Die Vorfastenzeit

 

Gedanken über die Vorfastenzeit

 

Erzpriester Sergius Heitz

 

04. Februar (Sonntag vom Zöllner und Pharisäer) 2017

 

Dem vorösterlichen „Großen Fasten“ ist eine vierwöchige Vorbereitungszeit vorangestellt, in der einerseits eine Besinnung der Gläubigen auf das Ziel und die Bedingungen rechten christlichen Fastens ermöglicht wird, andererseits aber die Gläubigen allmählich und stufenweise dem Fasten zugeführt werden. Gerade dies ist charakteristisch für die Orthodoxe Kirche, die in ihrem Jahresfestkreis abrupte Übergänge meidet. Sie hält damit die Erinnerung wach, daß jede Zeit des Kirchenjahres in ihren Feiern am ganzen, alle Zeiten in sich schließenden Heilsmysterium Christi Anteil hat. Zugleich macht sie damit aber auch deutlich, daß die Gläubigen Festzeiten nicht an- und ausziehen können wie Kleider, sondern aus jeder Zeit des Kirchenjahres, die in Offenheit und Gebet durchschritten wird, eine Hilfe mitbekommen für die nächstfolgende Zeit. Die Offenheit selbst jedoch muß immer neu erkämpft werden. Das ist gerade in Bezug auf die Fastenzeit nicht leicht. Denn zunächst scheint der menschlichen Natur das Fasten immer wieder als eine unliebsame Einengung. Die Einsicht, daß Buße nichts mit Trübsinn zu tun hat, sondern das große, freudige Geschenk einer Erneuerung des Lebens ist, stellt sich meist erst allmählich ein, unter der Voraussetzung, daß das Fasten nicht nur äußerlich, gesetzlich absolviert wird. Darum sind die vier Wochen Vorbereitung wichtig und notwendig. Sie sollen genutzt werden zur Besinnung und zur Absprache mit dem Beichtvater, in welcher Weise der einzelne Gläubige am Fasten der Kirche teilnehmen kann. Das ist vor allem deshalb unerlässlich, weil außer in Klöstern kaum jemand in der Lage sein wird, die Fastenregeln nach den genauen Vorschriften der Kanones (kat' akribeian) einzuhalten, zumal diese Vorschriften sich auf die Lebensgewohnheiten der antiken Mittelmeervölker beziehen, die uns fremd geworden sind. Man wird sich Rechenschaft geben müssen, dass für uns der Verzicht auf Genussmittel, Süßigkeiten, Schmerzmittel, Fernsehen und andere Zerstreuungen ein wesensgemäßerer Beitrag zum Fasten sein kann als ein siebenwöchiger Verzicht auf alle Milchprodukte. Man wird ferner bedenken müssen, daß zum Fasten nicht nur ein äußeres Sicheinschränken gehört, sondern ebenso die Intensivierung des inneren geistlichen Lebens und das freigiebige Mitteilen des vom Mund Abgesparten. Die vierwöchige Vorfastenzeit bietet Raum zu einer Klärung dieser Fragen, wobei am Ende jeder Woche ein Herrentag steht, der tiefer in das Mysterium der Buße hineinzuführen vermag, insbesondere durch die Stichiren und Troparien zu Vesper und Morgengottesdienst, die von den Gläubigen gerade in dieser Zeit, wo immer möglich, besucht werden sollten.

 

 

Der Umkehr Pforten öffne mir, Du, Der Du das Leben schenkst. Zur Bedeutung der orthodoxen Vorfastenzeit.

 

Von Thomas Zmija v. Gojan

 

Wenn sie im kirchlichen Kalender nachsehen, wann denn die Fastenzeit eigentlich beginne, fragen sich viele Gläubige: „Warum wird die vorösterliche „Große Fastenzeit“ durch eine besondere vierwöchige Vorbereitungszeit eingeleitet?“. Dies geschieht, weil die orthodoxe Kirche in ihrer über 2000-jährigen seelsorgerlichen Erfahrung ein tiefes Mitgefühl für unsere menschliche Natur entwickelt hat. Denn die heilige Kirche kennt unseren Hang, uns von den Äußerlichkeiten des alltäglichen Lebens einnehmen zu lassen und weiß um unsere mangelnde Konzentrationsfähigkeit auf die geistlichen Dinge. Deshalb birgt ein zu rascher Wandel unserer Aufmerksamkeit von den Aufgaben unseres Alltagslebens hin zu einer stärkeren Orientierung auf die geistlichen Dinge, also ein unvermitteltes Hinüberwechseln vom alltäglichen Leben hin zu einer verstärkt geistlichen Orientierung - was ja die Fastenzeit gerade bewirken soll - wegen unserer oft mangelhaften oder auch kaum erspürten Praxis des geistlichen Lebens die Gefahr, uns zu überfordern. Denn in der Übung des geistlichen Lebens dürfen wir nicht Wunder erwarten oder sie gar als Gabe von Gott einfordern, sondern wir sollen uns auf die Arena des geistlichen Kampfes, d. h. auf die konsequentere Ausrichtung unseres Lebens auf das Gebet und den Empfang der heiligen Sakramente durch immer ein wieder verstärktes Bemühen im geistlichen Leben vorbereiten. So sollen wir uns als Tür zur heiligen Zeit der Großen Fasten darauf vorbereiten, nach jedem Rückfall in unsere schlechten Gewohnheiten, Leidenschaften und Sünden niemals die Anstrengung des Wieder-Aufstehens zu scheuen, wieder an die Türen der Umkehr zum HERRN zu klopfen und uns wieder auf den Weg zu IHM zu machen.

 

 

So lasst uns die jährlich Gelegenheit nutzen, uns auf das Ziel und die Bedingungen eines wahrhaft christlichen Fastens zu besinnen und uns allmählich für die kommende Zeit der Umkehr bereit zu machen. Charakteristisch für unsere heilsame orthodoxe Tradition des christlichen Lebens ist dabei die pastorale Heranführung an die einzelnen Phasen des göttlichen Heilswerkes. Deshalb wird uns vor der Einladung zum praktischen Vollzug der Fasten deren geistliche Bedeutung in mehreren evangelischen Bildern anschaulich vor Augen geführt: 

 

In vier Evangelien spricht der HERR an den Vorfasten-Sonntagen zu uns (vgl.: Hebräer 4,12 & Jesaja 55,11). Am ersten Sonntag wird uns das Evangelium vom Zöllner und Pharisäer gelesen. Dieses Evangelium macht uns deutlich, dass es im christlichen Glauben nicht um Leistungsdenken, Stolz und Selbstgerechtigkeit geht. Denn der Pharisäer, der getreu alle überkommenen kirchlichen Vorschriften und Regeln des alten Bundes einhält, und sich dessen vor Gott rühmt, wird beschämt durch den außerhalb des Gesetzes stehenden Zöllner, der aber in Demut seine Unwürdigkeit bekennt und Gottes Barmherzigkeit erfleht. Am zweiten Sonntag wird uns im Evangelium vom verlorenen Sohn Gottes Barmherzigkeit und Sein geduldiger Ruf zur Umkehr vor Augen geführt. Am dritten Sonntag lehrt uns das heilige Evangelium die Erkenntnis von Gottes Gericht. Gleichzeitig öffnet es uns die Pforten zu den Fasten, indem wir ab diesem Sonntag auf den Verzehr von Fleischspeisen verzichten. Es beginnt nun die Butterwoche. Diese wird von einigen Mitmenschen jedoch als Fasching im rein innerweltlichen Sinn missverstanden. Sie meinen jetzt nochmals richtig „Vollgas“ geben zu müssen und sich in einer ausufernden „Feier“ mit Alkohol und anderen Exzessen von der „Welt“ verabschieden zu müssen. Es dreht sich für mich nicht darum, Geselligkeiten während der Butterwoche generell als mit dem kirchlichen Ethos unvereinbar zu diffamieren. Wer jedoch die schon von den Fastenmelodien getragenen stillen Gottesdienste dieser Zeit besucht, ist von Ernst der Texte während der Butterwoche und ihrem eindeutigen Anruf zu Umkehr und Buße tief angerührt (vgl.: 2. Korinther 2,15). Mit dem vierten Vorfastensonntag durchschreiten wir dann das eigentliche Tor zur Zeit der Großen Fastenzeit. Er ist dem Gedächtnis an den Verlust des Paradieses und dem Verzicht auf die Milchspeisen gewidmet.

 

 

In der Vesper dieses Sonntags, mit der schon der Montag der ersten Fastenwoche beginnt, findet die gegenseitige Bitte um Vergebung statt. Deshalb nennen wir diesen Sonntag auch Versöhnungssonntag. Die Versöhnungsvesper endet mit den gegenseitigen großen Verneigungen, die von der gegenseitigen Bitte um Vergebung der Sünden, Verfehlungen und Missverständnisse, die wir im vergangenen Jahr aneinander begangen haben, begleitet wird. Traditionell singt der Chor während unseren Vergebungsbitten voreinander leise die Stichiren der Auferstehungsfeier. Die Vergebungsbitten voreinander gemahnen uns an die Haltung demütiger Offenheit, die von uns immer wieder aufs Neue mutig errungen werden muss. Diesen Mut zur Demut und die Bereitschaft zum Ringen mit sich Selbst, unterstützt durch unsere Bereitschaft zum materiellen und leiblichen Verzicht, auch während der Zeit der Großen 40-tägigen Fasten durchzuhalten, wird für uns das große Ziel sein. Denn christliches Fasten ist im Gegensatz zum diätischen und dem Heilfasten stets ein bewusst geistliches Bekenntnis zur Möglichkeit der Überwindung unserer animalischen Gebundenheiten (vgl.: Epheser 6,12), ein charismatisches Zeichen zur Bereitschaft einer schrittweisen Aneignung wahrer Menschlichkeit als Ebenbild (Ikone) Gottes (vgl.: 2. Korinther 3,3). Wenn wir dies im Auge behalten, dann wird unser Fasten uns nicht als unliebsame Einengung erscheinen. Auch werden wir erkennen, dass Fasten nichts mit Trübsinn zu tun hat, sondern mit der stillen Freude an der uns von Gott her geschenkten Gelegenheit zur Erneuerung unseres Lebens. Dann werden wir das Fasten auch nicht nur als äußerliche Übung der Gesetzestreue ansehen, sondern als von Gott geschenkte Gelegenheit begreifen, die uns hilft, uns dem Heil der Vergöttlichung immer mehr anzunähern. Die Sonntage der vier Wochen der Vorbereitung auf die 40-tägige Große Fastenzeit führen uns durch ihre Evangelien an die Türen der Umkehr heran. 

 

 

Diese Zeit sollten wir nutzten, um uns zu besinnen, uns zu überlegen und mit unserem Beichtvater abzusprechen, in welcher Weise wir am Fasten der Kirche in unseren konkreten Lebensumständen teilhaben können. Denn realistischer weise wird uns außerhalb der Klöster eine genaue Einhaltung aller Fastenregeln nicht so ohne weiteres möglich sein. Insofern ist es für in der Welt lebende Laien, zumal wenn sie weitgehend in die Lebensvollzüge einer nichtorthodoxen Umwelt eingebunden sind, sinnvoll in Absprache mit ihrem Beichtvater nach einer am Sinn und nicht nur am Buchstaben orientierten Einhaltung der Fastenregeln zu fragen. Hier kann schon ein weitgehender Verzicht auf die Genussmittel, Süßigkeiten, Fernsehen und andere Suchtmittel unserer Zeit ein weites Kampffeld mit sich selbst bedeuten. Die Fastenzeiten haben vor allem den Sinn, uns geistlich wieder frei werden zu lassen, d. h. die Lebensqualität eines inneren geistlichen Lebens für uns neu zu entdecken und intensivieren zu können (vgl.: Philipper 2,12). In der Fastenzeit geht es also weniger um einen Regelritualismus als um die Frage: Wie geht es Dir in der Fastenzeit? Findest Du besser zum Gebet? (vgl.: Epheser 6,18 & Galater 4,6) Und wir sollten realistischer Weise im Voraus begreifen, dass uns das Fasten empfindsamer für Gott machen wird. Da wir aber dabei sensibel werden, werden wir automatisch auch empfindlicher gegenüber echten oder vermeintlichen Kränkungen durch unseren Nächsten. Damit sollten wir von Anfang an realistischer weise rechnen. So bietet uns die Vorfastenzeit eine Gelegenheit zur konkreten Planung unserer vorösterlichen Umkehr an. Dabei hilft uns entscheidend der Rat unseres Beichtvaters, der unsere Schwierigkeiten, unser menschliches Naturell und unser geistliches Entwicklungspotential kennt. Denn aus praktischer Erfahrung ist es empfehlenswert, für die 40 Tage der Umkehr nur solche Vorsätze zu fassen, die wir dann mit Gottes Hilfe auch weitgehend verwirklichen können. Wichtig ist es aber auch, sich gleich darauf vorzubereiten, dass wir scheitern werden. Vor allem an unserem eigenen Stolz und Hochmut. Fasten bedeutet hier vor allem nach jedem Fall auch wieder bereit zu sein aufzustehen und das Rennen (vgl.: 1. Korinther 9,24-27) fortzusetzen. Unsere griechischen Brüder und Schwestern haben für den Beginn der Fastenzeit einen, wie ich finde, sehr schönen Brauch: Sie wünschen einander einen guten Kampf. Diesem wünsche ich auch Euch und dass Ihr alle eintreten möget in die helle Freude der Lichten Auferstehung unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus!

 

 

Die vier Vorfastensonntage -

Eine innere Vorbereitung auf die Große Fastenzeit

 

Gemeinde-Katechese am 14.02.2016

 

Die Kirche kennt unsere Unbeständigkeit, unsere geistige und seelische Schwäche, daher führt sie uns Schrittweise an den Verzicht in der Großen Fastenzeit heran.

 

I. - Die Woche über Zachäus (Lk. 19: 1-10). Im Laufe dieser Woche überzeugt uns die heilige Kirche davon, dass wenn der Mensch, wenn er aus tiefster Seele bereut, Christus in das Haus seiner Seele einkehrt.

 

Thema: Wille zur Umkehr

 

II. - Die Woche über den Zöllner und den Pharisäer (Lk. 18: 10-14). Im Laufe dieser Woche stellt uns die heilige Kirche vor Augen, dass es die tiefe Demut und das Erkennen der eigenen Sündhaftigkeit ist, das die Seele des Menschen heilt und sie mit Gott verbindet, und nicht ein rein äußerliches, formales Einhalten des Gesetzes. Demut ist der Beginn einer echten Reue.

 

Thema: Demut und das Erkennen der eigenen Sündhaftigkeit.

 

III. - Die Woche über den verlorenen Sohn (Lk. 15: 11-32). Im Evangelium dieser Woche und den Gebeten dieser Woche ist die Rede von einem Menschen, der moralisch auf Abwege geraten ist, jedoch aus dieser seiner Selbstverbannung zurückkehrt, indem er Buße tut. Weiter sehen wir, wie uns die wahre Buße als ein Neubeginn mit Gott unserem Vater, der uns liebt und sehnlichst auf unsere Heimkehr zu Ihm wartet, versöhnt.

 

Thema Sünde = Selbstverbannung / Buße = Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott.

 

IV. - Die Woche vor den Großen Fasten oder über das Jüngste Gericht (Matth. 25: 31-46). In der auf diesen Sonntag folgenden Woche schreibt die Kirche ein teilweises Fasten vor - es darf kein Fleisch mehr gegessen werden. Damit beendet die Kirche allmählich die Vorbereitungen auf die Große Fastenzeit.

 

Am vierten Vorfastensonntag ist die Evangeliumslesung der Lehre unseres Herrn vom Jüngsten Gericht (Matth. 25, 31 - 46) gewidmet. 

 

– Nach welchem Maßstab wird uns Christus richten? 

 

Das Gleichnis des Erlösers antwortet: nach dem Maßstab der Liebe. 

 

So wie wir uns zu unseren Mitmenschen verhalten haben, so wird sich der Herr auch zu uns verhalten: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir getan..." (Matth. 25, 40).

 

Thema: Lebensmaßstab der Liebe

 

Am Vorabend dieses Tages, am vierten Vorfastensamstag, gedenkt die Kirche aller, die „in der Hoffnung auf eine Auferstehung und auf ein ewiges Heil" entschlafen sind. Der Gedenkgottesdienst (slawisch: Pannichida, griechisch Parastasis) am vierten Vorfastensamstag dient als Vorbild für alle anderen Gedenkgottesdienste und wird so auch am zweiten, am dritten und am vierten Sonnabend der Großen Fasten gehalten. Es ist gute orthodoxe Tradition, dass wir in dieser Zeit in besonderer Weise für unsere Verstorbenen beten und an der Pannichida, die in der Regel am zweiten, am dritten und am vierten Samstag der großen Fastenzeit (Roditelja Sobotta/ Радоница/ Ψυχοσάββατο ) in der Kirche gehalten wird, teilnehmen.

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Die Vorfastenzeit und der Versöhnungssonntag

 

Handout zur Gemeinde-Katechese in Balingen

12 Februar 2017

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Große Fastenzeit (Вели́кий по́ст) umfasst 40 Tage (deshalb wir sie im Russischen auch Четыредеся́тница genannt), zwei Feste – den Lazarus-Samstag und den Palmsonntag – und die Große und Heilige Woche (Karwoche). Insgesamt also dauert sie zusammen 48 Tage.

 

Sie heißt Große und Heilige Fastenzeit, nicht so sehr wegen ihrer Länge (denn sie ist länger als alle anderen Fastenzeiten), sondern vor allem wegen der großen Bedeutung dieser Fastenzeit. Sie bereitet die orthodoxen Christen auf die Gedächtnisfeier der Leiden und des Sterben unseres HERRN JESUS CHRISTUS und die Feier der Lichten Auferstehung Christi vor.

 

Außer den eigentlichen sieben Wochen der Fastenzeit sind durch das Typikon noch drei Vorbereitungswochen auf die Fastenzeit vorgesehen.

 

Diese Vorbereitungszeit wird "Vorfastenzeit" genannt. Sie beginnt mit dem Sonntag, an dem in der Feier der Göttlichen Liturgie das Evangelium mit dem Gleichnis vom "Zöllner und Pharisäer" gelesen wird. Die darauf folgende Woche ist fastenfrei, das heißt, es wird auch am Mittwoch und am Freitag kein Fasttag gehalten. Dies tun wir, um symbolisch anzudeuten, dass wir den Stolz des Pharisäers auf seine religiösen Taten vermeiden wollen. Der zweite Vorfastensonntag ist der Sonntag, an dem in der Feier der Göttlichen Liturgie das Evangelium mit dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn gelesen wird. In der griechischen orthodoxen Bibelausgabe heißt dieses Gleichnis wesentlich treffender: das "Gleichnis von Sohn, den umkehrte".  In diesem Gleichnis lehrt uns unser Herr Jesus Christus, wie wichtig es für uns ist, von unseren falschen Wegen  zu Gott Heim zu kehren. Dies verbindet er aber auch mit der Warnung vor der Haltung des älteren Sohnes, der über die Umkehr seines Bruders von seinen falschen Wegen  nicht erfreut sondern vielmehr über seine Umkehr und die Barmherzigkeit des Vaters verärgert war.

 

Der dritte Vorfastensonntag wird auch der Herrentag des Fleischverzichtes genannt, weil mit der Vesper am Sonntagabend für die orthodoxen Christen der Verzicht auf die Fleischspeisen beginnt. So wird vom Beginn der dritten Woche der Vorfastenzeit bis zum Ende der Fastenzeit kein Fleisch mehr gegessen. Die Fleischspeisen gibt es erst wieder auf dem Festtagstisch zu Ostern. 

 

 

Der Verzicht auf die Fleischspeisen während des Fastens ist vor allem heutzutage, wo die Fleischspeisen in den reichen, westlichen Ländern von der Tafel der Menschen kaum mehr hinweggedacht werden können, ein starkes Zeichen, denn es symbolisiert unsere christliche Hoffnung auf das endzeitliche Friedensreich Gottes, wo sich nach dem Zeugnis des heiligen Propheten Isaias (vgl.: Jesaja 11: 6-9) die Geschöpfe Gottes nicht mehr gegenseitig töten und fressen werden. Unser Fasten nimmt dieses Friedensreich im gläubigen Sinnbild unseres Fastens gleichsam vorweg. Die Apostellesung dieses Sonntags hält uns die christliche Freiheit gegenüber allen religiösen Speisevorschriften vor Augen: „Brüder, Speise wird uns nicht vor Gott bestehen lassen; weder fehlt uns etwas, wenn wir nicht essen, noch gewinnen wir etwas, wenn wir essen“ (1 Korinther 8: 8). Die Grenze unserer eigenen christlichen Freiheit bildet jedoch das Gewissen unseres Nächsten, das heißt wenn er sich durch unser Beispiel dazu verführen lässt, zu tun, was ihm schadet. Die Evangeliumslesung hält uns mit einem Gleichnis das Kommen des Jüngsten Gerichtes vor Augen. Bei diesem Gericht wird allen, den Erwählten wie den Verworfenen, nach ihrem Tun Heil oder Unheil zuteil. Aber erst am Tage des letzten Gerichtes erkennen sie, dass ihr Tun, das dem bedürftigen Mitbruder galt, Christus, den Richter, Selbst betraf. Hiermit wird eindrücklich betont, dass man Gottes Barmherzigkeit nicht erhoffen kann, wenn man den Mitmenschen gegenüber unbarmherzig und hartherzig ist. Mit dem Samstag vor dem Sonntag des Fleischverzichtes beginnt nun in der gesamten fastenzeit eine besondere Reihe der Fürbittgottesdienste (Panychida) für das Seelenheil aller bereits zum Herrn entschlafenen Christen.

 

 

Die dritte Woche der Vorfastenzeit heißt auch "Maslenitza" (Butterwoche), weil der Tisch der orthodoxen Gläubigen in dieser Zeit hauptsächlich durch Milchprodukte (Fisch, Eier und Käse) geprägt ist.

 

Der darauffolgende Sonntag ist dem Gedächtnis der "Vertreibung des Adam aus dem Paradies” gewidmet. In der Feier der Göttlichen Liturgie beginnt das Evangelium damit uns zu verdeutlichen, dass Gott uns nur dann verzeihen wird, wenn auch wir unserem Nächsten verzeihen werden. Der zweite Teil des an diesem Sonntag gelesen Evangeliums macht uns deutlich, dass wir die nun kommende Fastenzeit nicht griesgrämig, sondern mit Freude halten sollen.

 

 

Dieser Sonntag wird auch “Sonntag des Verzeihens”, "Versöhnungssonntag" oder auch “Sonntag des Käseverzichtes” genannt, da er die Butterwoche beschließt und uns in die eigentliche Große Fastenzeit eintreten lässt. Von nun an werden wir bis Ostern nur Fasten- (= vegane) Speisen genießen. Die Vertreibung unserer Stammeltern aus dem Paradies und die Sehnsucht des Menschen nach der verlorenen paradiesischen Gemeinschaft mit Gott wird uns den gottesdienstlichen Texten vor allem in der Vesper und im Morgengottesdienst vor Augen gestellt.

 

Im Evangelium dieses Sonntags haben wir die Mahnung Christi an uns über die Bedeutung unserer Bereitschaft unserem Nächsten zu verzeihen für die Bereitschaft Gottes, uns unsere Sünden und Verfehlungen zu vergeben, gehört. Deshalb steht am Übergang zum ersten Tag der Großen und Heiligen Fastenzeit, der mit dem Vespergottesdienst beginnt, der Ritus des gegenseitigen Verzeihens.

 

Die Vesper wird jetzt bereits als Fastengottesdienst gehalten, das heißt, das liturgische Gewand ist in der russischen Tradition bereits schwarz, es werden die Gebete und Hymnen in der besonderen Fastenmelodie gesungen, der Schluss der Vesper ist länger und in besonderer Weise gestaltet und es werden große Verneigungen bis zum Erdboden (Große Matanien/ Große Poklonij) gemacht. Die Hymnen und Gebetstexte der Vesper tragen bereits eindeutigen Bußcharakter.  Am Ende des Vespergottesdienstes wird ein Segensgebet für die Große Fastenzeit gesprochen. Danach treten die in der Kirche Versammelten, beginnend mit den Geistlichen voreinander hin und bitten einander um Verzeihung für die sich gegenseitig zugefügten Sünden, Kränkungen und Verletzungen. Dabei küssen wir zur Bekräftigung unserer Worte das auf einem Analoi (Lesepult) liegende Kreuz und Evangelienbuch.

 

 

Wenn wir einander von Herzen verzeihen wollen, so geht es im Kern darum, dass wir uns bereit machen, unseren Nächsten vor allem als eine menschliche Person, das heißt, als geliebtes Geschöpf und Kind Gottes zu betrachten. Dies bedeutet, dass wir uns bereit finden, ihn getrennt von seinen Leidenschaften, Unzulänglichkeiten, Fehlern und Sünden wahrzunehmen. Wichtig ist hierfür, dass wir uns vor Augen führen, dass die Orthodoxe Kirche unsere Sünden weniger als eine Verletzung des Ethos oder als einen moralischen Defekt, sondern vor allem als eine durch den Wurzelgrund oder Bazillus der Ursünde verursachte Krankheit der Seele betrachtet. Deshalb geht es beim orthodoxen Verständnis des Vergebens auch nicht um eine unrealistische romantische Betrachtungsweise unserer Mitmenschen, sondern darum, dass wir sie mit den Augen Gottes, das heißt, mit den Augen der Barmherzigkeit, wahrzunehmen bereit sind. 

 

So treten die Menschen in der Kirche, beginnend beim Vorsteher und den übrigen Geistlichen, zueinander hin und bitten jeder einen jeden und jede eine jede einander um Verzeihung. Dabei gehen alle zuerst der Reihe nach zu den Priestern, verbeugen sich, bitten um Verzeihung und verzeihen ihrerseits alle Sünden und Kränkungen. Um die Aufrichtigkeit unsere Bereitschaft zur Vergebung zu bezeugen küssen wir - genau so wie wir nach der Beichte durch den Kuss von Kreuz und Evangelienbuch bezeugen, die Kraft der uns im Mysterion geschenkte Vergebung Gottes in unserem Leben auch durch ein von guten Taten erfülltes Leben sichtbar werden zu lassen - auch jetzt das Kreuz und das Evangeliar. Die gegenseitige ehrliche Bereitschaft zum Verzeihen der erlitttenen Kränkungen ist eine unumgängliche Bedingung für die Reinigung des Herzens und ein erfolgreichen Beginn der Fastenzeit. 

 

„Aus der Schau der Größe des Menschen und der Herrlichkeit Gottes wird im Menschen die Demut geboren. Nicht aber aus dem ständigen Sich Bewusstmachen der eigenen Misserfolge oder der eigenen Unwürdigkeit. … Demut, im englischen humility, kommt vom lateinischen Wort humus. Fruchtbarer Boden. Dies ist ein sehr passendes Bild. Die Erde, der Boden ist immer da. Auf ihm gehen wir und er lässt mit sich machen, was wir wollen. Er nimmt unseren Müll auf, aber auch lebendigen Samen und Sonnenstrahlen und Regen. Er kann alles aufnehmen und daraus Früchte hervorbringen. Man denkt nicht an ihn. Er schweigt. Er hält alles aus und bringt doch Frucht. Darin besteht Demut.“

Quelle: Aus einem Gespräch über das Gebet des Heiligen Ephrem dem Syrer von Metropolit Antony von Souroš; in: Metropolit Antony von Souroš; Schule des Gebetes.  

 

 

 

Sonntag des Pharisäers und Zöllners

 

Mit der Vesper dieses Sonntags werden die Gottesdienste der orthodoxen Kirche von den Gesängen des Fasten-Triods, das uns nun bis Ostern begleiten wird, geprägt. Im Morgengottesdienst hören wir nun erstmals nach dem Psalm 50  den Gesang „Der Buße Tore öffne mir, Lebensspender …“. Er stimmt uns ein auf das Evangelium dieses Sonntags (Lukas 18: 10- 14). Dieses Evangelium stellt uns deutlich vor Augen, welche Einstellung wir gewinnen müssen, um die Zeit der Großen Fasten mit geistlichem Gewinn durchschreiten zu können. Es will uns zu der Geisteshaltung und Herzensgesinnung hinführen, die allein Gott wohlgefällig ist und uns lehren, wie wir zu beten beginnen sollen, wenn wir uns ernsthaft auf die Karwoche und das folgende Ostern vorbereiten wollen.

 

Christus spricht in diesen Evangelium in einem Gleichnis zu uns. Die Gleichnisse des Herrn führen uns anhand einer beispielhaften Erzählung hin zum Kern der Dinge: Zwei Menschen gingen in den Jerusalemer Tempel um zu beten - ein Pharisäer und ein Zöllner. Der Pharisäer war eigentlich kein böser Mensch- im Gegenteil - Wollte er sein Leben doch an den Geboten Gottes und am Gebet ausgerichtet wissen. Er fastete und hielt sich an die Weisungen des Alten Bundes. Aber seine Herzenseinstellung war bei aller äußeren zur Schau gestellten Frömmigkeit falsch, denn er war hochmütig und glaubte deshalb, moralisch und religiös besser zu sein als die übrigen Menschen. In seinem Herzen kritisierte und verurteilte er seine Mitmenschen, die schwach und unvollkommen und Sünder waren. ASber seine wohl schlimmste Sünde war, dass er sich nicht nur über die anderen erhob und sie verurteilte, sondern dass er sie wegen ihrer Schwäche verachtete. 

 

Nicht auf unsere äußerlichen Leistungen, auf die auch wir wie jener Pharisäer im Tempel oft so stolz sind, kommt es an, sondern auf unsere innere Gesinnung, auf den Geist der Umkehr, des demütigen Gebetes. Deshalb sollen wir auch beten mit den Worten und auch immer mehr und mehr mit der Gesinnung des Zöllner, der sich mit leeren Händen vor Gott hinstellte und um nichts anderes betete, als um Gottes Erbarmen. Denn auch wir sind Sünder, auch wir haben uns zu wenig um die Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen bemüht. Deshalb sind auch wir gleich dem Zöllner alleine auf das menschenliebende Erbarmen Gottes angewiesen.

 

Am Sonntag des Zöllners und des Pharisäers hat die vorösterliche Fastenzeit noch nicht begonnen. Die kommende Woche, diese erste Woche der Vorfastenzeit, ist sogar vollständig fastenfrei. Auch am Mittwoch und Freitag dieser Woche wird bewußt nicht gefastet. Diese Anordnung hat unsere Heilige Orthodoxe Kirche getroffen, um uns nicht nur mit Worten der Gesänge in den Gottesdiensten, sondern auch durch den Mitvollzug des kirchlichen Lebens zu sagen, dass es gerade nicht auf unsere äußerlichen Leistungen, sondern auf die innere Haltung, gleichsam auf den geistlichen Schlagrythmus unseres Herzens ankommt. Selbstverständlich werden wir uns dann bemühen, in der Großen Fastenzeit zu fasten und mehr zu beten. Wir werden wir uns als Menschen, die wir mit unserem Leib an der geschöpflichen Ordnung und mit unserer Seele und unserem Geist an der geistigen Ordnung des Kosmos anteil haben, zum Ausdruck unserer inneren geistlichen Haltung an der sichtbaren Lebensordnung der Kirche beteiligen und die Fastenregeln so gut wir es jeweils können und vermögen halten. Aber wir werden uns immer daran zu erinnern suchen, dass alles, was wir tun und alles, auf das wir verzichten, von uns nur dazu getan wird, um uns zu helfen, zu einer wirklichen Gesinnung der Umkehr zu gelangen.

 

 

Aus den Gesängen der Vesper

 

Lasst uns nicht beten nach Pharisäerart, ihr Brüder. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Demütig lasst uns sein vor Gott wie der Zöllner. Fastend lasst uns rufen: Gott, sei uns Sündern gnädig.

 

Der Pharisäer, von Prahlsucht besiegt, und der Zöllner, in Reue gebeugt, traten hin zu Dir, dem alleinigen Herrn. Der Eine rühmte sich und wurde des Guten beraubt. Der Andere aber verstummte und wurde der Gnade würdig. In diesen Klagen stärke mich, Christus, Gott, Du Menschenliebender.

 

Herr, Allherrscher, ich weiß, welche Wunder Tränen wirken. Hiskia führten sie heraus aus Todespforten (vgl.: Isaias 38:9-20). Von früheren Sünden befreiten sie die Sünderin (Maria von Ägypten), rechtfertigten den Zöllner vor dem Pharisäer. Ich bitte, zähle mich zu ihnen, erbarme Dich meiner. 

 

Müde sind meine Augen infolge meiner Sünden. Nicht kann ich sehen, nicht schauen des Himmels Licht. So nimm mich Reuigen wie den Zöllner auf, Retter, und erbarme Dich meiner.

 

Aus den Gesängen des Morgengottesdienstes

 

Öffne mir, Lebensspender, die Pforte der Umkehr. Denn des Morgens erhebt sich mein Geist zu Deinem heiligen Tempel, und trägt doch zugleich den ganz befleckten Tempel meines Leibes. Du aber reinige mich, Mitleidvoller, durch Dein großes Erbarmen.

 

Wenn ich Elender die Fülle meiner Untaten bedenke, dann schaudert mich vor dem furchtbaren Tag des Gerichts. Doch im Vertrauen auf Deine milde Barmherzigkeit Rufe ich Dir wie David zu: Erbarme Dich meiner, o Gott, nach Deinem großen Erbarmen.

 

 

Die Pforten der Reue

 

zum Sonntag des Zöllners und Pharisäers

 

„Öffne mir der Reue Pforten, Du Spender des Lebens ...“

 

So singt die Kirche im Morgengottesdienst am ersten der vier Sonntage, die uns auf die Große Fastenzeit vorbereiten. Und wahrhaftig, diesen Sonntag kann man sich als Pforte vorstellen: eine Pforte durch die wir in die geheiligte Zeit eintreten, die uns zu Ostern führt; eine Pforte, die uns die Stimmung der Reue öffnet, die zum Leben in Buße führt, das die Große Fastenzeit jedem von uns bringen sollte. Wir sollten aber auch daran denken, dass „Buße“ und „Reue“ eine Übersetzung des griechischen Wortes „Metanoia“ aus dem Evangelium ist, das „Umkehr“ heißt. Es geht um viel mehr als ein oberflächliches Bedauern; von uns wird eine radikale Änderung, eine Erneuerung, eine Bekehrung verlangt.

 

Im liturgischen Kalender wird dieser Sonntag der „Sonntag des Zöllners und Pharisäers“ genannt. Um uns zur wahren Reue und Buße zu ermahnen, schildert uns die Kirche die beiden Männer, die zum Tempel gehen um zu beten und von denen einer gerechtfertigt ist durch seine Demut und seine ernsthafte Zerknirschung. Das Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner (Lukas 18: 10-14), das während der Liturgie gelesen wird, ist, wenn man so sagen darf, das gefährlichste aller Gleichnisse. Denn wir sind es gewohnt das Pharisäertum zu verdammen, sodass wir zu uns selbst sagen: ‚Wenigstens ich bin, trotz aller meiner Sünden, kein Pharisäer. Ich bin kein Heuchler.’ Wir vergessen, dass das Gebet des Pharisäers keineswegs ganz schlecht ist. Der Pharisäer zählt auf, dass er fastet, dass er den Zehnten gibt, dass er keine schweren Sünden hat; und das stimmt auch alles. Zudem hält er sich seine Tugenden keineswegs selbst zu Gute, sondern er anerkennt, dass alles von Gott kommt und er dankt Gott dafür. Allerdings irrt das Gebet des Pharisäers in zweifacher Weise: es fehlt ihm an Reue und Demut. Er ist sich seiner Fehler – vielleicht der verzeihlichen, wie sie alle Menschen haben – nicht bewusst. Und vor allem, er vergleicht sich mit dem Zöllner mit einem gewissen Stolz, einem gewissen Hochmut. Haben wir das Recht den Pharisäer zu verdammen und uns als gerechter zu betrachten, wenn wir die Gebote brechen, die der Pharisäer beachtet? Haben wir das Recht uns – im Gegensatz zum Pharisäer – auf die gleiche Stufe zu stellen wie der gerechtfertigte Zöllner? Wir könnten das nur, wenn unsere Haltung genau die gleiche wäre wie die des Zöllners. Wagen wir zu sagen, dass wir die Demut des Zöllners und seine Reue haben? Wenn wir den Pharisäer so gern verdammen ohne selbst wie der Zöllner zu werden, verfallen wir dem Pharisäertum.

 

heben, er klopft sich an die Brust: er fleht Gott um Gnade an, denn er ist sich dessen bewusst, dass er ein Sünder ist. Seine ganze körperliche Haltung drückt seine Demut aus. (Ein Heiliger sagte einmal, Jesus Selbst hat den letzten Platz so vollständig eingenommen, dass noch niemand Ihn davon vertreiben konnte.) Deshalb sagt der Retter: "Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht." Wir sehen, dass Jesus sagt "der andere nicht" und lässt so den Fall des Pharisäers offen für unsere Gedanken. Und Jesus fügt hinzu: "Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden."

 

Versuchen wir noch etwas tiefer in dieses Gleichnis einzudringen. Ist der Zöllner schon dadurch gerechtfertigt, dass er seine Sünden bekennt und demütig vor Gott steht? Bei ihm ist aber noch mehr zu spüren. Der Kernpunkt seines Gebets ist ein Flehen voll Vertrauen um die Güte und Menschenliebe Gottes. "Gott, erbarme Dich meiner, des Sünders!"sagt er. Diese Worte erinnern an den Psalm 50, der im Wesentlichen ein Bußpsalm ist: "Erbarme Dich meiner, o Gott, nach Deiner großen Barmherzigkeit; und nach der Fülle Deiner Erbarmung tilge meine Missetat." Dass Jesus diese Worte in den Mund des Zöllners legt und sie so zum Modell für unsere Bußgebete macht, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Seele des Erlösers und auf Seine Absichten. Was Jesus von einem reuigen Sünder verlangt (und so, von jedem von uns), ist vor Allem seine Hingabe, sein absolutes Vertrauen in die zärtliche Gnade und das Wohlwollen Gottes.

 

Im Morgengottesdienst fasst die Kirche das Gleichnis aus dem Evangelium zusammen und formuliert den Kerngedanken für diesen Sonntag: Den Pharisäer, der, auf seine Werke stolz, für gerecht sich hielt, hast Du verurteilt, o Herr. Und den Zöllner, der Nachsicht übte und unter Seufzen um Gnade bat, hast Du gerechtfertigt. Denn hochfahrenden Worten schenkst Du kein Gehör, doch zerknirschte Herzen verachtest Du nicht. Drum sinken auch wir in Demut nieder vor Dir, der gelitten für uns: Vergebung schenke, das große Erbarmen.“

 

Die Epistel für diesen Sonntag wird genommen aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an seinen Jünger Timotheus (3: 10-15). Der Apostel erinnert Timotheus kurz an alles was er, Paulus zu leiden hatte: Verfolgungen und Leiden aller Art. Er ermahnt Timotheus, der von Kindheit an im Glauben an Christus und die Schrift erzogen worden war, nicht entmutigt zu sein und mit Langmut und Liebe auszuharren. Am Beginn der Großen Fastenzeit, macht uns die Epistel darauf aufmerksam, dass es an Versuchungen und Schwierigkeiten bei der Vorbereitung auf Ostern nicht fehlen wird. Wie zu Timotheus sagt Paulus auch zu uns: "Du aber bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast."

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church, The Year of Grace of the Lord.

 

 

Sonntag des Verlorenen Sohnes

 

2. Vorfastensonntag

 

Mit den Sonntag vom Zöllner und Pharisäer hat in der orthodoxen Kirche diee Zeit des Triodion begonnen. Die Gläubigen bereiten sich durch die Betrachtung der Evangelien dieser drei Sonntage auf den würdigen Eintritt in die Zeit der Großen Fastenzeit vor. In Stufen führt uns die Heilige Kirche durch dieses Zeit zum Versöhnungssonntag, den eigentlichen Tor in die Zeit der Großen Fasten. Doch ist dieser Weg der Umkehr ein Geschenk, eine Einladung an jeden von uns. Dies stellt die Apostellesung deutlich heraus, indem sie zu uns in klaren Worten über die christliche Freiheit spricht. Damit macht sie die Grenzen und den Sinn christlichen Fastens deutlich: "Alles ist mir erlaubt, aber ich soll mich von nichts beherrschen lassen." Damit ist das christlich-orthodoxe Fasten entgegen der volkstümlichen Meinung jeder äußerlichen Beurteilung entzogen. Es kann daher nach orthodoxem Verständnis auch nicht zum "öffentlichen" oder kirchlichen Gesetz erhoben werden. Es ist, recht verstanden, Mittel und Weg zu einer vertieften Gottesbeziehung, nicht jedoch Inhalt unserer christlich orthodoxen Frömmigkeit. Und da es ein Weg zur vertieften Gottesbeziehung ist soll es im Verborgenen geschehen, wie uns der HERR Selbst  anweist  (Matthäus 6: 16-18). 

 

Nachdem wir die letzte fastenfreie Woche durchlufen haben, treten wir nun nochmals in eine letzte normale Woche ein, das heißt wir halten den Mittwoch und Freitag als Fasttage. Dann werden wir am darauffolgenden Sonntag, den Sonntag der Fleischentsagung (Sonntag von Weltgericht) zum letzten Mal vor Ostern Fleisch essen werden.

 

Die Tage der Vorfastenzeit bereiten uns auf die eigentliche Fastenzeit vor. Sie wollen uns helfen, unseren Lebensrythmus auf die nun kommenden 40 Tage einzustimmen. Auch wenn es zur Volkstradition vieler orthodoxer Völker gehört, die letzte Woche der Vorfastenzeit, die Butterwoche (Masleniza) als Karneval mit ausgelassenen Feiern zu verbringen, ruft uns doch die Tradition unserer orthodoxen Kirche auf einen anderen Weg. Nicht weil sie die Äußerungen unsere Lebensfreude verurteilt, sondern weil sie darum weiß, dass unser menschliches Herz, unsere Psyche und unser seelisches Leben auf längere Phasen der Einübung und Eingewöhnung angewiesen sind. Oft ist unser Leben so schnelllebig, das es noch einige Zeit dauert, bis wir "angekommen" sind. Deshalb bereiten uns nun die Gottesdienste der Vorfastenzeit auf den allmählichen aber stetigen Übergang in die Fastenzeit vor. Seit dem letztem Sonntag (Sonntag vom Zöllner und Pharisäer) singen wir im Morgengottesdienst nach dem Auferstehungsevangelium und dem 50. Psalm: „Die Pforte der Buße öffne mir, Lebensspender“. Damit ist das geistliche Thema der ganzen Fastenzeit, ja unseres ganzen irdischen Lebens angesprochen.

 

In der Evangelienlesung des letzten Sonntag wurden uns zwei menschliche Haltungen gegenüber Gott und unseren Mitmenschen vor Augen geführt: Der Zöllner, der es nicht wagte, den Blick im Tempel zu Gott zu erheben und sich stattdessen an die Brust schlug und aufrichtig bat: "Gott sei mir Sünder gnädig" und der selbstgerechte Pharisäer, der voller Stolz und mit einer hohen Meinung von sich und seiner Frömmigkeit - vor allem aber mit einer moralischen Selbsterhebung über seine Mitmenschen - vor Gott hintrat. Auch in der heutigen Evangeliumslesung stellt unser Herr Jesus Christus uns zwei unterschiedliche menschliche Lebenshaltungen vor Augen: den guten Sohn, der immer den Geboten seines Vaters gefolgt ist und den missratenen Sohn, der vom Vater weggelaufen ist und auf die schiefe Bahn geraten ist.

 

Jedoch ist das Befolgen der Gebote kein Selbstzweck wie wir am weiteren Verlauf des Gleichnisses erkennen können, denn  der gute Sohn ist der Pharisäer geworden; er ist stolz auf seinen Gehorsam und ist zutiefst empört über die Liebe des Vaters zu seinem missratenen Bruder. Er gönnte ihm die liebende Zuwendung des Vaters nicht, er war neidisch und verachtete seinen in seinen Augen so offensichtlich missratenen Bruder.

 

Wie aber reagiert der Vater, hinter dessen Verhalten unser Herr Jesus Christus für uns klar die Handlungsmaßstäbe Gottes deutlich werden läßt? Macht er dem verlorenen Sohn, der seine gesamte Erbschaft, also die Hälfte des Besitzes des Vaters vergeudet und sich damit ein sündhaftes Leben in Ausschweifung und Verkommenheit finanzierte hatte, bis er in den völligen sozialen Abstieg geraten war und sogar krank wurde,  moralische Vorhaltungen? Im Gegenteil! Kein Wort des Vorwurfes richtet der Vater an den verschwenderischen Sohn.Er begegnet ihm nur mit herzlicher Freude und Umarmung: „Denn mein Sohn war tot und lebt wieder“. In diesem Satz des Vaters spiegelt sich Gottes einladende Haltung zu seinen kindern, die sich in die Netze der Sündhaftigkeit verstrickt haben. Korrigierende Worte bekommt hingegen der treue Sohn, der ein hartes Herz zeigt, zu hören. Denn der Groll des treuen Sohnes richtet sich sowohl gegen seinen Vater wie auch gegen seinen Bruder, dem er alle Sünden vorwirft, aber dessen Reue und Umkehr anzuerkennen er nicht bereit ist. Wenn wir uns in die Fallstricke der Lieblosigkeit verstricken lassen ist das in den Augen Gottes weitaus schlimmer als alle anderen sündigen Taten die wir begehen könnten. Einen Reuigen abzulehnen und ihn nicht barmherzig zu sein, ist die größtmögliche Sünde. 

 

Wir ähneln vermutlich im Laufe unseres Lebens mal dem einen und mal dem anderen dieser beiden Brüder. Wir können uns in einer selbstgerechte Frömmigkeit regelrecht verrennen und dann alle, die uns nicht so "orthodox", "fromm" und "rechtschaffen" erscheinen, wie wir uns zumindest Selbst wahrnehmen, abzulehnen zu dürfen glauben. In der meisten Zeit unseres Lebens werden wir aber wohl eher dem weggelaufenen Sohn auf die eine oder andere Art ähnlich sein, der die bedingungslose Liebe seines Vaters überhaupt nicht verdiente und der sein ganzes väterliches Erbe vertan hatte. Hoffentlich scheinen in solchen Augenblicken unseres Lebens dann für uns die Worte unseres Herr Jesus Christus aus diesem Gleichnis auf, damit auch wir den Weg zu wahren Demut finden, der uns zu den Türen zur Umkehr und zur Lichten Freude der Auferstehung unseres Herrn und Gottes und Erlösers Jesus Christus führt.

 

 

Die Rückkehr zum Vater

 

zum Sonntag des Verlorenen Sohnes

 

Dieser Sonntag entwickelt das schon am Sonntag des Pharisäers und des Zöllners behandelte Thema der Reue und Vergebung weiter. Aber die Epistel (1Kor 6: 12-20) schweift in gewisser Weise vom Thema ab und erörtert ein spezielles Problem: das der leiblichen Abtötung. Das erklärt sich durch das Faktum, dass wir acht Tage nach diesem Sonntag in die Periode des Fastens eintreten; und schon jetzt lässt uns die Kirche diesbezüglich eine Warnung des heiligen Paulus hören. Der Apostel erklärt den Korinthern zunächst, dass nicht alles Erlaubte nützt. Wir dürfen uns durch nichts beherrschen lassen, auch nicht durch das, was erlaubt ist. Die Speisen sind für den Bauch; der Bauch ist für die Speisen. Aber weder der Bauch noch die Speisen haben eine Bedeutung für das spirituelle Leben, denn Gott wird die Speisen vernichten und den Bauch vernichten. Dieses Thema erweiternd, spricht der Apostel damit über die Unreinheit. Auch wenn die Speisen für den Bauch sind, ist unser Leib nicht für die Unzucht. Unser Leib ist für den Herrn; der Herr ist für unseren Leib. Hier wird uns ein für Paulus – der alles „in Begriffen von Christus“ beurteilt – sehr charakteristisches Argument vorgestellt. Man könnte erwarten, dass der Apostel die Unreinheit verurteilt, indem er sich auf die moralische Ebene, die des Gesetzes, der Laster und der Tugenden begibt. Aber Paulus sieht die Dinge unter einem anderen Gesichtspunkt: „Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen?“ Nicht nur sind wir Glieder Christi, sondern wir sind der Tempel des Geistes: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist...?“

 

Wir sind der Tempel des Heiligen Geistes. Wir sind auch die Glieder des Leibes Christi. Welche Beziehung gibt es zwischen diesen beiden geheimnisvollen Realitäten? Der Heilige Geist ist in uns, und wir sind in Christus. Weil der Heilige Geist, der der Geist Christi ist, wie er der Geist des Vaters ist, in uns wohnt, verleibt er uns der Person Christi ein. Und hier geht es um etwas ganz anderes als Gleichnisse. 

 

Also „hütet euch vor der Unzucht...“ Das ernährungsmäßige Fasten ist weder die einzige noch die höchste Form des Fastens. Die sexuelle Reinheit, die des Herzens und des Denkens ebenso wie die des Leibes selbst, wird gemäß dem Stand eines jeden, in der Ehe und in der Ehelosigkeit, durch den Herrn in einer gebieterischen Weise von uns gefordert. 

 

Kommen wir jetzt auf den zentralen Gedanken dieses Sonntags. Er findet sich im Evangelium der Liturgie: es ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

 

Unter den Evangeliumsgleichnissen ist das des verlorenen Sohnes (Lk 15: 11-31) vielleicht das bekannteste, das vertrauteste. Es ist sicherlich eines der bewegendsten. Vielleicht erkennen wir nicht immer den Mittelpunkt dieses Gleichnisses. Liegt dieser Mittelpunkt in der Geistesänderung des jungen Mannes, der seinen Vater verlassen, sein Vermögen in einem ausschweifenden Leben verprasst, Hunger gelitten, sich nach den Futterschoten gesehnt hat, die die Schweine fraßen, und entschieden hat, aufzubrechen und zu seinem Vater zurückzukehren? Sicher, die Worte des jungen Mannes: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein“, – sicher, diese Worte bleiben ein zutiefst bewegender Ausdruck der Reue. Der Entschluss des verlorenen Sohnes: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen“ wirft ein treffendes Licht auf die Bedeutung des tatkräftigen Aktes, des Willens; man kann nicht zum Vater gehen, wenn man sich nicht zuvor entscheidet aufzubrechen. Gleichwohl ist der bereuende junge Mann nicht die anziehendste Gestalt in dem Gleichnis. Seine Reue ist nicht das Ergebnis einer völlig uneigennützigen Gewissensumwandlung. Sie ist nicht frei von persönlicher Berechnung: der verlorene Sohn möchte dem Elend entfliehen, er wählt den einzigen ihm offenstehenden Ausweg. Die zentrale Person des Gleichnisses ist vielmehr die Person des Vaters. Hier begegnen wir einer vollkommen selbstlosen und uneigennützigen Liebe. Einer Liebe, die wartet, die wacht, die der Rückkehr des Verlorenen harrt und sich, ihn von Weitem sehend, nicht mehr halten kann: der von Mitleid erschütterte Vater läuft seinem Kind entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn lange. (Man weiß, wie sehr im Osten eine solche Haltung der Würde eines Alten als nicht standesgemäß angesehen wurde.) Und dann befiehlt der Vater, ohne dem Verlorenen einen Vorwurf zu machen, ihm einen Ring an den Finger zu stecken (das Zeichen des Erben), ihm Schuhe anzuziehen (das Zeichen des freien, sich vom Sklaven unterscheidenden Mannes), ein Mastkalb zu schlachten und fröhlich zu sein. Er lässt das „beste Gewand“ holen und es dem Sohn anziehen: bemerken wir, dass es sich nicht um das schönste Gewand handelt, das der Verlorene vor seiner Abreise besaß, sondern um das schönste Gewand, das sich im Haus finden konnte. Gott gibt dem reuigen Sünder nicht einfach die Gnade zurück, die er vor der Sünde haben konnte: er gewährt ihm die größte Gnade, die er empfangen kann, ein Maximum an Gnade.

 

Die Geschichte des verlorenen Sohnes ist unsere eigene Geschichte. Der freiwillige Weggang, das sündhafte Leben, die Verzweiflung, die Reue, die Rückkehr und die Vergebung: wir haben all das erlebt und wie viele Male!

 

 Schauen wir auf die Rolle, die eine dritte Person spielt: der ältere Bruder des Verlorenen. Im Gleichnis zeigt sich der ältere Sohn eifersüchtig auf seinen Bruder. Er ärgert sich über die so großzügig erteilte Vergebung. Er weigert sich, trotz des Drängens seines Vaters, an den Festlichkeiten teilzunehmen. Das ist das Gegenteil dessen, was in der wahrhaften Umkehr des Sünders geschieht. Jeder verlorene Sohn, der zurückkehrt, wird durch den älteren Bruder zur Rückkehr angeregt, den Sohn, zu dem der Vater sagt: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein“, – der Herr Jesus – der den Sünder an die Hand nimmt und mit einer leidenschaftlichen Zuneigung zum Vater führt. 

 

Die Vesper und der Morgengottesdienst dieses Sonntags enthalten Texte, die für uns die Lehre dieses Gleichnisses ausdrucksvoll darstellen. Hier einige von ihnen:

 

„Nachdem ich den Schatz der väterlichen Gaben vergeudet habe, ich Unglücklicher, habe ich mit vernunftlosen Tieren geweidet, und als ich Hunger hatte, wünschte ich ihre Nahrung... Deshalb werde ich zum barmherzigen Vater zurückkehren und weinend zu Ihm rufen: Empfange mich wie einen Deiner Diener, ich, der ich vor Deiner Menschenliebe niederknie..., O huldvoller Erlöser, hab' Mitleid mit mir, reinige mich... und gib mir von neuem das erste Gewand Deines Reiches.“ 

 

„Lasst uns, Brüder, die Macht dieses Mysteriums erkennen, denn der unermesslich gute Vater läuft dem aus der Sünde zum väterlichen Haus zurückkehrenden verlorenen Sohn entgegen, umarmt ihn und gibt ihm wieder alle Zeichen der Herrlichkeit...“

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church, The Year of Grace of the Lord.

 

 

Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn

 

Eine Predigt von Vr. Antony Hughes 

 

Vater Antony Hughes ist Priester an Saint Mary Orthodox Church, Cambridge, MA.

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

was ist das Gegenteil von Furcht? Man könnte „Mut“ sagen und vielleicht recht haben. Es wurde auch schon vorgeschlagen, dass das Gegenteil von Furcht „Mitleid“ ist. Mir gefällt diese Antwort am Besten. Wo es keine Furcht gibt, ist auch keine Verteidigung nötig. Verurteilung beruht auf Furcht, wie auch Hass. Ohne Furcht wird Mitleid möglich. Wenn wir uns nicht verteidigen, ist der Weg zur Liebe offen. Mitleid ist keine Schwäche. Mitleid ist Stärke. Mitleid ist göttlich. 

 

Reden wir jetzt über den Vater in der Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ (Lukas 15: 11 ff.). Er ist ohne Furcht. Er ist das Risiko eingegangen, seinen Söhnen ihr Erbe vor seinem Tod anzubieten. Sie hätten alles nehmen können! Als der jüngere Sohn sich entschloss den Vater beim Wort zu nehmen, zog der Vater sein Versprechen nicht zurück. Er versuchte auch nicht ihn zurückzuhalten. Er lässt dem Sohn seine Wahlfreiheit. Wie viele von uns würden das ebenso machen? Wie viele von uns würden die Freiheit des anderen dulden, auch auf eine Art und Weise zu handeln, die unseren Interessen und Werten widerspricht? Viele von uns fürchten sich vor der Freiheit, nicht aber der Vater. Er zeigt große Furchtlosigkeit. So große, dass sie göttlich ist. Er ist das vollkommene Abbild Gottes, des Einen, der weder erfreut noch verärgert ist. Er ist in allem immer gleich, gegen Gehorsame und Ungehorsame. Natürlich sollen wir im Vater das Abbild Gottes sehen. 

 

Aber wie steht es um den älteren Bruder? Als der jüngere Sohn zurückkehrt und seine Sünden bereut, da umarmt ihn sein Vater gnädig, aber der ältere Sohn beschwert sich. „Wie kannst Du ihn wieder so aufnehmen?“ Der ältere Sohn meint, der Vater sei zu großzügig. Für uns ist diese verrückte Großzügigkeit die Quelle unserer Hoffnung. Gott ist zu großzügig, zu aufnahmebereit, zu umarmend. Gott könnte sogar uns annehmen, obwohl wir es nicht verdienen. Das ist manchmal sehr schwierig zu akzeptieren. Der „ältere Bruder“ kann es nicht akzeptieren. Es gibt immer welche, die ihren Glauben auf einen Gott stützen, der zornig ist und dauernd beleidigt. Warum eigentlich? Die Evangelien zeigen uns einen ganz anderen Gott im Leben von Jesus Christus, das lebende, atmende Beispiel des Gottes, der zu großzügig ist. 

 

Wir sollten sehen, dass der ältere Sohn durch sein Sich-Beschweren das Gegenteil zeigt. Er ist ganz in seine Missgunst verknotet. Er kann sich nicht von seinem Ärger befreien. Gott ist bestimmt nicht so. Der ältere Bruder verharrt in der Vergangenheit und wir alle wissen, was passiert, wenn wir in der Vergangenheit stecken bleiben. Wir leiden, denn die Vergangenheit ist eine Illusion, es gibt sie nicht mehr, und doch versuchen wir wie Verrückte in ihr zu leben. Gott andererseits ist die ewige Gegenwart. 

 

Der Vater jedoch zeigt was es heißt in der Gegenwart zu leben. Er freut sich über die Heimkehr des Sohnes! Das Wichtige ist, dass der Sohn jetzt zu Hause ist. Die Vergangenheit ist vorbei und kann nicht mehr geändert werden, aber die Gegenwart! Die wundervolle Gegenwart! Der Sohn kehrt zurück mit den notwendigen, wunderbaren Worten „es tut mir leid“ auf den Lippen, aber der Vater läuft ihm entgegen um ihn zu umarmen, als er noch weit entfernt ist. Der junge Verschwender hat kaum die Möglichkeit seine vorbereiteten Worte zu sagen. Erinnert ihr euch an das, was der Herr sagte? „Die Engel im Himmel freuen sich über einen reuigen Sünder.“ Es ist traurig, dass der ältere Bruder so in sich verschlossen ist, zu egoistisch um sich über die Heimkehr des Bruders zu freuen. Wisst ihr, wo er war, als ihn der Vater suchte? Er war „auf dem Felde“, eine weniger aufregende Form des Sich-Entfernens vom Vaterhaus. Egoismus steht uns immer im Weg. Egoismus macht uns so blind für das Gute wie kaum etwas anderes. 

 

Seht ihr die Grundstruktur in den Evangelien? Gott ist fast zu großzügig. Er muss kein Ego verteidigen. Gott ist nicht beleidigt, denn Gott hat kein Ego. Der Vater im Gleichnis ist nicht beleidigt, denn er hat kein Ego, das beleidigt werden kann! Nur das Ego ist beleidigt. Wenn wir beleidigt sind, uns fürchten, verärgert sind, ist der Zorn unserer Verteidigung ein Zeichen dafür, dass hier das Ego am Werk ist. In diesem Moment zeigt sich unsere Unwissenheit. Seid dankbar! Sie zeigt den Weg zur Buße. Einer meiner liebsten geistlichen Väter und Brüder sagte mir einmal: „Dein Hindernis ist Dein Weg.“ Statt uns also selbst zu schimpfen solche Gedanken und Gefühle zu haben, sollten wir danken und die Werkzeuge einzusetzen lernen, die uns erlauben uns von diesen Gedanken zu trennen. das heißt wir müssen lernen dauernd wachsam zu sein um nicht zu sündigen. 

 

Wir dürfen uns auch nicht der Illusion hingeben, dass wir gerechtfertigt seien und dass diese negativen Gedanken und Gefühle ein unvermeidlicher Teil unseres Selbst seien. Wirklich nicht! Wir sind geschaffen nach dem Abbild Gottes! Schmutz und Schund kann uns nicht überwältigen, wenn wir es nicht zulassen. Wir müssen unsere Augen öffnen und die Wahrheit erkennen, dass wir nur leiden, wenn wir der Verlockung des Egoismus nachgeben. „Steh’ mir nicht im Weg!“, schreien wir. Oder, wie der Popstar "Madonna", rufen wir von den Dächern: „Jeder darf meiner Meinung sein!“ Aber wir müssen diesen Sündenpfad nicht gehen. Wirklich nicht! Wenn wir wollen, können wir diese negativen Gedanken und Gefühle daran hindern uns dahin zu tragen, wohin wir nicht wollen. Aber wir müssen dabei schnell sein, damit wir weise wählen können der Versuchung nicht nachzugeben, solange uns die Freiheit dieser Wahl bleibt. Es läuft darauf hinaus, dass wir unsere ängstlichen Beschränkungen überwinden müssen, indem wir die Liebe werden, die Gott ist.

 

Der Heilige Maximus der Bekenner sagt: „Der vollkommen ist in der Liebe, hat den Gipfel der Leidenschaftslosigkeit erklommen, er kennt keine Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem des Anderen, zwischen treu und untreu, zwischen Sklaven und Freiem, oder auch zwischen männlich und weiblich. Erhoben über die Tyrannei der Leidenschaften sieht er die eine Natur des Menschen, sieht er alle als gleich an und liebt sie alle gleich. Denn für ihn gibt es weder Griechen noch Juden, weder Mann noch Weib, weder Sklaven noch Freien, sondern Christus ist alles und in allem.“

 

Wer von uns wollte nicht so leben? Das ist Leidenschaftslosigkeit. Das ist Sündlosigkeit. Wer alles Richten überwunden hat, hat Gott gesehen. Wer so lebt ist wahrhaft frei. Nichts Böses kann ihn berühren. Das sehe ich im Vater des verlorenen Sohns. Ein freier Mann. Ein Mann jenseits aller Herausforderungen. 

 

Furcht ist der fruchtbare Boden für Beleidigtsein. Egoismus ist der Dünger der Verderbtheit. Gott kennt keine Furcht. Gott kennt keinen Egoismus. Daher kann Gott auch nicht beleidigt sein. Daher ist Gott das Mitleid Selbst. 

 

Der orthodoxe französische Theologe Olivier Clément schreibt: „Im gekreuzigten Christus wird Vergebung angeboten und Leben geschenkt. Denn für die Menschheit geht es nicht mehr um die Furcht vor dem Gericht oder um das Verdienen des Heils sondern darum, im Vertrauen und in Demut die Liebe willkommen zu heißen.“ 

 

Wie der Vater im Gleichnis ist, müssen wir werden, denn er ist das vollkommene Abbild dessen, was Gott ist. Solange es etwas in uns gibt, das nicht diese Vollkommenheit widerspiegelt, müssen wir dem Reich fernbleiben in des Verlorenen Sohnes „fernem Land“.

 

Quelle: Andreasbote 2/ 2011

 

 

Lasst uns, Brüder, die Macht dieses Mysteriums erkennen, denn der unermesslich gute Vater läuft dem aus der Sünde zum väterlichen Haus zurückkehrenden verlorenen Sohn entgegen, umarmt ihn und gibt ihm wieder alle Zeichen der Herrlichkeit und lässt den Himmel ein mystisches Freudenmahl bereiten, lässt schlachten ein gemästetes Kalb, damit wir würdig wandeln vor dem menschenliebenden Vater, Der das Opfer brachte, und vor Dem Herrlichen, der sich opferte (Christus), Dem Retter unserer Seelen. 

 

Aus der Texten des Vespergottesdienstes

 

 

Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn

 

S. E. Dmitri (Royster) Erzbischof von Dallas

 

 

Unter den Gleichnissen des Herrn, ist das vom Verlorenen Sohn, das dritte im 15. Kapitel des Lukas-Evangeliums, vielleicht das am besten bekannte. Es ist die Perikope für den zweiten Sonntag der Periode des Triodions, dem Buch für die Gottesdienste der Großen Fastenzeit, und seine Botschaft ist das eine Thema der Fastenzeit: wenn eines von Gottes Kindern Ihn wegen etwas oder wegen einem anderen verlässt, Gott wird es, gleichgültig wie weit es sich verirrt hat, wenn es reuevoll zurückkehrt, mit offenen Armen aufnehmen. 

 

Hymnen und Verse meditieren über die Evangeliumslesung vom Sonntag des Verlorenen Sohns und heben Punkte hervor, die sich jeder orthodoxe Christ zu Herzen nehmen muss. In fast jeder Zeile der liturgischen Texte werden die Ausdrücke seines Bewusstseins gesündigt zu haben, seine Entscheidung zum Vater zurückzukehren und die Gesinnung mit der er zurückkehrt, in den Mund des Beters gelegt. Dadurch identifizieren wir uns selbst mit dem Sohn, der irrt, und erkennen an, dass auch wir auf unsere Art unsere Gaben verschleudert und den Schenker zurückgewiesen haben.

 

„Jesus sagte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.“ 

 

Der jüngere Sohn glaubt sich der Unabhängigkeit fähig und, wie viele junge Leute, will er sein Heim verlassen und selbstständig leben. Eigenartigerweise sieht er keinen Widerspruch zwischen seinem Wunsch unabhängig von seinem Vater zu sein und der Bitte um sein Erbe. Sogar die neue Art zu leben, die er sich vorstellt, muss er mit Kapital seines Vaters beginnen. Seine Worte verraten seine Egozentrik: „Gib mir das Erbteil, das mir zusteht.“

 

So wie Kindern oft nicht klar ist, wie viel sie ihren Eltern schulden – ihre Geburt, ihre Erziehung, ihre Schulung, ihr Wissen, ihre Gesundheit und viele andere Dinge – so hält auch der Mensch oft nichts von dem, was er Gott schuldet, der ihn durch Seine Vorsehung ins Sein gerufen, ihn mit Ruhm und Ehre gekrönt, mit Talenten und Fähigkeiten ausgestattet hat und ihn erwachsen werden ließ.

 

Der Sohn bittet seinen Vater um das Seinige, ohne zu sehen, dass das Seinige das Geschenk des Vater ist. Menschen nehmen es oft als selbstverständlich an, dass Gott ihnen etwas schuldet. Und, wie der Vater im Gleichnis, der dem Sohn trotz seiner Jugend und Unerfahrenheit gibt um was er bittet, so gibt auch Gott reichlich denen, die ihn darum bitten, auch wenn der Empfänger das Geschenk missbrauchen könnte.

 

„Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“ 

 

Nur an sich selbst und seine Unabhängigkeit denkend, verbringt er die Tage vor seiner Abreise mit den Vorbereitungen für sein neues Leben. Er lässt nichts zurück, er bricht die Gemeinschaft mit seinem Vater ab. Dann reist er nicht zu einem nahegelegenen Ort, sondern weit weg, damit er keine Erinnerung mehr hat an seine Familie oder an die Sorge und Liebe seines Vaters.

 

Der Vater legt ihm nichts in den Weg und zwingt ihn auch nicht seine Dankesschuld anzuerkennen. Er hat ihn alles Notwendige gelehrt und ihm gegeben. Der Sohn ist nun ein Mann und muss seine eigenen Entscheidungen treffen. Unser himmlischer Vater hat uns gleichermaßen das Wertvollste gegeben, Sein eigenes Abbild und mit ihm den freien Willen. Er zwingt uns nicht Ihn als die Quelle von allem was wir haben anzuerkennen.

 

Ohne dass wir unseren Aufenthaltsort ändern, verlassen wir doch oft Gott in unserem Sinn und Herzen, vergessen Ihn und werden zu undankbaren Kindern. Manche verlassen Seine Kirche, die doch der handfeste Beweis Seiner Sorge ist. Wir entfernen uns, wenn auch nur geistig, von ihr, finden manchmal einen billigen Ersatz, werfen ihre Lehre über Bord und eignen uns einen ganz gottlosen Lebensstil an. Das ist das „ferne Land“ und das „Verschleudern des Vermögens durch ein zügelloses Leben“.

 

„Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.“ 

 

Der Sohn ist leichtsinnig gewesen; statt seine Gaben zu nutzen, um ein anständiges Leben aufzubauen das seiner Erziehung würdig ist, verschleudert er sie in Genusssucht. Nachdem er alles für eine Illusion des Glücks ausgegeben hat, erwacht er und stellt fest, dass er nichts gewonnen hat. Die „große Hungernot“ beschreibt den Zustand seiner Seele. Geistig und moralisch leer, hat er nicht was ihn erhalten könnte.

 

Er sucht sich eine Art Ersatzvater und dieser „Bürger des Landes“ nimmt ihn tatsächlich auf, aber er schickt ihn auf die Felder zum Schweine hüten, zweifellos eine der kläglichsten Aufgaben auf einem Bauernhof. Wie hart ist der Kontrast dieses Bildes mit der Beziehung, die er mit seinem ihn liebenden Vater hatte! Die Leere und Sinnlosigkeit seines Lebens ergeben sich aus der Erklärung, dass er gerne seinen Bauch mit den Schoten gefüllt hätte, die er den Schweinen verfütterte. Jeder Versuch sein wirkliches Bedürfnis zu stillen, lassen ihn unerfüllt zurück. Niemand kann ersetzen, was er verloren hat.

 

„Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufstehen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Dann stand er auf und ging zu seinem Vater.“

 

Als er den Tiefpunkt der Leere erreicht, erkennt der Sohn, dass er nichts außer seinem Vater hat. „Da ging er in sich“: Das ist der Beginn der Reue. Sich von der wahren Heimat und von seines Vaters Liebe zu entfernen war eine Verrücktheit. Er musste die Folgen erleiden, um seine Vernunft wieder zu erlangen. Der verlorene Sohn erlebt von neuem den „Sündenfall“. Unsere ersten Eltern suchten Sinn und Zweck des Lebens ohne Gott und sie gehorchten ihm nicht; das ist seitdem die Sünde der Menschheit gewesen.

 

Der Sohn erinnert sich daran, dass sogar die, die nicht zum Haushalt des Vaters gehören und dort nur ihren Lebensunterhalt verdienen, mehr als er haben. Dass er in solchen Kategorien denkt macht seine Reue nicht kleiner. Das Eingeständnis seiner Schuld, das er sogar vor seiner Rückkehr in seinem Herzen trägt, beweist seine Ernsthaftigkeit. Der Vater weiß natürlich um das Fehlen seines Sohnes, aber er wartet darauf, dass der Sohn es selbst zugibt. Nun also sagt der Sohn: „Ich will aufstehen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.“ Der Heilige Paulus sagt dazu: „Wer ... mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen“ (Römer 10: 10). Vielleicht erinnerte sich der Sohn an das Sprichwort, das besagt: „Ein rechter Mann beschuldigt sich selbst zu Beginn seiner Rede“ (Sprüche 18: 17 LXX). Wir müssen das Eingeständnis des Sohnes zu unserem eigenen machen, denn in unserem Ungehorsam haben wir gegen unseren himmlischen Vater und unsere wahre Heimat, die Kirche, gesündigt.

 

„Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“ Dies ist der Geist wahrer Demut, die Frucht ernsthafter Reue: die Erkenntnis, dass man keine Vergebung verdient. Um Vergebung zu erlangen ist der Sohn gewillt seine Stellung im Haushalt aufzugeben und zum Knecht zu werden. „Viel lieber will ich der Geringste im Hause meines Gottes sein, als wohnen in den Hütten der Sünder“ (Psalm 83: 11 LXX).

 

„Ich will aufstehen“, sagt er. „Dann stand er auf“. Diese beiden Aussagen machen uns klar, dass er auf ein Niveau gesunken war, so tief, dass der erste Schritt in der Ausführung seines Vorhabens war aufzustehen, sich aus dem Sumpf zu erheben, und dem Leben, das ihm nur eine Illusion von Glück und Erfüllung gegeben hatte, den Rücken zu kehren. „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein“ (Epheser 5: 14). Dieser Vers des Hl. Paulus beschreibt sowohl die Bekehrung jener, die Gott nicht zum Vater hatten, wie auch die Wiederbekehrung jener, die vom rechten Wege abgewichen waren. Beide waren spirituell schlafend oder tot.

 

„Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.“ (20-24). 

 

Der Herr, der in die Tiefe unseres Herzens blickt, sieht, dass wir zu Ihm kommen wollen und wartet nicht, sondern eilt uns entgegen. Er bekleidet unsere spirituelle Nacktheit; Er besiegelt unseren ernsten Wunsch sich mit Ihm wieder zu vereinigen mit einem Ring wahrer Sohnschaft; Er bereitet uns darauf vor, in Übereinstimmung mit dem Evangelium zu gehen (Epheser 6: 15:"und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen"); Er gibt uns die Nahrung, die wir brauchen.

 

Der Empfang des Sohnes zeigt die Natur der Gerechtigkeit Gottes auf. Er vergibt die Sünden jener, die bereuen und wirft ihnen ihre Vergangenheit nicht vor. „Denn ich verzeihe ihnen ihre Schuld, und an ihre Sünden denke ich nicht mehr“ (Hebräer 8: 12). Das wurde in Beziehung auf Israel gesagt, aber es gilt genau so für uns, die wir das Neue Israel sind.

 

Die Pharisäer dagegen, die ihrer eigenen Gerechtigkeit folgten, dachten, dass die Gunst Gottes von den Leistungen und gerechten Taten nach dem Gesetz abhängt. Der ältere Sohn reagiert auf den Empfang des verlorenen Sohns durch den Vater wie die Pharisäer es, ihrer menschlichen Vorstellung von Gerechtigkeit folgend, vielleicht getan hätten. Er, wie sie, verstanden nicht die Liebe des Vaters.

 

Als er erfuhr, was geschehen war, „wurde er zornig und wollte nicht hineingehen“. Und in seiner Antwort an den Vater, zeigt er sich voller Selbstgerechtigkeit: „So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte“ (28-29). Obwohl er bei seinem Vater geblieben war, ist seine Beziehung zu ihm nicht sehr unterschiedlich von der des jüngeren Sohnes. 

 

Die Pharisäer missbilligten, dass der Herr reuige Zöllner und Dirnen empfing; das auserwählte Volk, die Hebräer, missbilligten, dass Gott den Bund auf die Heiden ausdehnte. Heutige Christen könnten ähnlicher Sünden schuldig sein. Schauen einige in unserer Kirche missbilligend oder misstrauisch auf Neue oder Konvertiten? Schauen einige ungnädig auf die Aufnahme von Menschen, die nicht ihrem kleinlichen Standard von Rechtschaffenheit oder Ehrbarkeit genügen? Zucken einige zurück bei der Aufnahme von Leuten, die nicht zu unserer sozialen Schicht gehören?

 

Der Hl. Kyrill von Alexandrien schreibt: Wie Pharisäer und Schriftgelehrte ob der Sanftmut und Menschenliebe Christi aufschrieen: ‚Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?’ (Mt 9,11) und boshaft und ruchlos ihn beschuldigten, dass er Menschen einlade und lehre, deren Lebensführung unrein war, da legte Er ihnen notwendigerweise das jetzige Gleichnis vor, um ihnen klar aufzuzeigen, dass der Gott Aller sogar von dem, der fest und standhaft ist und weiß wie man ein heiliges Leben führt und der höchstes Lob für die Nüchternheit seines Betragens erzielt hat und ernsthaft Seinem Willen folgt, dann, wenn jemand zu Reue und Buße gerufen wird, sogar wenn er sehr tadelnswert ist, verlange eher Freude und nicht Ärger darüber zu empfinden.“ (Homilie über das Lukas-Evangelium) 

 

 

Zum Sonntag des verlorenen Sohnes

 

Erzpriester Alexander Schmaemann

 

Am dritten Sonntag der Vorbereitung auf die Fastenzeit hören wir das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15: 11-32). Zusammen mit den Hymnen dieses Tages erschließt uns dieses Gleichnis die Zeit der Reue als die Rückkehr des Menschen aus dem Exil. Der verlorene Sohn, so hören wir, bricht auf in ein fernes Land und verschwendet dort alles, was er besitzt. Ein fernes Land! Das ist die einzig zutreffende Bezeichnung für unsere Bedingtheit als Mensch, die wir annehmen und zu der unseren machen müssen, wenn wir unseren Weg zu Gott hin beginnen. Ein Mensch, der niemals diese Erfahrung gemacht hat, und sei es auch nur für kurze Zeit, dass er in der Gottes- feme lebt und von dem wahren Leben abgeschnitten ist, wird niemals verstehen, was es mit dem Christentum auf sich hat. Und jemand, der vollständig in dieser Welt und in dem Leben dieser Welt »zuhause« ist, der nie von dem sehnsuchtsvollen Wunsch nach einer anderen Wirklichkeit schmerzlich getroffen wurde, der wird nie verstehen, was bereuende Umkehr ist.

 

Oft wird die bereuende Umkehr einfach mit einer nüchternen und »sachlichen« Aufzählung von Sünden und Übertretungen, einem »Schuldbekenntnis« bei einer gerichtlichen Anklage, gleichgesetzt. Geständnis und Absolution werden als juristische Akte betrachtet. Man übersieht jedoch etwas sehr Wesentliches, ohne das weder das Schuldbekenntnis noch die Absolution eine wirkliche Bedeutung oder Wirksamkeit er- langen können. Dieses »Etwas« ist ganz genau das Empfinden des Verbanntseins von Gott, weit verbannt von der Freude der Gemeinschaft mit ihm und fern dem wahren Leben zu sein, das durch Gott geschaffen und geschenkt wird. Es ist in der Tat leicht zu bekennen, dass ich an den vorgeschriebenen Tagen nicht gefastet habe, dass ich meine Gebete vergessen habe oder jähzornig gewesen bin. Eine ganz andere Sache ist es je- doch, wenn ich mir unvermittelt eingestehen muss, dass ich Schande auf mich geladen und meine geistliche Schönheit verloren habe, dass ich mich sehr weit von meinem eigentlichen Zuhause, von meinem wahren Leben entfernt habe, und dass ich in dem innersten Gewebe meiner Existenz etwas Kostbares, Schönes und Reines in nicht wiedergutzumachender Weise zerstört habe. Indessen bedeutet dies, und nur dies, die bereuende Umkehr, und deshalb entsteht auch ein tiefgreifendes Verlangen, umzukehren, zurückzugehen und jenes verlorene »Heim« wiederzufinden.

 

Von Gott habe ich wunderbare Reichtümer erhalten: zunächst das Leben und die Möglichkeit, mich dessen zu erfreuen, ihm einen Sinn geben zu können, es mit Liebe und Erkenntnis ausfüllen zu können; dann – in der Taufe – das neue Leben in Christus selbst, die Gabe des Heiligen Geistes, den Frieden und die Freude auf das ewige Königreich. Ich habe die Erkenntnis Gottes erhalten, und in ihm die Erkenntnismöglichkeit einer jeden Sache, und die Kraft, Kind Gottes zu sein. Und dies alles habe ich verloren; dies alles verliere ich ständig, nicht nur in den besonderen »Sünden« und »Übertretungen«, sondern durch die Sünde aller Sünden, indem ich meine Liebe von Gott abwende und das »ferne Land« der Schönheit des Hauses des Vaters vorziehe. Aber die Kirche ist da, um mich daran zu erinnern, was ich aufgegeben und verloren habe. Und während sie mir dies ins Gedächtnis zurückruft, erinnere ich michso wie es das Kontakion dieses Tages ausdrückt:»Fern von der Herrlichkeit des Vaters bin ich in meiner Torheit Fesseln umhergeirrt und habe mit den Sündern die Reichtümer, die Du mir anvertraut hattest, verschwendet. So rufe ich mit dem verlorenen Sohn zu Dir: Barmherziger Vater, ich habe gegen Dich gesündigt. Nimm mich reuigen Sünder wieder auf und nimm mich an wie einen Deiner Tagelöhner ... !« Und während ich mich erinnere, spüre ich in mir das Verlangen und die Kraft zurückzukehren: »... Ich werde mich aufmachen und zu meinem mitfühlenden Vater zurückkehren und werde zu ihm unter Tränen sagen: Nimm mich auf wie einen deiner Diener!«

 

Hier muss man auf eine liturgische Besonderheit dieses Sonntags des Verlorenen Sohnes hinweisen. Während des Morgengottesdienstes des Sonntags, wird nach dem feierlichen und freudigen Gesang des Polyeleos-Psalmes der traurige und sehnsuchtsvolle Psalm 136 gesungen:

 

»An den Flüssen von Babylon saßen wir und weinten, Sions gedenkend... Wie könnten wir dem Herrn ein Lied singen, in einem fremden Land? Sollte ich dich, o Jerusalem, vergessen, soll meine Rechte verdorren! Meine Zunge klebe an meinem Gaumen, wenn ich deiner vergesse, wenn ich nicht Jerusalem über alle meine Freuden stelle ...«

 

Das ist der Psalm des Exils. Die Juden sangen ihn während der babylonischen Gefangenschaft, im Andenken an ihre heilige Stadt Jerusalem. Er wurde seit jeher das Lied desjenigen, der sich seines Verbanntseins in der Gottesferne bewusst und hierdurch zu einem neuen Menschen wurde: zu jemandem, den nichts von dieser gefallenen Welt zufrieden stellen kann, da er seiner Natur und Berufung nach ein Pilger des Allerhöchsten ist. Dieser Psalm wird noch zweimal, an den beiden letzten Sonntagen vor der Fastenzeit gesungen. Und somit offenbart sich die Fastenzeit als Pilgerfahrt und Bereuen, als Umkehr. 

 

 

Samstag, der Tag der Seelen

 

von S.E. Erzbischof Stylianos von Australien

 

Schon von alters her widmete unsere Kirche den Samstag den Seelen. Er ist vorrangig der Tag derer, die entschlafen sind. Und Christen waren immer darauf bedacht, am Samstag mit Gedächtnis-Gottesdiensten und wohltätigen Gaben, nahe bei ihren Toten zu bleiben und Gott um ihre Ruhe und Erlösung zu bitten. Sogar heute noch wird man mehr Leute am Samstag bei den Gräbern finden als an jedem anderen Tag.

 

Aber warum ist der Samstag der Tag der Seelen? Es gibt viele Erklärungen. Die wahrscheinlichste Erklärung, warum der Samstag für die Verstorbenen reserviert wurde, scheint im Wort „Samstag“ zu liegen, das über das Griechische aus dem Hebräischen „Sabbat“ abgeleitet ist und „Ruhe“ bedeutet. An diesem Tag beten wir für die Ruhe der Seelen.

 

Aus dieser Sicht ist es wert sich darüber ein paar Gedanken zu machen, damit wir heutigen Menschen uns wieder an große Wahrheiten bezüglich des Seelensamstags erinnern. Eigentlich gibt es nur zwei Seelensamstage, den Samstag vor dem Sonntag des Fleischverzichts und den anderen am Samstag vor Pfingsten.

 

Doch gilt der Samstag gewöhnlich als Tag für diese grundlegenden und erlösenden Wahrheiten:

 

1. Dass die Welt nicht mit dem was wir sehen und zählen endet, sondern weiter hineinreicht in den Raum des Geistes, der ebenfalls mit uns existiert. Dort wohnen die Seelen unserer geliebten Verstorbenen.

 

2. Dass die Kirche ein immerwährender Austausch ist zwischen jenen ihrer Mitglieder, die noch in der Welt kämpfen und jenen, die schon im Herrn entschlafen sind.

 

3. Dass wir mitten in der Hektik der Arbeit und im Kampf des täglichen Lebens daran denken sollen, dass das natürliche Ende jeder Anstrengung die Ruhe im Herrn ist, denn nichts ist gewisser als der Tod und nichts ist ungewisser als die Stunde des Todes.

 

Quelle: The Orthodox Messenger

 

 

Der dritte Vorfastensonntag

 

Seelensamstag und Sonntag des Fleischverzichtes oder Sonntag vom Jüngsten Gericht

 

Wenn der Menschensohn kommt in seiner Herrlichkeit (Matthäus 25:31)

 

Der Samstag vor dem Sonntag des Jüngsten Gerichts ist besonders dem Gedenken an die verstorbenen Gläubigen gewidmet. Es gibt eine offensichtliche Verbindung zwischen diesem Totengedenken und der Erinnerung an das Jüngste Gericht, das das Hauptthema des Sonntags ist.

 

Wie am vergangenen Sonntag ist Fasten ein zweites Thema in der Liturgie des Tages. Dieser Sonntag wird auch ‚Sonntag des Fleischverzichts’ genannt, denn es ist der letzte Tag an dem das Essen von Fleisch erlaubt ist. Ab dem nächsten Tag, dem Montag, sollte man, wenn man kann, bis Ostern auf Fleisch verzichten. Andererseits ist der Genuss von Milch, Butter und Käse an allen Tagen dieser Woche erlaubt, einschließlich Mittwoch und Freitag. 

 

Während der Liturgie wird ein Abschnitt des ersten Briefes des Apostels Paulus an die Korinther gelesen, in dem der Apostel, zusammengefasst, folgendes sagt: Ob man Fleisch isst oder nicht ist nicht wichtig, aber die Freiheit, die wir haben darf nicht Anstoß erregen oder Hindernis für einen Schwachen sein. Einer, der an den einen Gott glaubt und nicht an die Götzen, kann mit ruhigem Gewissen Götzenopferfleisch essen, aber wenn einer seiner Brüder, der weniger aufgeklärt ist und glaubt, dass das eine Art Beziehung zur Götzenverehrung herstellt, sollte er sich dessen enthalten und das Gewissen der Brüder achten, für die Christus auch gestorben ist. Wenn wir also dem Gedanken des Hl. Paulus folgen, werden wir sorgfältig alles vermeiden, an dem das Gewissen der weniger Starken Anstoß nehmen könnte, auch wenn jemand meint, er habe gute Gründe während der Fastenzeit nicht zu fasten oder nur nach seinen eigenen Regeln. 

 

Das Evangelium während der Liturgie (Matthäus 25: 31-46) beschreibt das Jüngste Gericht. „Wenn der Menschensohn kommt in seiner Herrlichkeit“ mit all den heiligen Engeln, werden sich die Völker vor Seinem Thron versammeln. Er wird die Schafe von den Böcken, das heißt eigentlich die (weißen) Schafe von (schwarzen) Ziegen trennen, die Gerechten zu Seiner Rechten und die Sünder zu Seiner Linken versammeln. Er wird die in das Reich des Vaters eintreten lassen, die Ihm in Seiner menschlichen Gestalt als Armem, zu Essen und Kleidung gegeben und ihn besucht haben. Er wird die vom Himmelreich ausschließen, die das nicht getan haben. Die Beschreibung des Gerichts ist offensichtlich teilweise symbolisch zu verstehen. Wir verurteilen uns selbst, wenn wir freiwillig Gott zurückweisen. Es ist unsere Liebe oder unser Mangel an Liebe, die uns einen Platz unter den "Gesegneten" oder unter den "Zurückgewiesenen" anweist. Auch wenn wir die Einzelheiten des Gerichts nicht so buchstäblich sehen müssen wie sie der Evangelist beschreibt, müssen wir doch sehr sorgfältig dem zuhören, was der Retter über Seine Gegenwart in denen sagt, die leiden, denn nur indem wir ihnen helfen, können wir unserem Herrn Jesus Christus helfen.

 

Die Gebete während der Vesper am Samstagabend und des Morgengottesdienstes am Sonntagmorgen hinterlassen den Eindruck allgemeinen Schreckens angesichts des Gerichts Gottes. Da ist die Rede von offenen Büchern, von furchtbaren Engeln, von Strömen des Feuers und von Zittern vor dem Altar. Das ist alles gut begründet und viele Verse in den Evangelien drängen uns, sich zu bekehren bevor es zu spät ist. Aber diese dunkle Seite, die Finsternis, in die ein hartnäckiger Sünder vielleicht sich zu werfen erwählt, darf uns nicht die Seite des Lichts und der Hoffnung vergessen lassen. In einem Satz aus einem der Vespergesänge findet man diese beiden Aspekte schön vereint: 

 

„Alsdann, o Seele, hält die Zeit ihren Lauf an. Lauf, komm ihr zuvor, rufe in Zuversicht: Gesündigt habe ich, gesündigt wider Dich. Doch kenne ich, Menschenliebender, Dein Erbarmen. O guter Hirt ...“

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church, The Year of Grace of the Lord.

 

 

Predigt zum Sonntag des Jüngsten Gerichtes

 

Der Sonntag und die darauffolgende Woche vor dem Großen Fasten heißt die Woche des Jüngsten Gerichtes (Matthäus 23: 31-46). Am Sonntag des Jüngsten Gerichtes wird uns das Evangeliums vorgelesen, indem uns unser Herr und Erlöser Jesus Christus zu uns über das kommende, jüngste Gericht (Matthäus 25: 31-46) spricht. Nach welchem Gesetz wird uns Christus dann richten? Das Gleichnis des Erlösers antwortet uns: Nach dem Gesetz der Liebe. Wie wir uns zu den Menschen verhalten haben, so wird sich der Herr auch zu uns verhalten: "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan" (Matthäus 25: 40).

 

Predigt von Erzpriester Mihail Rahr - Vorsteher der Russischen Orthodoxen Kirche der Heiligen Apostelgleichen Maria Magdalena in Weimar und Pfarrer der deutsch- sprachigen Gemeinde des Heiligen Gerechten Isidor von Rostov in Berlin...

 

 

Der Sonntag des Letzten Gerichts

 

Der Sonntag des Letzten Gerichts ist der dritte Sonntag einer Periode von drei Wochen vor dem Beginn der Großen Fastenzeit. Während dieser Zeit haben die Gottesdienste begonnen auch Hymnen aus dem Triodion zu übernehmen, einem Liturgiebuch, das die Texte der Gottesdienste vom Sonntag des Zöllners und Pharisäers, dem zehnten Sonntag vor dem Ostersonntag, bis zum Großen und Heiligen Samstag enthält. Heute gilt die Aufmerksamkeit dem zukünftigen Richterspruch für alle, die vor dem Thron Gottes stehen, wenn Christus in all Seiner Herrlichkeit wiederkommt. 

 

Der Sonntag des Letzten Gerichts wird mit einer Göttlichen Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomos begangen, vor der eine Morgenandacht (Orthros) stattfindet. Eine Große Vesper wird schon am Samstagabend davor gefeiert. Die Hymnen des Triodions für diesen Tag werden den üblichen Gebeten und Hymnen des sonntäglichen Gedenkens der Auferstehung Christi hinzugefügt. Der Name des Sonntags bezieht sich auf die Evangeliumsperikope bei der Göttlichen Liturgie.

 

Die Lesungen für den Sonntag des Letzten Gerichts sind: Beim Morgengottesdienst die vorgeschriebene Perikope aus der Laufen Reihe der Auferstehungs-Evangelien; in der Göttlichen Liturgie: 1. Korinther 8: 8-9,2 und Matthäus 25: 31-46.

 

Der Sonntag des Letzten Gerichts ist auch als Sonntag des Fleischverzichts bekannt. Es ist der letzte Tag an dem vor der Großen Fastenzeit noch Fleisch gegessen werden kann. Molkereiprodukte sind an jedem Tag dieser Woche erlaubt, sogar am Mittwoch und Freitag. Der nächste Sonntag ist dann der Sonntag des Käsefastens. Das ist der letzte Tag, an dem vor Beginn der Großen Fastenzeit noch Molkereiprodukte gegessen werden dürfen.

 

Quelle:  hier: Andreasbote (http://lent.goarch.org/judgement/learn/Übersetzung aus dem Englischen: G. Wolf

 

 

Über das Jüngste Gericht

 

Zum Sonntag des Fleischverzichtes

 

Christus beschreibt uns im voraus das Jüngste Gericht durch ein Gleichnis, das Gleichnis von den Schafen und den Böcken: „Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. (Die Welt und der Mensch sind also im Hinblick auf das Reich erschaffen worden.) Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen“(Matthäus 25: 34-36).

 

Das Kriterium, nach dem wir gerichtet werden (schon Jesaja 58: 7 hatte verkündet:„...die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden“), wird also unsere Einstellung gegenüber denen sein, die leiden: In jedem Kranken, in jedem fremden Einwanderer, in jedem im Gefängnis Gehaltenen verbirgt sich Christus. Dies können wir nicht ignorieren; wenn wir indessen für sie Sorge tragen, wird uns Christus am Tag des Gerichts erkennen und uns in sein Reich eintreten lassen: „Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?... Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25: 37- 40).

 

Wir suchen Gott sehr weit und sehr hoch, und er ist da ganz nahe in der Person seines einzigen Sohnes, verborgen in der kleinen alten Frau, die man bedrängt, weil sie sich der Pflege, die man ihr aufzwingen will, widersetzt, verborgen in dem türkischen Hilfsarbeiter, der in der Kanalisation unserer Straßen schuftet und den wir nie an unseren Tisch geladen haben. Sorgen wir, daß der König uns am Tag des Gerichts nicht mit denen, die auf seiner Linken sind, sagt: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! (Man bemerke und lese den heiligen Johannes Chrysostomos, Homilie 79 –, daß dieses Feuer nicht für den Menschen vorbereitet worden ist, sondern für den Teufel und seine Engel, und daß es überdies hier nicht wie für die Gerechten heißt, daß es „seit der Erschaffenheit der Welt“ vorbereitet worden ist: Das Böse gehört nicht zum Plan Gottes.) Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht... Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben“ (Matthäus 25: 41-46).

 

Kind: Wenn es ewige Strafe gibt, wie kannst du von der Liebe Gottes sprechen?

 

Alter: Gott selbst antwortet dir durch den Mund des Evangelisten Johannes: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Johannes 3: 16). Gott will uns also leidenschaftlich vor dem ewigen Tod retten um den Preis des Lebens selbst seines Sohnes. Gott respektiert indessen die Freiheit des Menschen. Er rettet uns nicht gegen unseren Willen, er zwingt uns nicht, ihn zu lieben: „Gott zieht niemals mit Macht, mit Gewalt an. Er wünscht das Heil aller, aber zwingt niemanden“ (heiliger Johannes Chrysostomos). Er bietet uns das Leben nah bei sich an. – „Wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden“ (Römer 8: 17), – aber wenn wir es nicht wollen, haben wir die schreckliche Macht, uns vom Leben zu entfernen und den Tod zu wählen, diesen Tod, den der heilige Johannes in der Offenbarung „den zweiten Tod“ und den Matthäus „die ewige Strafe“ nennt.

 

Auf diese Weise treffen wir jeden Augenblick die Wahl, wer uns richtet, weil sie uns schon jetzt „vom Tod in das Leben“ hinübergehen lassen kann und sie uns schon jetzt als „Kinder Gottes“ oder „Kinder des Teufels“ (1. Johannes 3: 10) „enthüllt“: „Wir wissen, daß wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod“ (1. Johannes 3: 14). Vom Hass zur Liebe übergehen, das ist vom Tod zum Leben übergehen, das ist in gewisser Weise dem Gericht zuvorkommen. „Der Himmel auf der Erde, das ist die Eucharistie und die Liebe zum Nächsten“, sagt uns Johannes Chrysostomos.

 

Es ist einfach, von der Liebe zu unseren Feinden zu sprechen; es ist viel schwieriger, sie zu lieben: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, son- dern in Tat und Wahrheit“ (1. Johannes 3: 18).

 

Kind: Es gibt Leute, die mir lästig sind und mir mißfallen; wenn ich sie nicht ausstehen kann, wie kann ich sie lieben? Wenn ich so tue, als ob ich sie liebe, wäre das nicht heuchlerisch?

 

Alter: Wenn du den Geschmack eines Glases Wasser verändern willst, mußt du Wein hineingießen; wenn du die Qualität deines Herzens verändern willst, damit „dein Herz aus Stein ein Herz aus Fleisch wird“, mußt du dort etwas hineinnehmen, was dort fehlt. Der heilige Johannes offenbart uns, „Gott ist die Liebe“ (1. Johannes 4: 16), und„die Liebe ist aus Gott“ (1. Johannes 4: 7). Um unsere Feinde zu lieben, oder ganz einfach die lästigen Menschen, muß man also die Liebe dessen empfangen, der die Liebe ist. Man muß ihn mit Vertrauen, mit Glauben bitten. Es ist der Glaube, der uns die Liebe öffnet: „Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen“ (1. Johannes 4: 16). „Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, daß Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben“ (1. Johannes 4: 9). „Wer bekennt, daß Jesus der Sohn Got- tes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott“ (1. Johannes 4: 15): Indem wir an Jesus Christus glauben, entdecken wir, daß Gott uns so sehr geliebt hat, „daß er seinen einzigen Sohn hingab“ (Johannes 3: 16) ... und wenn wir uns geliebt entdecken, beginnen auch wir zu lieben: „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Johannes 4: 19).

 

Wenn uns der Glaube für die Liebe geöffnet hat, ist auch das Umgekehrte wahr: Die Liebe öffnet uns für den Glauben, denn indem wir lieben, entdecken wir Gott. „Jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe“ (1.Johannes 4: 7-8).

 

Glauben und lieben sind eins: Hier ist sein Gebot: Mit Glauben an seinem Sohn Jesus Christus haften und uns gegenseitig lieben. Dann gilt, daß wir „von Gott stammen“.„Wir wissen: Wer von Gott stammt, sündigt nicht, sondern der von Gott Gezeugte [d. h. der Sohn, Jesus Christus] bewahrt ihn, und der Böse tastet ihn nicht an“ (1. Johannes 5: 18). „Er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen“ (Johannes 5: 24). Lieben, das ist also genau das Gericht vorwegnehmen.

 

Quelle: Dieu est vivant.  Catéchèse orthodoxe

 

 

 

 

 

Wenn Du kommst, um ein gerecht Gericht zu halten, gerechtester Richter, lässt Du Dich nieder auf dem Throne Deiner Herrlichkeit; dann wirft ein Flammenstrom vor Deinem Richterstuhl sie alle nieder, da der Himmel Mächte vor Dir erscheinen und alle Menschen gerichtet werden nach ihren Taten. Dann schone uns und mach uns würdig, Christus, in Deiner Güte Teil der Geretteten zu sein, die wir im Glauben zu Dir flehen.

Die Bücher werden aufgeschlagen und offenbar die Taten der Menschen vor dem Ehrfurcht gebietenden Richterstuhl. Die ganze Schlucht wird widerhallen vom schrecklichen Klagen, wenn sie alle, die gesündigt, durch Dein gerechtes Urteil in ewige Qualen stürzen und das Nichtgeschehene beweinen, Erbarmer. Darum flehen wir, Guter, Dich an, schone uns, die Dir lobsingen, Der Du allein reich bist an Erbarmung.

Es ertönen die Posaunen und es öffnen sich die Gräber, und mit Beben erhebt sich aus ihnen jede menschliche Kreatur. Die Rühmliches vollbrachten, jubeln in der Hoffnung den Lohn zu empfangen. Unter schrecklichem Wehgeschrei erbeben, die gesündigt, wenn sie in die Pein geschleudert und geschieden werden von den Auserwählten. Herr der Herrlichkeit, erbarme Dich unser in Deiner Güte und mach uns würdig Teil derer zu sein, die Dich geliebt.

Weinen muss ich und klagen, wenn ich schaue das ewige Feuer und die tiefe Finsternis der Unterwelt, des nagenden Wurms des Gewissens gedenke und des ewigen Wehs, das kommen wird über die, die maßlos gestrauchelt, und Dich, die unendliche Güte, in böser Absicht zum Zorne gereizt, deren Einer und Erster ich bin, ich Armer. Doch, Richter, errette mich durch Deine Gnade; denn Du bist voll Erbarmen.

 

Aus der Vesper des Sonntags von Letzten Gericht

 

 

 

 

Maslenitza – die Vorbotin der Großen Fastenzeit

 

von Erzpriester Michael Rahr

 

Die Heilige Kirche bereitet ihre Gläubigen schon vier Wochen vor dem Beginn des Großen Fastens auf diese besondere Zeit vor. Die letzte Vorbereitungswoche wird im Volksmund Масленица („Maslenitza“ = Butterwoche) genannt, weil nach dem Sonntag des Fleischverzichts Milch- und Eierprodukte erlaubt sind, und zwar auch am Mittwoch und Freitag, welche sonst das ganze Jahr über ebenfalls als Fastentage in der Orthodoxen Kirche gelten. Ebenfalls erlaubt sind Fisch und Wein (unter letztere Kategorie fallen alle alkoholischen Getränke, also auch Wodka), die während der Fastenzeit nicht erlaubt sind. Nur auf Fleisch, Wurst und Gefügel wird schon eine Woche vor Beginn der eigentlichen Fastenzeit verzichtet. Ferner werden keine Hochzeiten mehr in der Vorwoche der Großen Fastenzeit gefeiert.

 

 

 

Die Maslenitza wird oftmals fälschlicherweise als orthodoxes Pendant zum westlichen Karneval angesehen. Dabei liegt der Sinn der „Butterwoche“ gerade nicht in Schlemmerei und Ausgelassenheit vor Beginn der Fastenzeit, sondern in der allmählichen Abgewöhnung von schmackhaften und üppigen Speisen sowie im angenehmen, von leidvollen Begleiterscheinungen befreiten Übergang zur Enthaltsamkeit. Der heilige Tichon von Zadonsk (+1783) nennt diese Vorbereitungswoche „Vortür und Beginn des Fastens“ und ermahnt alle rechtgläubigen Christen, diese Woche besinnlich und bußfertig zu begehen, anstatt durch Schlemmerorgien in die Zeit des Heidentums zurückzufallen. Wer diese Zeit der kirchlichen Enthaltsamkeit in Völlerei verbringt, verweigert seiner Mutter-Kirche den Gehorsam und entfernt sich somit von Christus. Der heilige Tichon beklagt diese Uneinsichtigkeit vieler seiner Zeitgenossen: „Sie (die Kirche) vermacht uns in diesen Tagen verstärkt andächtig zu sein – diese jedoch verfallen noch mehr der Zügellosigkeit; sie gebietet Enthaltsamkeit – diese jedoch frönen der Ausschweifung; sie befiehlt Leib und Seele zu reinigen – diese jedoch schänden sie noch mehr; sie verlangt Reue für begangene Sünden – diese jedoch vermehren nur ihre Gesetzlosigkeit; sie ermahnt dazu, Gott zu besänftigen – diese jedoch zürnen den Allerhöchsten; sie legt das Fasten auf – diese jedoch geben sich der Fress- und Trunksucht hin; sie bietet die Buße an – diese jedoch toben in verstärktem Maße herum“.

 

Am deutlichsten wird die strenge, aber liebevolle Fürsorge der Heiligen Kirche um das Seelenheil ihrer Kinder in den Gottesdiensten ausgedrückt: Erstmals wird das Gebet des heiligen Ephrem des Syrers (373-379), das den orthodoxen Christen die ganze Fastenzeit über zu Hause und in der Kirche begleitet, am Mittwoch und am Freitag der Maslenitza gelesen:

 

„Herr und Gebieter meines Lebens, verleih mir nicht den Geist des Müßiggangs, des Verzagens, der Herrschsucht und der Geschwätzigkeit! 

 

Verleih mir, Deinem Knecht, vielmehr den Geist der Keuschheit, der Demütigkeit, der Duldsamkeit und der Liebe! 

 

Ja, Herr und König, gewähre mir, meine Verfehlungen zu sehen, und nicht meinen Bruder zu verurteilen, denn Du bist gelobt in alle Ewigkeit. Amen.“

 

Bei den Russen ist es gebräuchlich, während der Maslenitza Blinij (russische Eier- bzw. Pfannkuchen) zu essen. Als „Beilagen“ verwendet man üblicherweise Fisch (vorzugsweise Heringshappen) oder Kaviar, Schmand, alle Sorten von Käse, Quark sowie Eierwürfel in geschmolzener Butter. Zum Dessert gibt es milch- und eierhaltige Süßspeisen. Selbstverständlich darf bei solch reichhaltiger Nahrung der Wodka nicht fehlen. Dies ist die Zeit, wo man durchaus noch in geselliger Runde miteinander speisen darf – nur ohne Exzesse. Selbst in den strengsten Klöstern und Einsiedeleien aus frühchristlicher Zeit speiste man in der Vorbereitungswoche gemeinsam, bat sich gegenseitig um Vergebung und entfernte sich für die Zeit des Großen Fastens in die Wüste oder verbrachte diese vierzig Tage in Klausur. Im Alten Russland wurden mit Beginn der eigentlichen Fastenzeit alle öffentlichen Vergnügungen eingestellt und erst wieder nach Ostern wieder aufgenommen.

 

Bei aller Liebe zu Tradition und Brauchtum, hat diese Woche nichts mit Folklore zu tun. Für den Christen ist diese Woche, dem Handbuch des orthodoxen Geistlichen zufolge, einzig und allein „leuchtender Vorweg der Fastenzeit“ und „Beginn der frommen Ergriffenheit und der Buße“.

 

 

Eine Betrachtung zum Sonntag der Vergebung

 

Nun beginnt die Große Fastenzeit. Die Wochen der Vorbereitung sind zu Ende. Die allmähliche Verminderung von Menge und Art der Nahrung ist nun vollzogen. Die Kirche hat in der Nacht zum ‚Sonntag der Vergebung’ die Tücher in Weiß und Gold feierlich entfernt und durch dunklen Purpur ersetzt: die gewohnten Gewänder der Freude werden ausgetauscht gegen das Gewand der Buße. Und so schaut ihr Volk, kniend und im Staube liegend, auf Ostern, auf das große Fest des Lichtes, zum ersten Mal der ganzen Härte der Fastenregeln unterworfen.

 

Aufgestrahlt ist Deine Gnade, Herr, aufgestrahlt die Erleuchtung unserer Seelen. Seht, die Gott wohlgefällige Zeit ist da. Seht, es ist da die Zeit der Umkehr. Lasset uns ablegen die Werke der Finsternis, uns bekleiden mit des Lichtes Waffen, dass wir, des Fastens großes Meer durchfahrend, gelangen zu der Auferstehung am dritten Tag unsres Herrn und Erlösers Jesus Christus, des Retters unserer Seelen.

 

1. Apostichon zur Vesper am Abend des Sonntags der Entsagung der Michspeisen.

 

Der Sonntag der Vergebung steht, wie andere geschrieben haben, an der ‚Schwelle der Großen Fastenzeit’. Die Vesper am Abend ist für viele ein wichtiger Zeitpunkt: ein Gebet im Dunkel, durch das ihre ganze Lebensweise wie durch eine große Welle in das ‚Meer des Fastens’ gespült wird. Schon sind vier Wochen der Vorbereitung auf diesen Augenblick vorbei, aber dieser Sonntag ist der tatsächliche Zugang zur Fastenzeit, die Schwelle, hinter der das Höchstmaß an Askese beginnt, das die Kirche ihren Gläubigen in der ganzen Welt zumisst.

 

Und wie werden die Gläubigen auf diese Zeit des Fastens eingestimmt? Wir haben diesen Tag schon den ‚Sonntag der Vergebung’ genannt, und unter diesem Namen ist er auch am Besten bekannt. Aber dieser Name ist eine Abkürzung, hier wird nur einer der Aspekte betont, derer an diesem Tage gedacht wird. Es gibt noch ein anderes Thema und zwar eines, dem in der Hymnographie zum Tage wesentlich mehr Platz eingeräumt wird: die Vertreibung Adams aus dem Paradies. An der Schwelle der Fastenzeit stehend, singen wir von ihm, der vor den Toren des Gartens Eden stand. Da wir uns bereit machen in die Zeit der Vorbereitung einzutreten, gedenken wir dessen, der aus dem ursprünglichen Paradies hinausgeworfen wurde. Es ist der Sonntag der Vergebung, aber es ist auch der Sonntag der Vertreibung.

 

Vor dem Paradiese saß Adam, jammernd die eigene Blöße beklagend. Weh’ mir, durch schlimmen Betrug ward ich beredet und beraubt und der Herrlichkeit entrückt. Weh’ mir, durch meine Einfalt bin ich nackt und nun in Not! O Paradies, nie mehr werd’ ich deine Wonnen kosten, nie mehr schauen den Herrn, meinen Gott und Bildner. Denn ich kehre zur Erde zurück, aus der ich ward entnommen. Mitleidiger und Barmherziger, zu Dir ruf’ ich: Erbarme Dich dessen, der gefehlt.

 

Stichiron Doxastikon der Vesper am Samstag vor dem Sonntag der Entsagung der Milchspeisen.

 

Die Szene, die die Hymnen des Tages ausmalen, ist von großem Leid erfüllt. Adam sitzt weinend vor den ihm nun verschlossenen Toren des Gartens Eden – aus Entsetzen vor seinem Elend kann er nicht einmal mehr stehen – und bejammert den Verlust dieser Gabe Gottes. Erst in diesem Augenblick, da er aus dem Garten verstoßen und durch das Wort Gottes gezüchtigt wurde, wird er sich bewusst wie schwer seine Missetaten wiegen und wie ernst seine Lage ist. „O Paradies, nie mehr werd’ ich deine Wonnen kosten, nie mehr schauen den Herrn, meinen Gott und Bildner.“ Da nun die Große Fastenzeit beginnt, werden wir in einer Sprache, die direkter und stärker ist als in den vorhergehenden Wochen der Vorbereitung, an den Ernst unserer adamitischen Verfassung erinnert.

 

Verstoßen ward Adam vom Paradies, weil er gekostet vom Baum. Darum auch saß er davor und klagte jammernd mit mitleiderregender Stimme und sprach: ‚Weh’ mir, was für Leid muss ich erdulden! Ich übertrat nur ein Gebot des Gebieters und bin nun aller Gnaden beraubt. O gesegnetes Paradies, meinetwegen wardst du gepflanzt und Evas wegen wurdest du geschlossen, flehe zu Ihm, der dich machte, mich formte, dass der Anblick deiner Blumen mich wieder erfreue.’ Darum sprach zu ihm der Erlöser: ‚Ich will nicht, den ich formte, verderben, sondern will seine Rettung, und dass er zur Erkenntnis der Wahrheit gelange; wenn er zu mir kommt, wird’ ich ihn nicht verstoßen.

 

Apostichon zur Vesper am Samstag vor dem Sonntag der Entsagung der Milchspeisen.

 

Zwei Dinge sollten uns in diesem besonderen Hymnus auffallen: erstens die Tiefe der Klage des Adam mit seiner Anerkennung der Tatsache, dass die Schöpfung ‚meinetwegen’ geschah und ihr Verlust eintrat, weil ‚ich übertrat’; und zweitens, die Antwort des Erlösers. Das Paradies, aus dem Adam vertrieben wurde wird nicht herabgesetzt – er versucht nicht die Herrlichkeit seiner ihm nun unzugänglichen Heimat zu schmälern, um die Schuld, die er wegen des Verlustes fühlt, leichter tragen zu können. Es war die Wiege jeglicher Gnade, in die der liebende Vater sein geliebtes Kind gelegt hatte, wo sogar die Blumen Grund zur Freude waren. Nichts weniger als das war das Geschenk, das durch die Übertretung des Willens Gottes weggeworfen wurde. Aber was auch auffällt, sind die Worte, die der Erlöser als Antwort auf die mitleiderregenden Rufe des Adam spricht: "Ich will nicht, den ich formte, verderben, sondern will seine Rettung, und dass er zur Erkenntnis der Wahrheit gelange; wenn er zu mir kommt, wird’ ich ihn nicht verstoßen."

 

"Ich werde ihn nicht verstoßen." Die Worte Gottes in diesem Augenblick der uranfänglichen Züchtigung, sind bereits die Worte der Erlösung. Sie sind Worte des Zurufs, des Lockens, der Versöhnung. Aber es sind auch Worte der Weisung: ‚wenn er zu mir kommt ...’ Gott nimmt nicht den gefallenen Adam und setzt ihn auf magische Weise mit einem göttlichen ‚fiat’ – das wenig zum langfristigen Wohlbefinden der Menschheit beitragen würde – wieder in seinen Garten, dessen Tore Adam selbst verschlossen hat. Er weiß, dass es in Wirklichkeit Adams Herz ist, das viel dringender geheilt werden muss, das abgebracht werden muss vom Wunsch nach Eigenem zu streben und zurückgebracht werden muss zum Wunsch nach dem Herzen Gottes Selbst. Und deswegen flüstert der Erlöser dem weinenden Adam ins Ohr: "wenn du zu mir kommst, wird’ ich dich nicht verstoßen."

 

In der feststehenden Tradition des Triodions machen die nächsten Worte des Textes klar, dass des Erlösers Verfügung nicht allein an den historischen Adam gerichtet ist, sondern an jeden von uns als Mitglied des Menschengeschlechts, dem Er vorsteht.

 

Wohlan, meine arme Seele, deiner früheren Nacktheit in Eden gedenkend, beweine heute deine Taten, durch welche du nun von den Wonnen und der nicht endenden Freude verstoßen wardst.

 

Tropar in der 1. Ode aus dem Kanon des Sonntags der Entsagung der Milchspeisen.

 

Die vorbereitenden Wochen sind vergangen – die Sonntage des Zöllners und Pharisäers, des Verlorenen Sohnes, des Letzten Gerichts – die uns allmählich mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, dass die Erzählungen von Sünde, Sündenfall, Buße und Gericht in die erste Person gesetzt gehören; und heute, ob wir nun dafür bereit sind oder nicht, wird die geheiligte Geschichte von Adam, und werden unsere eigenen persönlichen Geschichten, zusammengebracht, um in einer gemeinsamen Geschichte vereinigt zu werden.

 

Mein Bildner, der Herr, nahm Erdenstaub und hat mich beseelt und erweckt mit belebendem Hauch und mich als Herrscher alles Sichtbaren auf Erden geehrt, der mit den Engeln zusammenlebt. Doch Satan, der Schlaue, verlockte mich mit Hilfe der Schlange durch die Speise und trennte mich von Gottes Herrlichkeit, und durch den tiefsten Tod überließ er mich der Erde. Doch Du bist der Herr, voll Erbarmen, so ruf’ mich denn wieder zurück.

 

Stichiron der Vesper am Samstag vor dem Sonntag der Entsagung der Milchspeisen.

 

Dies ist keine Erzählung in der dritten Person mehr. Ich kann nicht länger, vor den königlichen Türen der Ikonostase stehend, Unschuld vortäuschen, während eine Geschichte ‚es war einmal an einem fernen Ort’ vorgetragen wird. Die Große Fastenzeit beginnt nun, und wie der persönliche Ton der Hymnen bekennt, wird dies mein Fasten, meine Verbannung, meineRückkehr sein. Soll heute auch der Tag meiner Vertreibung sein?

 

Verstoßen wurde Adam aus des Paradieses Wonne ob der bitteren Speise. Denn unbeherrscht hat er des Herrn Gebot missachtet, und wurd’ verdammt, die Erde zu bebauen, aus der er selbst genommen, und im Schweiße sein Brot zu essen. Drum lasst nach Enthaltsamkeit uns trachten, damit wir nicht wie jener draußen vor dem Paradiese zu klagen brauchen, sondern es betreten dürfen.

 

Troparion in der 3. Ode aus dem Kanon im Morgengottesdienst am Sonntag der Entsagung der Milchspeisen.

 

Mitten in all den düsteren Überlegungen von Gericht und Vertreibung gibt es eine stille Hoffnung, die in den Hymnen dieses Tages reichlich vorhanden ist. Ich stehe neben Adam, ich bin an Adam gefesselt, ich kann nicht aus eigener Kraft der Verfassung des Adam entkommen. Aber durch die Kirche brauche ich nicht allein das ganze Leid des Adam zu tragen. „Lasst nach Enthaltsamkeit uns trachten, damit wir nicht wie jener draußen vor dem Paradiese zu klagen brauchen, sondern es betreten dürfen.“ Das ‚Meer des Fastens’ ist nicht einfach ein Ozean, in den wir geworfen werden und durch den wir uns kämpfen müssen um zu überleben: Die Große Fastenzeit ist auch ein Ankerplatz, ein sicherer Hafen, in dem wir unsere Buße in der Sicherheit auf die göttliche Gnade und das zärtliche Mitleid erleiden dürfen. So also flehen wir zum Herrn: 

 

Gott aller, Herr des Erbarmens, schau huldvoll auf meine Demut. Und vertreib’ mich nicht wieder aus dem göttlichen Eden, damit ich, schauend die Schönheit, aus der ich gefallen, mich mühe, mit Tränen zurückzuerlangen, was ich verlor.

 

Troparion in der 9. Ode aus dem Kanon im Morgengottesdienst am Sonntag der Entsagung der Milchspeisen.

 

In diesem Kontext erhalten die Hymnen zum Beginn der Großen Fastenzeit ihre volle Bedeutung. Wir werden aufgerufen das Leben des Adam zu betrachten, unser Leben zu betrachten, und uns bewusst zu werden, dass sie eines sind. Und dann werden wir ermahnt unsere Art zu leben, zu denken und zu handeln zu ändern (dies ist die wahre Bedeutung von metanoia, Umkehr) im vollen Umfang unseres Lebens in Christus. Durch die Erzählung unserer Sünde, unseres Falles, unseres Verlustes werden wir vor ein Tribunal der Veränderung gebracht, in dem unsere größte Hilfe der inkarnierte und auferstandene Sohn Gottes Selbst ist.

 

Das Stadion der Tugenden ist geöffnet. Die ihr euch bewähren wollt, tretet ein, macht euch bereit zum edlen Wettstreit des Fastens. Denn die redlich kämpfen werden geziemend bekränzt. Die anlegen die Rüstung des Kreuzes und dem Feind gegenübertreten, halten ihm den Glauben wie eine unzerstörbare Schanze entgegen, wie einen Harnisch das Gebet, wie einen Helm die gute Tat; statt des Schwertes ergreift das Fasten, das jegliche Bosheit aus dem Herzen schneidet. Wer also handelt, der erlangt den wahren Siegeskranz vom Allherrscher Christus am Tag des Gerichtes.

 

Stichiron aus den Ainoi im Morgengottesdienst am Sonntag der Entsagung der Milchspeisen.

 

"Ergreift das Fasten, das jegliche Bosheit aus dem Herzen schneidet." Der Eintritt in die Große Fastenzeit ist wie der Zugang zum geistlichen und körperlichen Kampf, den jeder von uns kämpfen muss auf der Reise zum Reich Gottes. Und obwohl es eine Schlacht ist, die jeder für sich kämpfen muss, sind wir doch nicht allein gelassen. Als unsichtbare Schanze haben wir den Glauben – die Wahrheit Gottes offenbart in Seinem Sohn und in der Ordnung von Raum und Zeit, lebendig eingebettet in unsere Herzen durch die Erleuchtung der Taufe. Und als sichtbare Schanze haben wir die Kirche, obwohl auch in ihr sich die Realität des Unsichtbaren zeigt. Wir kämpfen uns durch zur Auferstehung, zum Pascha, innerhalb der Gemeinschaft aller Gläubigen aus Vergangenheit und Gegenwart. Wir stehen mitten unter unseren Nachbarn in diesem Stadion und schlagen die Schlacht. Die Große Fastenzeit ermahnt uns, gemeinschaftlich als große Familie der Menschheit, als die vereinten Kinder des Einen Gottes, vor den Toren des Paradieses zu stehen. 

 

Und nun: Vergebung. Bevor wir die Schwelle überschreiten und in das ‚Stadion der Tugenden’ treten, werden wir daran erinnert, dass es keine wahre Gemeinschaft zusammen mit Hass, Wut und Groll geben kann. Wir werden an der Schwelle zum Fasten aufgerufen, das zu tun, was uns Christus immer gebietet: einander in Liebe zu vergeben, bevor wir unser Opfer in Seinem Tempel darbringen. 

 

Oft wenn ich Lobgesänge vollziehe, fühle ich mich von Sünde erfüllt, denn ich singe Hymnen mit dem Mund, aber meine Seele hegt böse Gedanken. Beide rücke zurecht, Christus Gott, durch die Buße und sei barmherzig mir.

 

Stichiron Katanyktikon vom Sonntag Abend.

 

Der erste Schritt in unserer Reise durch die Fastenzeit muss die gegenseitige Vergebung sein, die Versöhnung untereinander in der heiligen Gemeinschaft, in der wir wachsen und zusammen vorwärts kommen. Wenn wir die Zeit der inneren Buße beginnen ohne den Akt der brüderlichen Buße, dann werden wir uns sicherlich "von Sünde erfüllt" fühlen, während wir "Hymnen mit dem Mund’ singen." Die Tore des Paradieses werden um so fester verschlossen sein.

 

Aber wenn dieser Augenblick der gegenseitigen Vergebung vollendet und in unserem Leben verwirklicht ist, dann sind wir wirklich ausgerüstet, als Einzelne und als Gemeinschaft, den Kampf vor uns würdig zu kämpfen. Wir werden nicht allein im Stadion sein, sondern als einige Kirche werden wir zusammenstehen im Wettstreit, der uns zum Glanz der Auferstehung am dritten Tage führen wird. Aus dieser Gemeinschaft werden wir in uns selbst die echte Stimme unserer wirklichen Individualität finden und unsere Worte mit denen des Hymnographen verbinden können:

 

Wenn ich gedenke meiner Taten, die jede Strafe verdienen, verzweifle ich an mir, o Herr. Denn, siehe, ich habe Deine kostbaren Gebote missachtet und mein Leben als Verlorener verschwendet. Deshalb flehe ich zu Dir, reinige mich mit den Wassern der Buße, und durch Gebet und Fasten als Allein Barmherziger erleuchte mich. Verabscheue mich nicht, Du Wohltäter Aller und Allgütiger.

 

Stichiron zum Lychnikon am Sonntagabend der Entsagung der Milchspeisen.

 

Quelle Andreasbote 2/2004

 

 

Gedanken zur Vesper der Vergebung

 

„Die Zeit der Fasten lasst uns freudig beginnen“, singt die Kirche heute Abend in der Vesper der Vergebung. Die Fastenzeit soll eine Zeit der Freude sein, denn die Reinheit, die Befreiung von allen Belastungen, die Freiheit von Abhängigkeiten ist etwas Gutes. Natürlich sollen wir auch die Leidenschaften bekämpfen, wir sollen verzichten, wir sollen fasten. Aber der Sinn ist die Freiheit unserer Seele und das Ziel ist das leuchtende Pascha. Das sollen wir im Blick haben, wenn wir über das Fasten reden. So sagt es auch die heutige Evangeliumslesung. Wenn wir fasten, sollen wir nicht trübselig sein und vor allem nicht hochmütig und stolz. Im Verborgenen sollen wir unsere Leidenschaften bekämpfen und nach außen hin christliche Freude zeigen. Wir sollen uns waschen, sagt der Herr. Tatsächlich nennen wir den morgigen Tag "Reinen Montag". Nicht nur äußerlich und körperlich sauber sollen wir die Fastenzeit beginnen, sondern vor allem innerlich. Deshalb sollen wir auch einander verzeihen, damit uns nichts belastet in dieser Zeit der Vorbereitung auf das leuchtende Pascha. Der Herr selbst sagt es uns: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird auch euer himmlischer Vater euch vergeben.“(Matthäus 6.14). An anderer Stelle sagt uns der Herr: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und du dich erinnerst, das dein Bruder etwas gegen dich hat, lass deine Opfergabe dort auf dem Altar und geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe“ (Matthäus 5: 23-24) In dieser Gesinnung sollen wir die Zeit der 40 Tage beginnen und das Fasten halten, damit es Frucht bringt für uns und für die anderen um uns herum. Natürlich hat die Kirche auch Regeln aufgestellt, wie wir fasten sollen. Diese kennen wir und beachten wir „kat akreibian“, also genau, oder „kat oikonomian“, also mit gewissen Anpassungen, wie sie mit uns unser Geistlicher Vater in der Beichte bespricht. Aber das Entscheidende, so sagt es uns der Herr im Evangelium, ist die innere Haltung: Die Haltung der Freude über die gewonnene Freiheit, die Befreiung von den Sünden durch die gegenseitige Verzeihung vor unseren Mitmenschen und die Vergebung unserer Sünden durch Gott; und dann die Freiheit von unseren Lastern und Leidenschaften, von denen wir uns durch das Fasten befreien. Dann werden wir auch gemeinsam mit großer Freude das leuchtende Pascha feiern.

Quelle: Andreasbote 01/ 2006

 

 

Über die Vergebung

 

S. E. Metropolit Anthony von Suroš

 

Zunächst: Verzeihen bedeutet nicht Vergessen; beides ist sogar im Grunde un- vereinbar miteinander. Wenn mir jemand ein Unrecht zugefügt hat, das ich vergebe und vergesse, dann sind wir beide in Gefahr, dass das gleiche sich wiederholt, denn einerseits entsteht und vergeht die Verzeihung auf der Stelle: sie ist nichts Beständiges und auf die Zukunft hin Ausgerichtetes. Etwas Vergangenes ist an eine Grenze gelangt, die es nicht überschreitet; die Zukunft ist ohne Erfahrung aus der Vergangenheit. Andererseits, wenn ich vergesse, vergesse ich zweierlei: wohl vergesse ich das Unrecht, das mir angetan wurde, gleichzeitig aber auch den Grund, aus dem es mir zugefügt wurde, und ich kann den Betreffenden niemals vor der Versuchung bewahren, in die gleiche Situation zurück zu verfallen.

 

Man muss sich erinnern, dass dieser Mitmensch, sobald er in jene bestimmte Lage versetzt wird, diese bestimmte Schwierigkeit hat; folglich darf man ihn nicht wieder in dieselbe Lage bringen; man muss die zurückbleibende Schwäche erkennen. Darum ist es so wichtig, sich zu erinnern, denn das ist die einzige Möglichkeit das Verzeihen fortzusetzen. „Ich habe dir deine ungeduldige Handlung verziehen, aber ich habe dadurch entdeckt, dass diese bestimmte Äußerung, jene Geste, diese besondere Situation sie hervorrufen können.“ Es gilt, den andern vor diesen Situationen zu bewahren, solange, bis man ihm geholfen hat die notwendige Kraft zu gewinnen, die Spannung zu überwinden. Andernfalls stoßen wir unsere Mitmenschen ständig neu in Situationen hinein, wo sie unfehlbar auf die gleiche Weise reagieren werden, wie sie das Problem hervorrief.

 

Außerdem ist das Verzeihen eine besondere Weise, einen anderen Menschen anzunehmen. Das beginnt in dem Augenblick in dem man sagt: „Ich nehme dich an, so wie du bist. So wie du bist trage ich dich, wie man ein Kind über eine schwierige Stelle hinwegträgt oder wie man ein Kreuz trägt, aber ich weise dich nicht zurück. Zu sagen, dass ich dich annehme, so wie du bist, heißt keineswegs, dass du bist wie du sein solltest.“

 

Nur wenn man einen Menschen so annimmt, wie er ist, kann man ihm helfen sich zu ändern. Aber man darf nicht zuerst fordern, er müsse sich ändern, um ihm zu versprechen, hernach werde man ihn lieben. Im Russischen sagt man: „Liebe mich schwarz, wenn ich erst weiß bin, werden alle mich lieben.“ Es gibt nur Probleme wo der Mensch sie schafft. Ein Mensch aber, der Probleme schafft, muss so sehr geliebt werden, dass er im Vertrauen den Glauben an sich selber wiederfinden kann, die Selbstachtung und jene schöpferische Hoffnung, die ihm ermöglichen wird, sich zu ändern.

 

Folglich übernimmt man mit dem Verzeihen die Verantwortung für einen Menschen, so wie er ist, mit der Hoffnung auf die Zukunft, jedoch ohne Bedingungen zu stellen! Man verzeiht nicht unter Bedingungen. Es geht nicht an, einem Menschen „mit Bewährungsfrist“ zu verzeihen. Das zeigt sich sehr deutlich im Gleichnis vom Verlorenen Sohn. Der Vater fordert nichts; ihm genügt es, den Sohn wiedergekehrt zu sehen, um zu wissen, dass er die Umkehr vollzogen hat, dass er verändert zurückqekehrt ist. Verändert bedeutet ganz und gar nicht vollkommen. Er mag sich verändert haben und dennoch für eine lange Zeit für die Familie schwer erträglich geworden sein. Dem Vater genügt es, dass sein Sohn wiedergekehrt ist; was noch zu tun bleibt, kann man gemeinsam überwinden.

 

Das Verzeihen enthält vielerlei Elemente. Zuerst muss einer kommen und um Verzeihung bitten oder doch wenigstens einen Schritt in diese Richtung tun; es ist nicht schwer, zu verzeihen, wenn man glaubt, im Recht zu sein; es ist auch nicht schwer, einen Schritt entgegen zu kommen, wenn man im Recht ist oder sich im Recht wähnt. Darum muss derjenige, der im Recht zu sein glaubt, den ersten Schritt tun. Eine Gebärde, ein unmerklicher Hinweis, dass eine Aussöhnung erwünscht wäre, muss genügen, diesen Schritt zwingend zu machen. Dann aber muss ein solcher Versuch zur Versöhnung bedingungslos angenommen werden, denn ein Mensch kann sich nur ändern im Maße der Hoffnung, die wir in ihn setzen, im Maße der Liebe, die wir ihm zu geben vermögen und im Maß unseres Glaubens an ihn.

 

In einer Gemeinschaft stellt sich das Problem anders. Die Tatsache, dass ein Mensch Mitglied einer Gemeinschaft ist, kann ein Problem bedeuten, nicht nur für ei- nen Einzelnen, sondern für eine ganze Gemeinschaft. Dann muss die Gemeinschaft zu der zugleich kranken und heilenden Gemeinschaft der Kirche werden: krank, weil jeder von uns ein Sünder ist und wir alle eine zutiefst beschädigte Gemeinschaft sind; den- noch aber auch eine Gemeinschaft, die fähig ist Gesundheit zu vermitteln, zu heilen, das ewige Leben mitzuteilen. Denn keine christliche Gemeinschaft besteht nur aus ihren sichtbaren Gliedern: Christus ist in ihrer Mitte, der Heilige Geist ist ihr gegeben, und ob es die Kirche in ihrer Gesamtheit oder eine kleine Kirchengemeinde ist – in der Gemeinschaft sind Gott und Mensch gänzlich für einander gegenwärtig, und wir können in Gott die Kraft finden, die wir als Menschen nicht besitzen.

 

Unrecht nicht völlig zu vergessen ermöglicht eine Erfahrung, die wie wenig andere den Weg zur Demut freilegt. Die Erfahrung, geliebt zu werden in vollem Bewusst- sein dessen wie wir sind – nicht trotzdem, oder weil man nicht wüsste, wie wir sind – ist ein sehr herrliches Geschenk, das Anlass zu Dankbarkeit und Demut wird und das aus unserem Leben ein demütiges Voranschreiten im Gebet macht. Doch muss die Verzeihung auch angenommen werden. Oft meinen Menschen, keine Verzeihung annehmen zu können, weil sie sich selber nicht verzeihen können. Selber können wir uns nicht verzeihen, aber wir müssen von einem anderen Menschen die Verzeihung annehmen können, – mag vorgefallen sein was will – dass er uns zugetan bleibt; was eine wahrhaft unverdiente Gnade ist. Und das ist schwer. Viele Menschen vermögen auch in der Absolution Gottes Verzeihung nicht anzunehmen und können nicht absolviert wer- den. Gott hat verziehen – aber sie haben die Absolution trotzdem nicht erhalten.

 

Es ist auch schwer, die Verzeihung unverdient anzunehmen. Es kann demütigend sein. Aber wenn wir besser verstehen lernen, wenn wir zu geben lernen, lernen wir auch zu empfangen. Einer, der sich selbst nicht verzeihen lassen kann, vermag auch selbst niemals zu vergeben. Einer, der nicht annehmen kann, geliebt zu werden, anerkannt zu werden, Hingabe zu empfangen, kann auch seinerseits nicht lieben, anerkennen, Hingabe aufbringen, denn derlei geschieht wechselseitig. Unverdient zu empfangen lernt man in staunender Freude, Demut und Dankbarkeit, mit der wir eine unverdiente Gabe beantworten. Und haben wir das erst entdeckt, können auch wir zu schenken beginnen ohne uns darum dem Empfangenden gegenüber überlegen zu fühlen.

 

Natürlich ist unser Verzeihen nicht Gottes Verzeihen. Doch müssten wir lange warten, bis wir so zu verzeihen vermöchten. Aber wir können damit beginnen zu lernen, uns gegenseitig in all unserer Begrenztheit anzunehmen. Es ist schwer, um Verzeihung zu bitten, es ist auch nicht leicht, zu verzeihen, doch Verzeihung zu verweigern ist ebenfalls schwer.

 

Am Sonntag vor der Großen Fastenzeit, nach dem Verzeihungsgottesdienst, der ein Gottesdienst der Buße und der Hoffnung ist, sollen alle Glieder einer Gemeinschaft einander um Verzeihung bitten. Jahrelang habe ich die Leute ermuntert, einander zu vergeben; dann habe ich beobachtet, wie sie mit Wärme und Enthusiasmus Leute um Verzeihung baten, die sie niemals beleidigt hatten; aber sie bewiesen sehr viel mehr Zurückhaltung bei anderen, von denen sie selber Verzeihung zu erhoffen hatten; und schließlich sah ich sie denen den Rücken kehren, die keinerlei Bedürfnis hatten ihnen zu verzeihen, weil sie sich ihnen gegenüber tatsächlich allzu rüde verhalten hatten. – Da habe ich zunächst verlangt, dass niemand Verzeihung von jemand erbitten sollte, den er nicht darum bitten wollte, – weil er noch zu keinem Frieden mit ihm gefunden hatte. Dann sollten sie sagen: „ich bitte Sie nicht um Verzeihung, weil meine Einstellung sich noch nicht geändert hat. Wenn Sie mir verzeihen ändert das nichts; ich verabscheue Sie und habe die Absicht, Sie auch weiterhin zu verabscheuen.“ Und von denen, deren Verzeihung man erbat, die sie nicht gewähren konnten dass sie antworten sollten: „Ich bin sehr bekümmert, aber mein Herz ist noch zu schwer, ich bin noch zu bitter, ich kann Ihnen noch nicht verzeihen.“

 

Dann aber wurden beide Parteien aufgefordert, sich in der Beichte vor Gott hinzustellen und ihm zu sagen: „Herr, ich erwarte von Dir jetzt Vergebung. Selber Vergebung zu gewähren, verweigere ich. Ich erwarte einen Schritt auf mich zu, lehne es aber selbst ab diesen Schritt zu tun .....“ Jemandem zu sagen, „Ich lehne es ab, zu verzeihen,“ wirkt so erschütternd, dass die Menschen zu denken beginnen. Gesagt zu bekommen, „ich kann dir nicht mit Überzeugung vergeben“ ist ebenfalls erschütternd.

 

Wenn in einer Gemeinschaft der Mut aufgebracht wird, wenigstens so aufrichtig zu sein, dass man es fertig bringt, zu sagen: „Ich bin nicht imstande dir zu verzeihen; das heißt nicht, dass du so schlimm bist, dass ich dir nicht verzeihen könnte, sondern, dass ich so schlimm bin, es nicht fertig zu bringen, dir zu verzeihen“, dann wird derjenige, der nicht verzeiht, Gegenstand der Sorge und der Fürbitte der Gemeinschaft, mehr als der andere, dem die Verzeihung verweigert wird – solange, bis er Verzeihung erbitten kann.

 

Wenn uns ein Mensch begegnet, so ist das niemals ein zufälliges Zusammentreffen. Dieser Mensch muss in unserer Gegenwart, unserm Blick, der Art, wie wir ihn behandeln, der Art, wie wir auf der Straße an ihm vorübergehen, eine Gottesgegenwart, lebendiges Gebet spüren. Jemand kommt, stets ist er mir ein Gesandter des Herrn: ob er mit einer Botschaft kommt oder mit ausgestreckter Hand – wir sind aufgerufen, eine Liebestat zu tun, eine Tat christlicher Liebe.

 

Jeder Umstand, dem wir im Leben begegnen, ist gottgewollt, wir sollen in die Situation eintreten und Gott gegenwärtig machen durch unsere Gegenwart und unser Gebet. Ob ein Leben erfolgreich ist oder nicht macht wenig aus im Hinblick auf das Gebet. Was auch kommen möge, vor jeder neuen Situation können wir bitten: Herr, gib mir Einsicht, gib mir ein Herz, das fähig ist, zu antworten, gibt mir den rechten Willen, sei gegenwärtig in dem was hier geschieht.

 

Wenn ein anderer spricht, können wir ständig beten und den Herrn bitten, uns verstehen zu lehren, nicht nur die Worte, die ausgesprochen werden, sondern das tiefe Bedürfen, die Wirklichkeit, die sich hinter den Worten oftmals verbirgt. Und wenn die Zeit gekommen ist und der andere nicht mehr spricht, kann man so lange schweigen und beten, bis man etwas zu sagen weiß; und wenn einem dann ein Gedanke gekommen ist, der die Klarheit und Gewissheit der Dinge hat, die von Gott kommen, – dann können wir ihn vorbringen und hernach Gott bitten, er möchte für den anderen Menschen bewirken, was wir nicht zu bewirken vermögen, er möchte, wenn wir einen Irrtum begingen, ihn uns verzeihen und ihn heilen, und wenn der Mensch gegangen ist, weiter für ihn beten.

 

Die Art, wie man eine Frage stellt, die Art, wie man zuhört, wie man eine Entfaltung möglich oder unmöglich macht, ist so wesentlich. Einen Menschen, der nichts zu antworten weiß und sich schämt, – mit dem Gefühl zurückzuschicken, völlig versagt zu haben oder doch mit ein wenig Hoffnung und der Freude, jedenfalls als Mensch angenommen worden zu sein.

 

Alles kann im Gebet verankert sein. Man kann lernen, sich der Gegenwart Gottes ständig bewusst zu werden, mit einem klaren, lebendigen Gefühl, ihm zugewandt bleiben; jedoch immer mit voller Aufmerksamkeit; denn es ist vielfach Unaufmerksamkeit, die nach und nach die Wirklichkeit aller Dinge zerstört.

 

 

Aus den Texten der Vesper der Versöhnung

 

 

Stichira der Reue zu Psalm 140

 

Vers: Führe heraus aus dem Kerker meine Seele, damit ich Deinen Namen preise.

 

Mit Tränen will ich abwischen die Tafel meiner Sünden, Herr, und die übrige Zeit meines Lebens durch Reue Dich versöhnen, aber der Feind verführt mich und kämpft um meine Seele; bevor ich völlig verderbe, Herr, rette mich.

 

Vers: Die Gerechten scharen sich um mich, weil Du mir Gutes tust.

 

Nimmt der Schwergeprüfte Zuflucht in diesem Hafen, wird er nicht gerettet? Wenn niederkniet der Leidende vor dieser Praxis, wird er nicht geheilt? Aller Schöpfer und Arzt der Kranken, Herr, bevor ich völlig verderbe, Herr, rette mich.

 

Vers: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr: Herr, erhöre meine Stimme!

 

Wasche mich ab mit meinen Tränen, Retter, denn ich bin beschmutzt mit vielen Sünden. Deshalb fall' ich nieder vor Dir: ich habe gesündigt, erbarme Dich meiner, o Gott.

 

Vers: Wende Dein Ohr mir zu, achte auf die Stimme meines Gebetes!

 

Ein Schaf bin ich Deiner geistlichen Herde und fliehe zu Dir, Du guter Hirte; suche mich, den Verirrten, o Gott, und rette mich.

 

Vers: Würdest Du, Herr, unsere Sünden beachten, o Herr, Herr wer könnte bestehen? Doch bei Dir ist Versöhnung.

 

Durch Enthaltsamkeit lasst uns alle bemüht sein, das Fleisch zu demütigen, indem wir eintreten in die heilige Rennbahn untadeliger Fasten. Und in Gebeten und Tränen lasset uns den Herrn suchen, der uns errettet. Und ganz und gar lasst uns der Bosheit vergessen, rufend: Dir haben wir gesündigt. Errette uns wie einst die Niniviten, Christus, König, und mach uns teilhaft des himmlischen Reiches, Erbarmer.

 

Vers: Um Deines Namens willen harre ich auf Dich, o Herr; meine Seele harret auf Dein Wort; meine Seele hoffte auf den Herrn!

 

Verzweifeln muss ich an mir, wenn ich meine Werke bedenke, o Herr, die aller Strafe wert sind. Denn sieh: verachtet habe ich deine heiligen Gebote, o Heiland. In Ausschweifung habe ich mein Leben vertan. Drum fleh ich dich an: in Strömen der Reue mache mich rein, durch Fasten und Flehn, der du allein erbarmend bist, mache mich licht. Und verachte mich nicht, du aller gnädiger Herr, Überguter.

 

Vers:  Von der Morgenwache bis zur Nacht, von der Morgenwache an hoffe Israel auf den Herrn!

 

Die Zeit der Fasten lasst uns freudig beginnen. Geistigem Wettkampf wollen wir uns weihn. Die Seele entsühnen, läutern das Fleisch. Fasten lasst uns, wie der Speisen, so auch der Leidenschaft uns enthalten, uns mit den Tugenden des Geistes zieren. Wenn wir in ihnen in Liebe beharren, dann mögen wir alle gewürdigt werden, Christi, Gottes allheiliges Leiden und das heilige Pascha zu schaun, frohlockend im Geist.

 

Zu den Aposticha, das folgende des Triodion im 4. Ton

 

Aufgestrahlt ist Deine Gnade, Herr, aufgeleuchtet Deines Angesichtes Licht. Seht, die Zeit der Gnade ist da. Seht, es ist da der Reue Zeit. Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis, uns bekleiden mit des Lichtes Waffen, dass wir, der Fasten großes Meer durchfahrend, gelangen zur Auferstehung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus am dritten Tag, des Retters unserer Seelen.

 

Gebet des Heiligen Ephraim des Syrers

 

Nun sagen wir jeweils einen Vers des folgenden Gebetes des Heiligen Ephraims des Syrers und machen danach jeweils eine große Metanie. Dann folgen 12 mal: "Gott, läutere mich Sünder" mit jeweils einer kleinen Metanie. Dann wird das ganze Gebet wiederholt und am Ende wiederum eine große Metanie gemacht.

 

Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist der Untätigkeit, der Neugierde, der Herrschsucht und Geschwätzigkeit gib mir nicht. (große Metanie)

 

Den Geist der Weisheit, der Demut, der Geduld und der Liebe schenke mir, Deinem Diener.(große Metanie)

 

Ja, mein Herr und König, gib mir die Möglichkeit, meine Sünden zu erkennen sehen nicht meinen Bruder und meine Schwester zu richten, denn Du bist gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. (große Metanie) 

 

 

Der Ritus des gegenseitigen Vergebens in der Vesper am Abend vor dem Beginn der Großen Fastenzeit

 

Am Sonntag der Versöhnung bitten wir einander um Vergebung. Die Versöhnung gibt der Fastenzeit ihren eigentlichen, tiefen inneren Sinn. Deshalb treten wir mit dieser Vergebungsbitte in die Zeit der Großen Fasten ein.

 

Am Ende des Abendgottesdienstes (Vesper) am Sonntag der Versöhnung treten der Priester, der Diakon und die Altardiener vor den Ikonostas. Keiner bleibt im Altarraum zurück. Nun bitte der Priester und der Diakon die Gläubigen um Vergebung. Einer nach dem anderen treten wir nun zum Priester heran. „Vergib mir, ich habe gesündigt!" – so sagen wir zu einander, und die Antwort lautet: „Gott vergibt - vergib auch Du mir und bitte den Herrn für mich!" Dann fallen wir voreinander nieder und machen eine große Verneigung (Proklon/ Metanie), denn aus dem Erdenstaub sind wir genommen und kehren wieder in den Erdenstaub zurück. Darauf folgt ein dreimaliger Kuss wie an Ostern zum Zeichen der brüderlichen Liebe unter den Christen. Nach dem Priester gehen wir zu allen anderen in der Kirche und bitten sie mit dem gleichen Worten und Gesten um Vergebung. Während dieser Zeit werden die Auferstehungs-Stichiren gesungen.

 
Es ist eine gute orthodoxe Tradition, dass wir zu Beginn der Fastenzeit auch alle anderen Menschen um Vergebung bitten, mit denen wir im Konflikt oder Streit stehen. Dies kann heutzutage durchaus auch telefonisch, per E-mail oder Brief geschehen. Im "Vater Unser" beten wir: „…und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…". Deshalb steht die aufrichtige Bitte um Vergebung gleichsam als das Eingangstor zu einer würdigen Fastenzeit vor einem Jeden und einer Jeden von uns.

 

 

Da wir des Herrn Gebote kennen, lasst sie uns auch durch die Taten bekennen: Ernähren laßt uns die Hungernden und tränken die Dürstenden, die Nackten bekleiden, die Fremdlinge bergen, für die Kranken und Gefangenen sorgen, damit auch zu uns sprechen möge, der die Erde richten wird: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, und tretet in das Erbe ein, das Reich, das euch bereitet ist.

 

Idiomelon zur Vesper am Vorabend des 3. Vorfasten-Sonntags (Sonntag der Fleischentsagung oder des Jüngsten Gerichts) 

 

Predigt zum Sonntag der Vergebung

 

 

„Um vergeben zu können geben sich einige große Mühe und kämpfen mit sich, aber einer der Unrecht vergisst, übertrifft sie. Wer schnell vergibt, dem wird auch großzügig vergeben.“ 

 

Hl. Johannes von der Leiter (Klimakos) 

 

Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“. 

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen.

 

Heute ist der Sonntag der Vergebung, der letzte Tag vor dem Beginn der Großen Fastenzeit. An diesem Tag bitten wir ernsthaft und aus tiefstem Herzen bei unseren Verwandten und orthodoxen Freunden um Vergebung, damit wir in diese heilige und geheiligte Zeit reinen Herzens, Geistes und Gewissens eintreten können. Ich sage nicht viel über das Evangelium (Mt 6,14-21), das wir heute morgen über Vergebung gehört haben – es spricht für sich selbst – auch nicht darüber, wie wichtig Vergebung im Leben eines jeden und aller ist, die Christus folgen – ohne sie gibt es kein spirituelles Leben. Das ist so grundlegend, dass ich mich gleich einem der wichtigsten Themen der Fastenzeit zuwende, nämlich der Buße und dass wir alle unser Kreuz tragen müssen. 

 

Die Art und Weise wie unser Herr Seine Jünger zu sich holte war geprägt von Offenheit, Lauterkeit, ja Direktheit. Er versuchte Seine Jünger nicht durch das Versprechen von Reichtum, irdischem Ruhm oder Glück auf Erden zu gewinnen. Im Gegenteil, er sagte ihnen klar was er von ihnen erwartete, dass sie aufgaben und was sie erleiden würden, wenn sie Ihm folgen wollten: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mk 8,34; Mt 16,24; Lk 9,23). Dies muss überraschend gewesen sein für alle, die sich für Jesus interessierten. Es war nach heutigen Standards keinesfalls „gute PR“, wie es im Gegensatz dazu die meisten TV-Evangelisten machen, die ihren Anhängern alles mögliche versprechen, wenn sie nur Geld spenden. Oder andere Prediger und Priester, die ganz im Allgemeinen bleiben und Wohlgefühl verbreiten. Aber der Erlöser des Menschen sagte etwas ganz anderes. Er sagte: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Da die Fastenzeit uns zum Kalvarienberg und zum Kreuz führt, aber auch zur Auferstehung, ist es gut in dieser heiligen Zeit näher auf das Kreuz einzugehen. 

 

Die Bedingung – unser Kreuz zu tragen – wird mehr noch von denen gefordert, die die Fülle der Wahrheit besitzen, das ist die Kirche. Wir müssen Christus willig und mutig folgen, wohin auch immer Er uns führt, nicht nur auf saftige Weiden, nicht nur zur Eucharistie, dem Abendmahl, bei dem wir an Seinem heiligen Leib und Seinem Blut teilhaben und an Seiner Gnade, wo wir die Tröstungen Seiner Gegenwart und Seine Liebe spüren, sondern auch auf die mühsame und schmerzliche Reise mit Seinem Leiden und Seiner Erniedrigung.

 

Dies ist eines von den Dingen, über die wir während der Zeit des Fastens und der Buße nachdenken sollten. Wir müssen bereit sein, wenn wir dazu aufgerufen werden, bei Ihm am Fuß des Kreuzes zu stehen, mit seiner klagenden Mutter und Seinem geliebten Jünger und den anderen frommen Frauen von Jerusalem. Nur wenn wir so dem göttlichen Meister folgen, sind wir wert, Christen genannt zu werden, denn der Hl. Paulus sagt uns: „Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt“ (Gal 5,24). 

 

Warum müssen wir ein Kreuz tragen? Mit anderen Worten, warum müssen wir Leiden, Trauer, Schmerz aller Art ertragen – körperlich, geistig und emotional?

 

Als Anhänger Christi ist es mir beschieden mein Kreuz im Leben zu tragen nicht nur in der Nachfolge Christi, sondern auch weil ich ein Sünder bin. Diese Kreuze, diese Leiden im Leben haben einen Wert, im Gegensatz zu dem, was unsere Gesellschaft, unsere Kultur sagt. Kreuze helfen mit unsere gefallene menschliche Natur zu schwächen und unsere geistigen Kräfte zu stärken, um so die Gelegenheiten zur Versuchung wegzuräumen. Wie der Hl. Paulus in seiner Epistel an die Rö- mer schreibt: „Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die (sündigen) Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben“ (Röm 8,13). 

 

Wir müssen also gewisse Dinge in uns töten, mit anderen Worten, wir müssen uns besser beherrschen, besonders unsere Leidenschaften, sowohl des Leibes als des Geistes. Wie der große alte Römer Cicero sagte, müssen wir „die Leidenschaften der Vernunft gefügig machen“ – eine recht höfliche Art zu sagen, dass wir uns dem Gesetz Christi, dem Gesetz des Kreuzes unterwerfen müssen. 

 

Wir leben in einer Zeit und in einer Welt, in der Selbstsucht und Befriedigung des eigenen Ego und sinnliche Freuden der einen oder anderen Art das Gesetz zu sein scheint, nicht aber das Gesetz des Kreuzes. Alles dreht sich nur um „mich“. Nicht umsonst wurde es die „Ich-Generation“ genannt. Aber durch Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung können wir uns über den Eigennutz erheben, über unser persönliches Vergnügen, unser persönliches Wohlbefinden oder unsere eigene Zufriedenheit. Es gibt Leute, die diese Selbstverleugnung ausüben, manchmal in hohem Maße, aber aus selbstsüchtigen Gründen: Ernährung, körperliche Fitness, Teilnahme an harten Sportarten usw. Der Hl. Paulus sagt, dass solche Leute das tun, um einen „vergänglichen Siegeskranz“ zu gewinnen, einen Preis, der mit dem Tod des Leibes zu Staub und Asche zerfällt. „Wir“ aber, sagt er, tragen unsere Kreuze und üben Selbstverleugnung um einen „unvergänglichen“ Siegeskranz zu erhalten (1Kor 9,25). Dieser „unvergängliche Siegeskranz“ ist die Krone der Demut. Diese Krone trug unser Herr während Seines Leidens: eine Dornenkrone. Diese Krone zu tragen ist sehr schmerzhaft und man blutet aus den Wunden, aber das braucht man, um Demut zu erwerben.

 

Wir sollten uns also in dieser Fastenzeit daran erinnern – besonders in der ersten Woche mit ihrem großen Nachdruck auf Buße, durch das Hören oder Lesen des Großen Kanons des Hl. Andreas von Kreta – dass wir die meiste Zeit unseres Lebens wie ein aufgewühltes Meer gelebt haben, das nicht ruhen und rasten kann, belastet mit unseren Haltungen, Meinungen, Urteilen, Klagen und einem Mangel an Liebe zu anderen. Wir müssen uns bewusst werden, dass das Herz eines wahrhaft demütigen Menschen völlig zufrieden ist in seiner Demut, „würdig in niederem Stand“ (Jak 1,9). Dadurch kommen wir zu einer ruhigen, friedvollen und geistlich ergiebigen Fastenzeit, und machen uns immer mehr frei von Eigenliebe, Aufregung und Unruhe. Wir werden im Schatten des Kreuzes jeden Kummer und jede Demü- tigung hinnehmen, ja versuchen sie anzunehmen, und wir werden die Mittel zur Selbstverleugnung, die die Heilige Kirche uns in dieser Zeit bietet nutzen und uns jeden Tag an die strengen Worte unseres Herr erinnern: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

 

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen.

 

Quelle: http://sgpm.goarch.org/Monastery