Heilige und Feste im September - Zweiter Teil:

 

Die heilige Kassia oder Kassiani

 

07. September

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 Die heilige Kassia oder Kassiani (Κασσιανή) wurde um das Jahr 810 in Konstantinopel geboren. Sie entstammte einem vornehmen byzantinischen Adelshaus. Ihr Vater war ein hoher Militär des oströmischen Reiches. So wuchs sie  im Umfeld des kaiserlichen Hofes auf. Was damals für ein Mädchen nicht selbstverständlich ist: Kassiani lernte Schreiben und Lesen und wird in die Gedankenwelt der antiken Philosophie sowie der christlichen Theologie eingeführt. Das besondere Interesse der Heiligen an theologischen Fragen wird uns durch die byzantinischen Chronisten überliefert. Als eine intelligente und fromme junge Dame führte Kassiani auch einen geistlichen Briefwechsel mit dem heiligen Theodor Studites, der als Igumen (Abt) des Konstantinopolitaner Studion-Klosters die asketischen Ideale des heiligen Sabbas des Geheiligten aus Palästina in der Kaiserstadt beheimatete.  Kassiani war schön, intelligent und gebildet. Einer solchen Frau standen alle Türen bei Hofe offen. Und so nahm sie im Mai des Jahres 826, an der kaiserlichen Brautschau teil. Der rhoäisch-byzantinische Kaiserhof hatte dabei einen antiken Brauch übernommen: Die vom Kaiser erwählte Frau erhielt als Brautgabe einen goldenen Apfel. Gesucht wurde eine Frau für jungen Kaiser Theophilos, der etwa ebenso alt wie Kassiani war.

In byzantinischen Chroniken wird diese Brautschau beschrieben: Theophilos schritt langsam zwei Reihen miteinander wetteifernder Schönheiten ab, wobei er einen goldenen Apfel in der Hand hielt. Sein Blick ruhte auf der Schönheit Kassianis. Verwirrt und in der Unbeholfenheit eines jungen Mannes konnte der Kaiser nur bemerken, dass Frauen in dieser Welt der Grund für viele Übel gewesen seien. "Und sicher, mein Herr", antwortete sie vorlaut, waren sie ebenso die Ursache für viel Gutes." Diese Vorliebe für unangemessenen Scharfsinn missfiel dem kaiserlichen Brauwerber. Er wandte sich mit Entrüstung ab. Hingegen wurde das bescheidene Schweigen der Theodora mit der Gabe des goldenen Apfel belohnt.

 

Aber worum ging es eigentlich inhaltlich bei diesem Wortwechsel zwischen Theophilos und Kassiani? Angesichts der Schönheit von der jungen Frau fällt dem jungen Mann nichts Besseres ein, als auf die gängige Meinung der Männerwelt über die Frauen hinzuweisen: Die Frauen sind die Ursache allen Übels in dieser Welt. So zumindest interpretierten viele die  biblische Schöpfungsgeschichte: Die ersten Menschen leben im Paradies; aber dann lässt Eva sich von der Schlange verführen und sie verführt wiederum ihren Mann Adam ebenfalls zum Ungehorsam gegen Gott. Deshalb werden die Menschen für immer aus dem Paradies vertrieben. Eva ist die Verführte und Verführerin, die Sündige und Verfluchte. So sieht Theophilos mit vielen Männern der Antike und des Mittelalters die Frauen. In der westlichen Kirche wird noch Jahrhunderte später Teresa von Ávila und in der orthodoxen Kirche die heilige Neo-Märtyrerin Großfürstin Elisabeth gegen männlichen Dünkel und Hochmut anzukämpfen haben.

 

 

Diesem falschen Denken hält die heilige Kassiani entgegen: Wer die Frauen nur mit Eva identifiziert, greift theologisch zu kurz. Denn durch eine Frau kommt wiederum das Heil in diese Welt. Durch ihre Zustimmung zum Erlösungsplan Gottes empfängt die Allheilige Gottesgebärerin vom Heiligen Geist und hat uns Jesus Christus den Erlöser geboren. Mit dieser klugen orthodoxen Entgegnung stellt sie den männlichen Dünkel des Kaisers Theophilos bloß. Denn immerhin hatte Adam ja freiwillig zugestimmt und ebenso wie Eva das Gebot Gottes übertreten. Beide haben sie den gleichen Anteil an der Zustimmung zur Sünde und beide verlieren des halb gemeinsam die Theosis, die Gemeinschaft mit Gott. Eine orthodoxe Theologin wie Kassani, die im Gespräch mit dem Kaiser so viel Selbstbewusstsein, so viel Scharfsinn und geistliche Weisheit zeigt ist tatsächlich zu klug, um bloß eine Frau an der Seite des Kaisers zu werden. Doch auch der Platz an der Seite des Kaisers, den mit ihren Stillschweigen Theodora errang, wurde zu einem Weg zur Heiligkeit: Der Kaiser Theophilos war ein Ikonoklast. Er war gegen die Verehrung der heiligen Ikonen in der Kirche. Er ordnete ihre Zerstörung an und kerkerte Mönche ein, die sich diesem Befehl widersetzten. Endgültig endete der Bilderstreit erst mit dem Tod des Kaisers Theophilos. Seine Ehefrau, die heilige Kaiserin Theodora, die für den minderjährigen Sohn Michael die Regentschaft übernahm, stellte die Rechtgläubigkeit und damit die Verehrung der heiligen Ikonen im byzantinischen Reich wieder her. Dies geschah im Jahre 843.

 

Die heilige Kaiserin Theodora.
Die heilige Kaiserin Theodora.

 

Im selben Jahr gründete die heilige Kassiani in Konstantinopel ein Kloster in der Nähe der Konstantinsmauer, das sie bis zu ihrem Tod als Igumenija (Äbtissin) leitete. Dort schuf sie bedeutende kirchliche Hymnen. Bis heute sind uns rund fünfzig Hymnen, von denen dreiundzwanzig Eingang in die liturgischen Bücher der orthodoxen Kirchen fanden, erhalten geblieben. Der berühmteste ist das "Troparion der Kassiana” für den "Großen Mittwoch”, den Mittwoch der Karwoche. Es berichtet uns von jener reuigen Sünderin, die um ihre Sünden bitterlich weinte sie und mit ihren Tränen die Füße des Heilandes wusch. Danach trocknete sie seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Nardenöl. (Lukas 7: 36-38). Christus sagt über diese Frau: „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe“ (Lukas 7:47). Ihre Liebe zu Christus hat die heilige Kassani zu Worten der geistlichen Lieder werden lassen. Es sind diese Verse, die die Menschen seit mehr als tausend Jahren in ihren Herzen anrühren, wenn sie in der Karwoche diesem Gesang in der orthodoxen Kirche lauschen. Der Gedenktag der Heiligen Kassia oder Kassiani ist der 07. September.

 

 

Starez Siluan vom Heiligen Berg Athos

 

11. September

 

Thomas Zmija v Gojan

 

Einer der bedeutendsten geistlichen Väter, die die orthodoxe Kirche im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, war der heilige Starez Siluan (Преподобный Силуан Афонский) aus dem Panteleimon-Kloster auf dem Heiligen Berg Athos. Der heilige Siluan entschlief dort im Jahre  1938 im Herrn. Sein monastisches Leben verlief nicht besonders auffällig. Erst nach seinem Tode sollte sein Schüler und Biograph Starez Sofronij (Sacharov) von Essex die wahre Größe und Bedeutung dieses großen Heiligen und Lehrer des des Herzensgebetes enthüllen.

 

Der heilige Siluan wurde als Simeon Ivanovič Antonov im Jahre 1866 in Russland geboren. Er entstammte einer Bauernfamilie. Obwohl Simeon in seiner Jugend ein typischer russischer Bauernbursche war, dessen Naturell von Vitalität und Lebensfreude  geprägt war,  spürte er unter der einfühlsamen Begleitung seines gläubigen Vaters in sich immer wieder eine geistliche Berufung. Christus rief nach Ihm und klopfte beständig an die Türe seines Herzens.

 

Nach Ableistung des Militärdienstes trat er im Jahre 1896 in das russische Kloster Panteleimon-Kloster auf dem Heiligen Berg ein. Dort erhielt er den Mönchsnamen Siluan. Von seiner Mönchsweihe im Jahre 1911 an arbeitete er in der Mühle des Klosters und als Verwalter verschiedener landwirtschaftlicher Einrichtungen des Klosters. Am  24. September 1938 verstarb er im Kloster Panteleimon-Kloster und wurde dort auch begraben.  

 

Der heilige Siluan wird wegen seine innigen Beziehungen zum Jesusgebet in der Orthodoxie mit dem Ehrennamen „Neuer Palamas“ geehrt. Schon als Novize wurde er unter der Anleitung seines Altvatersd mit dem Herzensgebet vertraut. Im Laufe seines Lebens durchlief er alle Stufen des Gebetes, wie sie in der Philokalia beschrieben sind. So wurde seine Gemeinschaft mit Christus immer tiefer. Dadurch wurde er später zu einem geistlichen Vater, der vielen suchenden Menschen den Weg zu Gott wies. 

 

Siluan war schon 15 Jahre lang Mönch, als ihm in einem nächtlichen Ringen um das reine Gebet die göttliche Weisung erhielt, bewusst in der „Hölle“, das heißt der Situation der Anfechtung  auszuharren. Hierin ist der heilige Siluan ein bedeutendes Vorbild für das geistliche Leben aller orthodoxen Christen. Im geistlichen Leben geht es immer wieder darum, nicht vor den Anfechtungen die uns von außen und unseren Leidenschaften die uns von innen bedrängen davonzulaufen. Immer wieder kommt es von Neuem darauf an, dass wir in unserem geistlichen Bemühen nicht kraftlos werden, dass wir nicht geistlich stehen bleiben und uns von den Sorgen und Anfechtungen unseres Lebens überwältigen zu lassen. Wenn wir dem „Widersacher fest ins Auge sehen“, anstatt vor ihm in die Illusion zu fliehen, wenn wir ihm durch Vertrauen auf die Hilfe und Gnade Gottes keine Möglichkeit unser Herz zu entführen geben, haben wir eigentlich schon gewonnen. Gott macht es uns nicht immer leicht, den Weg der Askese, der Einübung in ein geistlich geprägtes Leben zu beschreiten. Die gilt gleichermaßen für Mönchen und Laien. Jedoch wenn wir auch straucheln oder sogar fallen mögen, so dürfen wir doch nicht verzweifeln, denn das würde bedeuten, dass wir die Hoffnung auf die Gnade und Liebe Gottes aufgeben würden. Wenn wir auch hin und wieder in unserem geistlichen Bemühen scheitern werden, so dreht es sich darum, dann erneut aufzustehen, in Umkehr und Buße das Sakrament der Heiligen Beichte zu empfangen und dann den  geistlichen Kampf um ein Leben in der Gemeinschaft mit Christus erneut aufzunehmen. 

 

Vor diese geistliche Herausforderung werden wir tagtäglich gestellt. Jedoch sind wir auf unserem Weg nicht allein. Die Allheilige Gottesgebärerin, alle Engel und Heiligen begleiten und Helfen uns. Aber auch die Menschen, die sich ganz für ein Leben in der Nähe Gottes entschieden haben. „Der Mönch betet unter Tränen für die ganze Welt“, so sagt uns der heilige Starez Siluan. Es ist der Weg zur Heiligkeit, auf dem der Geist Gottes die Mönche führen will und sie zu Heiligen werden lässt. Der Heilige lebt ganz aus der Theosis, der gnadenhaft geschenkten Gemeinschaft mit Gott. Darum hat das Gebet der Heiligen auch eine ganz besondere Bedeutung. Die Heiligen sind jenes Salz der Erde, von dem das Evangelium spricht. Und mit ihrem Gebet erhalten und bewahren sie die Welt. Der heilige Siluan sagt:  „Wenn die Erde keine Heiligen mehr hervorbringt, dann wird ihr die Kraft, die sie vor dem Untergang bewahrt, genommen werden.“ Und über die Bedeutung der Heiligen sagt uns auch der Heilige Serafim von Sarov: „Wer Frieden erwirbt und in seinem Herzen bewahrt, um den herum werden Tausende Errettung finden und zum Heil gelangen.“

 

Starez Sofronij (Sacharov) von Essex.
Starez Sofronij (Sacharov) von Essex.

 

Die heilige Märtyrerin Sophia mit ihren Töchtern Vera (Glaube), Nadeschda (Hoffnung) und Ljubov (Liebe) in Rom (Αγία Σοφία και οι τρεις θυγατέρες της Πίστη, Ελπίδα και Αγάπη / Святая София (Софии = «Мудрость»)  и её дочери Пистис, Элпис, Агапе)

 

17. September

 

Der kirchlichen Überlieferung zufolge war Sophia eine christliche Witwe aus Mailand, die nach dem Tode ihres sehr wohlhabenden Mannes ihren ganzen Reichtum mit den Armen teilte. Sie verließ Mailand mit ihren Töchtern, um nach Rom zu reisen. Dort erlitt sie in der Christenverfolgung unter Kaiser Hadrian zu Beginn des 2. Jahrhunderts, im Jahre 137, mit ihren Töchtern das Martyrium.  Die drei Töchter erlitten nach der Vita zuerst das Martyrium. Sie wurden danach von ihrer Mutter, die drei Tage später hingerichtet wurde, an der Via Appia in den Calixtus-Katakomben in Rom beerdigt. Nach anderen Pilgerberichten und antiken Inschriften sollen sie jedoch unter ihren griechischen Namen Pistis (Πίστις), Elpis (Ελπίς) und Agape (Αγαπή) an der Via Aurelia begraben worden sein. Ihre Passio (Geschichte des Martyriums) wurde in viele Sprachen übertragen. Ihre Verehrung ist in Rom ab dem 6. Jahrhundert gut bezeugt.  Weitere Einzelheiten sind uns leider nicht überliefert worden.

 

Die Beschreibung der Passio erläutert auch, was uns der heilige Apostel Paulus im Hohen Lied der Liebe (1. Korintherbrief 13:12 - 13) erläutert: „in der Ewigkeit werde ich völlig erkennen (Sophia, die Weisheit) … Nun aber bleibt Glaube (Fides), Hoffnung (Spes), Liebe (Caritas), diese drei.“

 

Ein Teil der Reliquien wurde im Jahre 778 ins Frauenkloster Eschau im Elsass übertragen. Von dort hat sich die Verehrung dieser heiligen Märtyrerinnen auch in Deutschland verbreitet.  Im Jahr 1789, in den Wirren der französischen Revolution, gingen diese Reliquien leider verloren. Erst im Jahre 1938 gelang es dem damaligen römisch-katholischen Erzbischof von Strassbourg aus Rom neue Reliqiuenpartikel zu erhalten. Diese werden heute in der ehemaligen Klosterkirche in Eschau aufbewahrt.

 

In Russland werden die Namen Sophia aber auch Vera (Glaube), Nadeschda (Hoffnung) und Ljubov (Liebe) von vielen orthodoxen Christinnen bis heute getragen. Das Fest am 17. September ist deshalb in den russischen orthodoxen Gemeinden Deutschlands ein wichtiger Festtag.

 

 

Die heilige Protomärtyrerin Thekla die Apostelgleiche

 

24. September

 

Die heilige Thekla stammte aus Ikonien und soll der Überlieferung nach die schöne Tochter reicher Eltern und hochgebildet gewesen sein. Sie gilt als Schülerin des hl. Apostel Paulus. Im Hause des Aniseferus in ihrer Heimatstadt hörte sie ihn predigen, bekehrte sich und wurde von ihm getauft. Gegen den elterlichen Wunsch verweigerte sie ihrem Verlobten nun die Ehe, worauf dieser und ihre eigene Mutter sie dem Christen verfolgenden Statthalter anzeigten. Die hl. Thekla wurde zum Feuertod verurteilt, aber ein Regen löschte die Flammen und ließ alle Umstehenden fliehen. Sie folgte dem gegeißelt aus der Stadt vertriebenen hl. Apostel Paulus nach Antiochia. Hier wurde die Heilige wieder angezeigt und wilden Tieren vorgeworfen. Doch die Löwen legten sich ihr zu Füßen, und die heilige Thekla wurde freigelassen. Nochmals brach Thekla zur Nachfolge des hl. Paulus nach Selevkia auf, wo sie fromme Jungfrauen um sich sammelte und jahrelang selbst predigte. Nach der kirchlichen Tradition gilt die heilige Thekla als Erzmärtyrerin, obwohl sie der Überlieferung nach eines natürlichen Todes starb. Mit 91 Jahren starb sie, indem sie vor ihren Verfolgern in einen Berg eingegangen ist. Schon Tertullian berichtete um 200 von der heilige Thekla.

 

Quelle: Kirchenkalender der russischen orthodoxen Kirche