in Versuchung führen und verwirren will. Satan sagt zu Joseph, dass eine jungfräuliche Geburt nicht möglich sei. Er sagt zu ihm, dass er ein Narr sei, wenn er das glauben würde. Diese Erklärung zu diesem Detail der Weihnachtsikone ist ebenfalls der Heiligen Tradition entnommen. Der traurige Joseph zeigt uns nicht nur sein persönliches Dilemma, sondern er ist zugleich ein personifiziertes Symbol für das Dilemma aller Menschen, das Geheimnis des Glaubens anzunehmen, das  für jeden „jenseits aller Logik und Vernunft“ ist, wie wir im Hymnos Akathistos anbetend singen.

 

 Heute gebiert die Jungfrau den Überseienden und die Erde gewährt dem Unzugänglichen eine Höhle. Engel lobsingen mit den Hirten, Weise ziehen mit einem Stern. Denn für uns wurde das Kind neugeboren, der urewige Gott.

 

Der Baum in der Mitte des unteren Teils der Ikone ist ein Symbol für die Wurzel Jesse. Der Baum bezieht sich auf die Textstelle in Jesaja 11:1-2: „Doch aus dem Baumstumpf Jesse wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm.“ Der Prophet König David wurde oft als der Sohn Jesse bezeichnet und Jesus war aus dem Hause Davids.

Die gesamte heilige Ikone der Geburt will uns dazu hinführen, das Geheimnis der Geburt Christi mit unseren Herzen zu verstehen, damit auch wir unseren Mund öffnen und Gottes große Güte und Seine tiefe Menschenliebe lobpreisen und verherrlichen. Die Feiertage des Weihnachtsfestes dienen jedes Jahr dazu, uns alle daran zu erinnern, dass in Christus Jesus Gott für dich und für mich in diese Welt herabgekommen und Mensch geworden ist. Möge das das Licht der Geburt unseres Erlösers, dass im Stern von Bethlehem so hell leuchtend erstrahlt, zum Christfest mit Frieden und Freude in die Herzen aller Menschen einziehen.

 

 

Betrachtungen über die Weihnachtsikone

 

Thomas Zmija von Gojan

 

In der Orthodoxen Kirche sind die heiligen Ikonen ihrem Wesen und ihrer Bedeutung nach nicht bloße Heiligen- oder Historienbilder, die den biblischen Text illustrieren wollen, sondern sie machen uns die Wahrheit des Glaubens anschaulich erfahrbar. Genau wie die Texte der Heiligen Schrift zu unseren Ohren als Ikonen des Wortes sprechen, so vergegenwärtigen die heiligen Ikonen unseren Augen das Heilsgeschehen, das dann für uns in der Feier der Nachtwache und der Göttlichen Liturgie mit ihren Gebeten und Gesängen ganzheitlich erlebbar wird. Auf liturgische Weise werden wir mit hineingenommen in das Erleben, ja das Ergriffen-Werden von den Heilsgeheimnissen unseres Glaubens. Für die Weihnachtsikone gilt dies in besonderem Maße.

 

 

Gott hat den Menschen erschaffen und zu einem dialogischen Leben in der Gemeinschaft mit sich Selbst berufen. Durch mit seiner Zustimmung zur ersten Sünde jedoch zerbrach der Mensch die Gemeinschaft, die zwischen Gott und Adam und Eva bis dahin bestand. Gott schickte sie aus dem Paradies weg, jedoch nicht ohne zu verkünden, dass diese Trennung nicht auf ewige das Schicksal der Menschen bleiben würde. (vgl.: Genesis 3) Die Menschen, die an ihrer Verstrickung in die Sünden - und als deren Folge in den aus den Sünden folgenden Tod - nichts mehr verändern konnten, richteten nun ihre ganze Hoffnung auf das Kommen des Erlösers (hebräisch ‏משיח‎ Maschiach, im griechischen Alten Testament, der Septuginta Μεσσίας = Messias, ins Griechische aber übersetzt mit Χριστός =Christos = der Gesalbte Gottes).

 

Erschaffung des Menschen - Das hebräische Wort ‏אָדָם‎, = "ādām" bedeutet einfach "der Mensch".
Erschaffung des Menschen - Das hebräische Wort ‏אָדָם‎, = "ādām" bedeutet einfach "der Mensch".

 

Diesen von Gott kommenden Erlöser verkündigten die Propheten dem Volke Israel während der gesamten Heilankündigung im Alten Testament. Je länger und je sehnlicher die Menschen nun auf das Kommen Christi warteten, umso klarer verkündigten die Propheten des alten Bundes, dass es nur GOTT SELBST sein konnte, der auf wunderbare, alles irdische Verstehen übersteigende Weise, zu den Menschen herabkommen würde, um sie zu erlösen. (Jesaja 59:19-21) Mit der Geburt Jesu Christi ist dann der SOHN GOTTES SELBST von den Himmeln herabgestiegen. ER hat Fleisch angenommen vom Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau und ist Mensch geworden. Um uns zu erretten erniedrigte sich GOTT SELBST (der heilige Apostel Paulus benutzt hierführ den Begriff der Kenosis (= Selbsterniedrigung, Selbstentäußerung Gottes. Im Brief an die Philipper gebrauchten er das Verb κένωσεν (ekenosen), „ER entäußerte sich“ (Phil. 2, 7), indem ER ein Kindlein wurde und doch gleichzeitig der UREWIGE GOTT SELBST blieb. Dies ist das unbegreifliche, alles Verstehen übersteigende Wunder Gottes, dase es uns Menschen durch das Kommen Christi wieder möglich wurde, den Weg zu Gott zu finden. Dies ist das Geheimnis der Geburt Christi, das tiefe Glaubensgeheimnis, das wir an Weihnachten feiern.

 

 

Weihnachten ist also nach orthodoxem Verständnis kein Fest der emotionalen Rührseligkeit oder romantischen Innerlichkeit, sondern der Beginn unserer Erlösung, zu der maßgeblich das Leiden, das Kreuz, gehört. Darauf verweist bereits der Kindermord zu Bethlehem, den Herodes anordnete, als er des Christusknaben nicht habhaft werden konnte. Das Kommen des Erlösers und das Martyrium um Seinetwillen gehören nach dem Ratschluss Gottes zum Weihnachtsfest. Die Lebens- und Glaubenssituation unserer christlichen Brüder und Schwestern im Nahen Osten und die brüderliche Teilhabe Christi Selbst am Flüchtlingsschicksal unserer Tage - und zwar nicht nur dem der Christen -  ist Teil des Weihnachtsgeschehens. Denn Christus wird als ein Obdachloser und ein Flüchtling bei Bethlehem in der Höhle geboren, als kein Raum für IHN in den Herbergen der Menschen war. Dies sollten wir immer auch in unserer weihnachtlichen Festfreude und bei unserem frohen Zusammensein im Kreis unserer Lieben mitbedenken.

 

 

Auf der Darstellung der orthodoxen Weihnachtsikone, die wir jetzt näher betrachten wollen, sind verschiedenen Ereignisse rund um die Geburt unseres Erlösers Jesus Christus gemeinsam dargestellt.

 

Auf den ersten Blick erkennen wir, dass die allheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria im Bildmittelpunkt der Weihnachtsikone ruht. Ihr Ruhekissen ist wie ein Thron gestaltet. Würden wir auf der Weihnachtsikone die einander gegenüberliegenden Ecken verbinden, würden sich die beiden Linien unterhalb der Schultern der allheiligen Gottesgebärerin, also über ihrem Herzen kreuzen. Die Gestalt der Gottesgebärerin bildet mit ihrer, alle übrigen Gestalten weit überragenden, Größe die Mitte der Ikone. Daran wird deutlich, dass die Mitte der Weihnachtsbotschaft die Geburt des Gottmenschen Jesus Christus aus der Immerjungfrau ist.

 

 

Die überwiegende Mehrheit der Marienikonen, auf denen die Gottesmutter immer den Christusknaben auf dem Arm haltend dargestellt wird, verkündet dieses heilige Glaubensgeheimnis der Menschwerdung Gottes aus der Jungfrau. Deshalb bekennt die Orthodoxe Kirche in der Weihnachtsikone und auf den Marienikonen die Immerjungfrau Maria als Gottesgebärerin (griechisch Θεοτόκος Theotókos) und verkündet in den vielen Gesängen der Kirche dass sie vor dem Gebären, im Gebären und nach dem Gebären Immerjungfrau geblieben ist.

 

Die Geburt Christi dem Fleische, also Seiner menschlichen Natur nach aus der Immerjungfrau Maria ist eine, auf den kommenden Erlöser bezogene, Prophezeiung des Alten Testament. Dort heißt es beim Propheten Jesaja:Eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel (hebräisch: עִמָּנוּ אֵל „Gott ist mit uns“).

 

 

Schließlich besitzt die Geburt aus der Jungfrau einen besondere heilsgeschichtliche Dimension: Nach Auffassung der Orthodoxen Kirche sind Himmel und Erde, Gott und Seine Welt, nicht zwei, völlig voneinander getrennte Sphären, sondern sie gehören zusammen, sind als der Schöpfer und Seine Schöpfung eng aufeinander bezogen. Vor dem Fall des Menschen waren sie miteinander vereint und sie werden es am Ende der Zeiten wieder sein, wenn GOTT ALLES IN ALLEM sein wird. Anfang dieser neuen Vereinigung von Himmel und Erde ist die Empfängnis und Geburt Christi aus der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria.

 

 

„Himmel und Erde sind heute vereint, so beginnt der einer der Hymnen am Vorabend des Festes. Wie das Licht die Pflanze und die Pflanze das Licht, so sucht Gott die gefallene Welt zurückzuholen in Seine Ewigkeit. Auch die Welt als Gottes Schöpfung streckt sich suchend nach dem ewigen Heil, das im kommen Christi angebrochen ist, aus.

 

Wie bereits erwähnt, deutet die Mitte der Weihnachtsikone, ihre Zentrierung direkt auf das Herz der allheiligen Gottesgebärerin. Dies weist einerseits darauf hin, dass die allheilige Gottesgebärerin das Heilsgeheimnis der Menschwerdung Gottes in ihrem Herzen bewahrte (Lukas 2:19). Gleichzeitig verweist es auf das orthodoxe Verständnis unserer Erlösung in Christus. Nicht die Rechtfertigung des Sünders als eine bloße Relation zu Christus - indem wir Ihn als unseren Retter annehmen – betrachtet die orthodoxe Kirche als das Zentrum der Erlösung, sondern die Möglichkeit der Menschen, durch die Sakramente und das aus ihnen erwachsende Glaubensleben an Christus gnadenhaft teilhaben zu können. Wir werden errettet, so verkünden uns die heiligen Väter, besonders der heilige Athanasius der Große, durch die gnadenhafte Teilhabe am innergöttlichen Leben. Dieses gnadenhafte Teilhabe am Leben mit Gott beginnt mit unserer heiligen Taufe; es wir vervollkommnet in der heiligen Myronsalbung durch die Gnadengaben des Heiligen Geistes, aufgebaut in der Teilnahme an der heiligen Kommunion und - wenn wir uns von der Gemeinschaft mit Gott entfernt haben - wieder erneuert in der heiligen Beichte. Ziel des christlichen Lebens ist, dass Gott in unserem Herzen geboren werde; ER also Wohnung in uns nimmt. In den Gebeten zur Vorbereitung auf die heilige Kommunion beten wir: „Christus, lass an mir geschehen, Deinem sündigen Knecht, wie Du es einst vorher gesagt hast: Verbleibe in mir, wie Du es verheißen hast, denn siehe, Deinen göttlichen Leib esse ich, und Dein göttliches Blut trinke ich“. Dieses Vorgang, den die heiligen Väter als einen beständigen Wachstumsprozess, als eine immer inniger werdende Gemeinschaft mit Gott und als eine Vertiefung unserer Liebe zu Gott beschreiben, nennt die orthodoxe Kirche Vergöttlichung (griechisch: Θεωσις = "Theosis").

 

 

Auf der Weihnachtsikone sehen wir, dass nach orthodoxer Tradition Christus nicht in einem Stall, sondern in einer Höhle  geboren worden ist. So zeigt uns die Weihnachtsikone Gottes Sohn hell hervorleuchtend in einer Krippe. Er liegt dort zwischen Ochs und Esel in einer schwarzen Höhle inmitten eines Berges. Der Stern der Weisen empfängt sein Licht aus Gott und weist mit seinem Lichtstrahl auf das Kind in der Krippe.

 

Gleichzeitig erstrahlt aber auch aus dem Dunkel der Höhle ein Licht. Es geht vom neugeborenen Christuskind aus, das in leuchtend weiße Tücher gewickelt ist. Bei Jesaja heißt es dazu: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht, über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Denn es ist uns ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“ (Jesaja 9:1,5) An diesen Sohn Gottes knüpfen sich große Erwartungen: „Man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ (Jesaja 9:5) Das Kind in der Höhle ist also GOTT SELBST und die Höhle nicht irgendeine Höhle, sondern Symbol für die Welt und den gesamten Kosmos. In ihr herrschen Dunkelheit und Tod. Gott bringt ihr – unter Einsatz Seiner Ganzhingabe an den Menschen - Licht und Leben. Die Hingabe Gottes zeigt sich in Jesu Menschwerdung, Leben und Tod. Angedeutet wird dies durch die Windeln des Neugeborenen. Sie leuchten zwar strahlend weiß, sehen jedoch aus wie die Grabtücher, in die der Leichnam Jesu einmal gehüllt werden wird. Gottes Hingabe an die Menschen bedeutet, dass er auch die dunklen Seiten des Lebens wie Armut und Tod mit den Menschen teilt. Christi Leben beginnt unter ärmlichen Umständen in Bethlehem und endet am Kreuz, wo Er „sich unter die Verbrecher rechnen ließ“ (Jesaja 53:12).

 

 

Die Ganzhingabe Gottes in der Menschwerdung des Sohnes ist unwiderruflich und gilt für alle Zeiten.  Sie ist kein einmaliges Geschehen, sondern wird in der Feier jeder Göttlichen Liturgie immer aufs Neue gegenwärtig. Wir erhalten lebensschaffenden Anteil an ihr in unserer Teilhabe am Kelch des Heils, also durch unsere Teilnahme an der Göttlichen Kommunion. Dies versinnbildlicht die Krippe. Sie hat das Aussehen eines Steinsarkophags, erinnert aber gleichzeitig an den eucharistischen Opferaltar. Jesu Menschwerdung und Sein Tod gehören zusammen. In der Krippe liegt das lebendige Brot, das für das Leben der Welt von den Himmeln herab gekommen ist. (Johannes 6: 51)

 

Christus liegt dort zwischen Ochs und Esel, was uns an Jesaja 1:3 erinnert, wo zu lesen ist: Der Ochse kennt seinen Meister und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel hat keine Einsicht, mein Volk keinen Verstand." Die Kirchenväter haben bisweilen den Ochsen als Symbol der Heidenvölker und den Esel als ein Symbol des störrischen Volkes Israel gedeutet.

 

 

Außerhalb der Höhle liegt oder kniet die Gottesmutter. Im Eindruck des unfassbaren Geschehens betet sie. Deshalb ist sie meist mit dem Kind im Rücken dargestellt, ohne es anzuschauen, ohne sich mit ihm zu beschäftigen. Dieses zunächst eigenartige Verhalten wird aus dem Heilsverständnis erklärt: Nachdem Christus in der Gottesmutter unsere menschliche Natur angenommen hat und in die Welt gekommen ist, bleibt die Gottesmutter der Welt verbunden und ist ganz für uns da, sie schaut auf uns, als unsere Fürbitterin beim Höchsten.

 

 

Es ist kein Zufall, dass sie auf orthodoxen Ikonen - im Gegensatz zu westlichen Krippenszenen - kaum je gemeinsam mit Joseph dargestellt wird. Dieser ist im Gegenteil abseits von der Krippe, oft am unteren Bildrand zu sehen, wo er, den Kopf in eine Hand gestützt, in tiefes Nachdenken versunken, sitzt.

 

Er ist ja nicht der leibliche Vater des Kindes; sein Verstand versucht vergeblich das Mysterium der wunderbaren Geburt zu erfassen. Vor ihm steht eine in Felle gehüllte, gebeugte Gestalt, mit einem Stock in der Hand: Nach Matthäus 1:20-23 waren es nämlich die Worte des größten Propheten des alten Bundes, des Propheten Jesaja, die den Zweifel des Joseph gelöst und ihn bewogen haben, weiterhin den Weg an der Seite der allheiligen Gottesgebärerin und des Christusknaben zu gehen, und zwar die Worte: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger und gebiert einen Sohn, und man wird Ihn Emmanuel (Gott mit uns) nennen." (Jesaja 7:14).

 

 

Weiterhin wird am unteren Bildrand das neugeborene Kind von Hebamme und Magd in einer Art Taufbecken gewaschen. Der geistliche Sinn dieser Szene weist schon auf die Bedeutung hin, die das Wasser bald im Fest der Theophanie am Jordan bekommt: Das Wasser, Hauptelement des Lebens wird durch die Berührung mit dem Herrn gesegnet und geheiligt.

 

In der allheiligen Gottesgebärerin sehen wir aber nicht nur die Mutter des neugeborenen Christusknaben, sondern sie personifiziert auch die heilige Kirche, die die Menschen einlädt, sich Gott zuzuwenden, Ihm zu glauben und zu vertrauen und zum Zeichen dafür sich taufen zu lassen. Das Bad des Neugeborenen, das rechts unten dargestellt ist, ist also bei genauerem Betrachten nicht nur das Reinigungsbad für ein Neugeborenes. Es unterstreicht zwar einerseits, dass es sich bei Christusknaben um ein wirkliches Menschenkind handelt, weist aber zugleich hin auf das Bad der Wiedergeburt, die heilige Taufe.

 

Die Badewanne hat das Aussehen eines Taufbeckens, das bereits herangewachsene Kind steht aufrecht, wie Jesus bei Seiner Taufe im Jordan, die wenige Tage nach Weihnachten gefeiert wird: „Als aber die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat Er uns gerettet… aufgrund Seines Erbarmens durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist.“ (Titus 3:3-7)

 

Die heiligen Salome und Zelomi baden das neugeborene Christus-Kind.
Die heiligen Salome und Zelomi baden das neugeborene Christus-Kind.

 

Der obere Bildrand der Ikone ist von Engeln erfüllt, die Gott, den Vater, lobpreisen und mit den Worten danksagen, die orthodoxe Kirche jeden Tag im Morgengottesdienst (Utrenija) spricht: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen!" Einer von diesen Engeln wendet sich den Hirten zu und verkündet ihnen die Frohbotschaft von der Ankunft des Erlösers (Lukas 2:9-11).

 

 

Mit den Hirten symbolisieren im Weihnachtsgeschehen aber nicht in erster Linie die materiell Armen, sondern die, die da geistlich arm sind, wie es in den Seligpreisungen heißt, also die Demütigen vor Gott. Demütig ist derjenige, der alles allein von Gott her erwartet, der seine Hoffnung nicht auf illusionistische Sicherheiten wie Reichtum, Bildung, körperliche Kraft oder Schönheit setzt. Diese demütige Erwartung auf Gott hin ist es, von der schon die Propheten des alten Bundes sprechen, wenn sie die Ankunft des Christus vorherverkündigen.

 

Aber nicht nur die Hirten werden zum Kind hin in Bewegung gesetzt. Auf der anderen Seite des Berges ziehen aus dem Osten die weisen Sterndeuter hoch zu Pferde heran. Sie vertreten die in der Welt Erfolgreichen: die Oberschicht, die wissenschaftlich Gebildeten und Klugen, die Ansehen, Schönheit, körperliche Kraft und Reichtum Besitzenden. Dass auch sie mittels der Leitung des Sternes zum Kinde finden, bedeutet, dass die Erlösung für alle Welt geschehen ist: für Reiche und Arme, für Niedrige und Hochgestellte, für Einfältige und Weise.

 

Sie, die Weisen, suchen das Christuskind allerdings zunächst am falschen Ort: im königlichen Palast bei König Herodes und seinen gebildeten Ratgebern, statt in der Demut einer Höhle. Sie haben darum einen weiteren Weg als die Hirten zurückzulegen. Die Ikone zeigt sie auf diesem Weg, noch fern vom Ziel, das sie aber letztlich doch erreichen werden.

 

 

Die in Jesus Christus gekommene Erlösung gilt allen Menschen, Juden und Nichtjuden, gleichermaßen. Allen Menschen gilt das Angebot Gottes, Seine Einladung zur Annahme des in Christus geschehenen Heils und alle sind zu einem neuen Leben in Christus gerufen. (Johannes 3:3) Auf der Ikone sind deshalb die Juden durch die Hirten und die Nichtjuden durch die drei Weisen vertreten. Beide erfahren die Botschaft vom menschgewordenen Erlöser und zwar auf dem Weg, durch den ihnen die Tradition ihrer Religion Gottes Botschaft nahe bringt: die Juden durch einen Engel, die Heiden durch den Stern.

 

Die Hirten erkennen im armen Kind ihren ERETTER und HERRN (Lukas 2:15-20), die Weisen suchen einen KÖNIG und erkennen IHN zusammen mit den Hirten im gleichen Kind. (Matthäus 2:1-12) Damit erfüllen sich die Worte des heiligen Propheten Isaias: Völker wandern zu Deinem Licht und Könige zu Deinem strahlenden Glanz... Alle versammeln sich und kommen zu Dir.“ (Jesaja 60:3) Das göttliche Kind in Bethlehem verbindet wieder Himmel und Erde. In Seiner Geburt stellt Christus Gott wieder her, was der Menschen durch seine Zustimmung zur Sünde einstmals getrennt hatte. Deshalb kommunizieren die heiligen Engel mit den Menschen und die Menschen sind erneut in das Licht der Vergöttzlichung hineingenommen. In der Geburt Christi ereignet sich die Ankunft unseres Heiles.

 

„Himmel und Erde sind heute eins geworden, weil Christus geboren ward, denn heut kam Gott hernieder auf die Erde, und der Mensch stieg zum Himmel auf... Deshalb wollen auch wir ihm lobsingen und rufen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, denn Deine Ankunft hat ihn uns beschert. Du, unser Erlöser, Ehre sei Dir!“

 

aus den Stichera der Großen Komplet am Weihnachtsabend