Die orthodoxe Weihnachtsfastenzeit

 

Warum fasten wir noch?

 

Gedanken zum Sinn des Fastens anlässlich der Weihnachtsfastenzeit

 

von Erzpriester John Breck

 

Vater John Breck (geboren 1939) ist Erzpriester und Theologe der Orthodoxen Kirche in Nordamerika. Von 1984 bis 1996 war er Professor für Neues Testamen und Ethik am St. Vladimir’s Seminary in Crestwood, New York, USA. Danach lehrte er biblische Exegese am Stainte-Serge-Institute in Paris. Seit 1995 ist er Leiter der Saint-Silouan-Retreat, eines seelsorgerlich-geistlichen Rüstzentrums auf der Wadmalaw-Insel bei Charleston, South Carolina, USA.

 

Die meisten Christen haben die überkommene Fastenpraxis aufgegeben. In den heutigen westlichen Gesellschaften scheint sie mühsam und unwesentlich. Für diejenigen aber, die ihre eschatologische und sakramentale Bedeutung schätzen, ist sie so wesentlich wie Essen und Trinken.

 

Warum aber fasten die orthodoxen Christen?

 

Für die meisten ist das Leben schon herausfordernd genug ohne selbstauferlegte Schranken für das, was wir an gewissen Wochentagen und während langer Perioden des Kirchenjahres essen, trinken und tun.

 

Sorgt sich Gott wirklich darum ob wir freitags Fleisch essen oder den Kühlschrank während der Fastenzeit von Milchprodukten befreien?

 

Ist das wirklich wichtig?

 

Zusätzlich zu Fragen dieser Art haben manche noch Bedenken wegen der Scheinheiligkeit, die das Fasten manchmal begleitet. Wir weigern uns aus spirituellen Gründen manche Lebensmittel zu essen, tun aber wenig oder gar nichts dafür, unser Verhalten gegenüber anderen zu ändern. Eine mit der Fastenzeit verbundene Klage (sowohl dem heiligen Basilios dem Großen wie dem heiligen Johannes Chrysostomos zugeschrieben) fasst das mit erschreckender Genauigkeit zusammen: „Du enthältst dich der Fleischspeise – und verschlingst deinen Bruder!“

 

Für den Heiligen Johannes vom Sinai aber liegt die wirkliche spirituelle Gefahr im übermäßigen Genuss. „Gefräßigkeit,“ sagt er, „ist eine Verstellung des Magens ... Wenn wir nachforschen, werden wir herausfinden, dass unsere Schiffbrüche ausschließlich vom Bauch herrühren!“

 

Diese Erkenntnis findet sich im ganzen asketischen Schrifttum der Kirche, sowohl für die Mönche wie für die Laien. Der heilige Johannes Cassianus erklärt den Zweck des Fastens ganz einfach. Es dient dazu, sagt er, „Überessen und das Füllen unseres Bauchs zu vermeiden.“ Und er fügt hinzu: „Nahrung muss man nehmen, sofern sie unser Leben erhält, aber nicht in dem Maße, dass sie uns dem Drängen unserer Wünsche versklavt. Bescheiden und vernünftig essen soll den Körper gesund erhalten und ihn nicht der Heiligkeit berauben.“

 

 

Diese Bemerkungen gründen auf der pastoralen Erfahrung der Väter, doch die Absicht dahinter wurzelt in biblischen Mahnungen wie die des Apostels Paulus: „... sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen“ (Römer 13,14).

 

Die asketische Tradition der Alten Kirche kennt mehrere Gründe für das Fasten. Richtiges Fasten reinigt den Körper von Giften, es erleichtert das Gebet, es hilft verschiedene Leidenschaften und Versuchungen zu beherrschen, und es hilft Solidarität mit den Armen zu fühlen. Diese Tradition aber besteht auf einem Zugang zum Fasten, der heute oft vergessen wird: Ausgewogenheit und Maßhalten. Wir können uns zwanghaftes „Etikettenlesen“ auferlegen, nur um sicher zu sein, dass das, was wir im Laden kaufen auch nicht eine Spur von Milch enthält; wir können hungern bis unsere Gesundheit in Gefahr ist; wir können uns hämisch freuen über unseren „Erfolg“ und die weniger Eifrigen unter uns verurteilen. Das alles macht die Fastendisziplin zu einer Farce.

 

 

Viele, die Mitglied der Orthodoxen Kirche werden, stehen vor einem Dilemma, wenn sie nach Hause kommen oder von Nicht- Orthodoxen eingeladen werden, die unsere Fastenpraxis nicht kennen oder sich nicht darum scheren. In diesen Fällen ist Ausgewogenheit und Maßhalten besonders gefragt. Um Stolz auf unser Fasten zu vermeiden, ist es gesund und vernünftig, das Gebot zur richtigen Zeit zu lockern. „Durch die Lockerung unserer gewöhnlichen Praxis,“ rät der heilige Diodokus von Photiki, „können wir das Geheimnis unserer Selbstbeherrschung verborgen halten.“ Wenn wir in Gefahr sind andere mit unserem Fasten zu beleidigen, ist der Rat des heiligen Pauls eine gesunde Daumenregel: „... esst, was euch vorgesetzt wird“ (1. Korinther 10:27).

 

Doch beantwortet ein solcher Rat nicht die Frage, warum wir gerufen – eingeladen – sind, Fastenregeln zu akzeptieren, sei es eine totale Abstinenz für kurze Zeit oder eingeschränkte Nahrung während längerer Fastenzeiten.

 

Evagrios Pontikos, ein georgischer Mönch, der im Jahre 399 in der Abgeschiedenheit der ägyptischen Wüste starb, beschreibt wohl die richtigen Gründe, warum das Fasten im christlichen Leben so wichtig war. „Faste vor den Herrn nach deinem Vermögen,“ rät er, denn damit wirst du von deinen Lastern und Sünden gereinigt; es erhöht die Seele, heiligt den Geist, treibt Dämonen aus und bereitet dich auf die Gegenwart Gottes vor ... Sich der Nahrung zu enthalten sollte alsdann deine eigene Wahl sein und asketische Mühe“.

 

 

Elias der Presbyter, ein Priestermönch des 11./12. Jahrhunderts, verdeutlicht dieses Ziel mit dem Bild des kommenden Reiches. Wer Fasten und das unablässige Gebet praktiziert, „das eine zusammen mit dem anderen, wird sein Ziel, die Stadt aus der ‚Kummer und Seufzen entfliehen’ (Jesaja 35:10 (Text der Septuginta (griechischen alten Testamentes (LXX)) erreichen.“

 

Fasten ist nur sinnvoll sofern es in Beziehung auf das Reich Gottes gehalten wird. Wenn es auch dazu dienen mag den Leib zu entgiften und uns hilft unsere Versuchungen zu Völlerei und Genusssucht in den Griff zu bekommen, rechtfertigt dies keineswegs ihre Strenge. Die Fastendisziplin hat nur einen grundlegenden Zweck: uns auf das folgende Fest vorzubereiten.

 

Wir enthalten uns völlig des Essens bevor wir die Heilige Kommunion empfangen, nicht nur um den Bauch zu leeren, sondern um Hunger für die wahre Eucharistie zu schaffen, das Himmlische Mahl, das für uns bereitet wurde vor der Erschaffung der Welt.

 

Das gleiche gilt für die langen Fastenzeiten unseres Kirchenjahres. Sie helfen sehr bei der lebenswichtigen Aufgabe die „Zeit zu heiligen“, Herz und Geist der überweltlichen Wirklichkeit und dem Versprechen der erfüllten Hoffnung zu öffnen.

 

 

Das Fasten hat seine wahre Grundlage im gesamten sakramentalen Leben der Kirche, das den Gläubigen nährt und zum ewigen Leben, zu Freude und Frieden im Himmelreich führt. Es erhebt uns über die täglichen Sorgen unserer irdischen Existenz, um uns fest auf die Flugbahn zu setzen, die uns von diesem Leben ins nächste bringt.

 

Fasten ist kein Sakrament im strikten Sinne, aber es ist zu tiefst „sakramental“. Sakramental und eschatologisch, weil es unser gegenwärtiges Leben und unser Tun heiligt, unser Gebet – das persönliche wie das gemeinschaftliche – vertieft und verstärkt, und in unserem innersten Sein einen entscheidenden Durst nach dem versprochenen Mahl schafft, dem kommenden ewigen Fest.

 

Fasten ist die Mahnung, dass der Weg zur Herrlichkeit der Weg des Kreuzes ist. Fasten mag kleinere Unannehmlichkeiten auferlegen: unseren Drang nach sofortiger Befriedigung enttäuschen und uns schmerzlich daran erinnern, wie viele der Menschen dieser Erde jede Nacht hungrig zu Bett gehen. Aber das alles hat sein Gutes. Denn diese Unannehmlichkeiten führen den Leib, den Geist und die Seele zu dem was wirklich wichtig ist: zum himmlischen Jerusalem in dem die Seele erhöht wird, der Geist geheiligt und die Dämonen besiegt, und wir alle auf ewig in der Gegenwart Gottes weilen.

 

 

Das Philippus-Fasten

oder die Weihnachtsfastenzeit

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Als „Philippus-Fasten“ oder „Weihnachtsfastenzeit“ bezeichnet man die 40-tägige (=  sechswöchige) Fastenzeit vor Weihnachten.

 

In der Zeit der noch ungeteilten Kirche war auch die Adventszeit bei den abendländischen Christen eine solche vorweihnachtliche Fastenzeit. Das Adventsfasten im römischen Patriarchat folgte jedoch nicht ganz so strengen Regeln wie in den übrigen orthodoxen Patriarchaten im Osten der Christenheit. So war damals den Christen im Abendland der Verzehr von Fisch, Eiern und Milchprodukten in der vorweihnachtlichen Fastenzeit erlaubt. Mit diesen unterschiedlichen Fastenregeln Im Osten und im Westen der damals noch geeinten Kirche erklären sich die heutigen unterschiedlichen Traditionen der Vorweihnachtszeit. Hierher rührt sowohl das besondere Adventsgebäck, als auch die westliche Tradition, am Vorabend des Weihnachtsfestes (24. Dezember) Karpfen zu essen. Im Abendland endete der Fleischgenuss damals mit dem Fest des Heiligen Martin Bischofs von Tours am 11. November. Der Brauch der Martinsgans, die man vielerorts zum Martinsfest verzehrt, basiert darauf, dass im fränkischen Reich der Martinstag zugleich der Tag war, an dem  das neue Wirtschaftsjahr der Bauern begann. Zu Martini wurde auch das Vieh geschlachtet, das wegen der knappen Vorräte im Mittelalter nicht den ganzen Winter hindurch gefüttert werden konnte. Dazu gehörten die Gänse. So entstand der heutige abendländische Brauch, am Martinstag Gänsebraten zu essen. Mit dem 12. November begann dann das sechs Wochen dauernde Adventsfasten. Bereits im Mittelalter wurde die Adventszeit dann verkürzt, so dass die vorweihnachts- oder Adventszeit heute nur noch vier Wochen dauert. Das Wort „Advent“ kommt von „Adventus Domini“ und bezeichnet die „Ankunft des Herrn“, die Geburt unseres Erlösers Jesus Christus an Weihnachten. Ab dem 12. November wurde dann bis zum Vorabend des ersten Weihnachtstages (24. Dezember) auch im Westen der Christenheit gefastet.

 

Die orthodoxe Kirche folgt noch heute den althergebrachten Fastenregeln in den östlichen Patriarchaten. Die Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest beginnt am 15. November. Dies ist der Tag nach dem Gedenktag des heiligen Apostels Philippus am 14. November. Die Weihnachtsfastenzeit in der orthodoxen Kirche dauert vom 15. November bis zum Vorabend des ersten Weihnachtstages (24. Dezember). Dabei ist aber zu beachten, dass sich der kalendarische Zeitpunkt des Weihnachtstages sich nach dem gebräuchlichen Kirchenkalender in den verschiedenen orthodoxen Lokalkirchen richtet. So dauert nach den Daten des modernen, bürgerlichen Kalenders die Weihnachtsfastenzeit bei den „Neukalendariern“ vom 15. November bis 24. Dezember, bei den „Altkalendariern“ jedoch vom 28. November bis 6. Januar.

 

Die Weihnachtsfastenzeit endet mit dem Nachtgottesdienst am Heiligen Abend, der liturgisch bereits zum ersten Weihnachtsfeiertag gehört. Der Vorabend des Weihnachtsfestes ist genau wie der Vorabend der Theophaniefestes (Taufe Christi) ein strenger Fastttag. Dieses strenge Fasten ist eigentlich ein eucharistisches Fasten, denn die erste Festliturgie wird an diesen beiden Festen jeweils mit der Vecernja (Vesper) verbunden gefeiert. Deshalb sagt der Volksmund: „ Das Weihnachtsfasten endet, wenn der erste Stern des Heiligen Abends am Himmel zu sehen ist“. Das Philippus-Fasten wird in den kirchlichen Büchern seit dem vierten Jahrhundert erwähnt. In seiner heutigen Ausprägung exestiert es seit dem 12. Jahrhundert.

 

Mit dem Weihnachtsfasten bereitet sich die orthodoxen Gläubigen in würdiger Weise auf die Feier des Mysterions der Geburt unseres Erlösers vor. Das Fasten in der Vorweihnachtszeit dient dazu, die gesamte menschliche Person mit Körper, Geist und Seele ganz auf die Begegnung mit Gott im Glaubensgeheimnis der Menschwerdung des Erlösers und Seiner Geburt in Bethlehem auszurichten. Deswegen ist jede der vier orthodoxen Fastenzeiten niemals nur eine Zeit des Verzichts auf Nahrungsmitteln, sondern eine Zeit der geistlichen Reinigung und seelischen Reifung. Deshalb konzentrieren die Gläubigen ihre Lebensvollzüge verstärkt auf das geistliche Leben. Sie versuchen in dieser Zeit, öfters in die Kirche, zur Beichte, zur Kommunion zu gehen, ihr Gebetsleben zu verstärken und geistliche Literatur wie die Heilige Schrift, die Schriften der heiligen Väter und das Leben der Heiligen zu lesen. Der tiefere Sinn der Fastenzeit liegt nicht allein im körperlichen Fasten, sondern in einer damit verbunden geistlichen Erneuerung. Es geht um eine Neuausrichtung des gesamten Lebens durch eine Verbesserung und Veränderung der eigener Gedanken, Wörter und Taten zum Guten hin. Deshalb sind echte Reue und wirkliche Umkehr, das verstärkte Gebet, die konsequente Einübung in die Tugenden und die sie begleitende Enthaltsamkeit notwendig, damit ein Gott wohlgefälliges Fasten im Leben des einzelnen orthodoxen Christen entstehen kann.

 

Folgende Gedenktage fallen in diese Fastenzeit: Heiliger Evangelist und Apostel Matthäus (16. November), Einzug der allheiligen Gottesgebärerin in den Tempel (21. November), Heiliger Apostel Andreas (30. November), Heilige Großmärtyrerin Barbara (04. Dezember), Heiliger Erzbischof Nikolaus von Myra (06. Dezember), Heiliger Bischof Spyridon von Trimythunt und Heiliger German von Alaska (12. Dezember) und die Heiligen Märtyrer Eustratius, Auxentius, Eugen, Mardarius und Orest (13. Dezember).

 

In den Verlauf der vorweihnachtlichen Fastenzeit fallen mehrere Gedenktage, an denen wir uns an die heiligen Propheten des Alten Bundes erinnert, die die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus vorherverkündet haben: Obadja (19. November), Nahum (01. Dezember), Habakuk (02. Dezember), Zefanja (03. Dezember), Haggai (16. Dezember), Daniel und die drei heiligen Jünglinge Ananias, Azarias und Misael im Feuerofen (17.Dezember).

 

Die letzten beiden Sonntage vor Weihnachten haben jeweils einen besonderen Charakter: der zweite Sonntag vor Weihnachten ist der Sonntag, an dem wir aller alttestamentlichen Heiligen gedenken und am letzten Sonntag vor Weihnachten gedenken wir der heiligen Vorväter, also der Vorfahren unseres Erlösers Jesus Christus bis zu unserem Stammvater Adam.

 

 

Das orthodoxe Weihnachtsfasten und die westliche Adventszeit

 

 

Handout zur Gemeindekateches in Balingen im Dezember 2017

 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Für uns orthodoxe Christen beginnt die Vorbereitung auf das Fest der Geburt Christi (am 25. Dezember) mit einer Vorbereitungszeit, dem Philippus- oder Weihnachtsfasten. Bereits vierzig Tage vor dem Weihnachtsfest treten wir geistlich in die Zeit des Weihnachtsfastens ein. Als Menschen, die aus einer Einheit aus Geist, Seele und Leib bestehen, brauchen wir jeweils – damit wir in der rechten geistlichen Haltung an den Gedächtnisfeiern der großen Heilstaten Gottes teilnehmen - eine besondere Zeit der seelischen, geistlichen und körperlichen Hinführung. Die vier Fastenzeiten sind solche Zeiträume der geistlichen Hinführung im kirchlichen Jahreslauf, während derer wir uns auf das jeweils kommende Festgeheimnis einstimmen können. Wir bereiten uns in dieser Zeit geistlich und leiblich angemessen darauf vor, uns der spirituellen Wirklichkeit des jeweiligen Festes annähern zu können. So bereiten wir uns durch die Weihnachtsfasten darauf vor, dass wir mit den geistlich gereinigtem Augen unserer Herzen und Seelen das große Glaubensgeheimnis des Kommens unseres Herrn und Erlösers und Gottes Jesus Christus dem Fleische in die Geburtshöhle in Bethlehem zu erblicken vermögen und an der hieraus kommenden echten Weihnachtsfreude teilhaben können.

 

Die Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest beginnt am 15. November. Dies ist der Tag nach dem Gedenktag des heiligen Apostels Philippus. Deshalb wird die Fastenzeit auch „Philippus-Fasten“ genannt. Die Weihnachtsfastenzeit in der orthodoxen Kirche dauert vom 15. November bis zum Vorabend des ersten Weihnachtstages (24. Dezember).

 

 

Die orthodoxe Kirche bereitet sich auf die Feier des Weihnachtsfestes bis heute mit den althergebrachten Regeln der östlichen Christenheit vor.

 

Dabei ist aber jeweils zu beachten, dass sich der kalendarische Zeitpunkt des Weihnachtstages nach dem gebräuchlichen Kirchenkalender in den verschiedenen orthodoxen Lokalkirchen richtet. So dauert nach den Daten des modernen, bürgerlichen Kalenders die Weihnachtsfastenzeit bei den „Neukalendariern“ vom 15. November bis 24. Dezember, bei den „Altkalendariern“ jedoch vom 28. November bis 6. Januar. Aber auch die „Altkalendarier“ (wie die russische Kirche) feiern Weihnachten nicht am 07. Januar, sondern am 25. Dezember des kirchlichen Kalenders, der dem 07. Januar des bürgerlichen Kalenders entspricht.

 

In der Zeit der noch ungeteilten Kirche war auch die Adventszeit bei unseren abendländischen Mitchristen eine vorweihnachtliche Fastenzeit. Das Adventsfasten im römischen Patriarchat folgte jedoch nicht ganz so strengen Regeln wie in den übrigen Patriarchaten im Osten der orthodoxen Christenheit. So war damals den Christen im Abendland der Verzehr von Fisch, Eiern und Milchprodukten in der vorweihnachtlichen Fastenzeit erlaubt. Mit diesen Fastenregeln im Osten und im Westen der damals noch unterschiedlichen geeinten Kirche erklären sich die heutigen unterschiedlichen Traditionen der Vorweihnachtszeit. Hierher rührt sowohl das besondere Adventsgebäck, als auch die westliche Tradition, am Vorabend des Weihnachtsfestes (24. Dezember) Karpfen zu essen. Im Abendland endete der Fleischgenuss damals mit dem Fest des Heiligen Martin Bischofs von Tours am 11. November. Mit dem 12. November begann dann das sechs Wochen dauernde Adventsfasten. Bereits im Mittelalter wurde die Adventszeit dann verkürzt, so dass die Vorweihnachts- oder Adventszeit bei den abendländischen Christen heute nur noch vier Wochen dauert. Das Wort „Advent“ kommt von „Adventus Domini“ und bezeichnet die „Ankunft des Herrn“, also die Geburt unseres Erlösers Jesus Christus an Weihnachten.

 

Die orthodoxe Weihnachtsfastenzeit endet erst mit dem ganznächtlichen Gottesdienst am Heiligen Abend, der liturgisch bereits zum ersten Weihnachtsfeiertag gehört. Der Vorabend des Weihnachtsfestes ist ein strenger Fasttag. Dieses strenge Fasten ist eigentlich ein eucharistisches Fasten, denn die erste Festliturgie des Weihnachtsfestes wird jeweils mit der Vecernja (Vesper) verbunden gefeiert. Deshalb sagt der russische Volksmund: „Das Weihnachtsfasten endet, wenn am Heiligen Abend der erste Stern am Himmel zu sehen ist“. Das Weihnachtsfasten wird in den kirchlichen Büchern seit dem vierten Jahrhundert erwähnt. In seiner heutigen Ausprägung existiert es seit dem 12. Jahrhundert.

 

Folgende Gedenktage fallen in diese Fastenzeit: Heiliger Evangelist und Apostel Matthäus (16. November), Einzug der allheiligen Gottesgebärerin in den Tempel (21. November), Heiliger Apostel Andreas (30. November), Heilige Großmärtyrerin Barbara (04. Dezember), Heiliger Erzbischof Nikolaus von Myra (06. Dezember), Heiliger Bischof Spyridon von Trimythunt und Heiliger German von Alaska (12. Dezember) und die Heiligen Märtyrer Eustratius, Auxentius, Eugen, Mardarius und Orest (13. Dezember).

 

 

In den Verlauf der vorweihnachtlichen Fastenzeit fallen mehrere Gedenktage, an denen wir uns an die heiligen Propheten des Alten Bundes erinnert, die die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus vorherverkündet haben: Obadja (19. November), Nahum (01. Dezember), Habakuk (02. Dezember), Zefanja (03. Dezember), Haggai (16. Dezember), Daniel und die drei heiligen Jünglinge Ananias, Azarias und Misael im Feuerofen (17.Dezember).

 

Die beiden letzten Sonntage vor dem Fest der Geburt Christi haben jeweils einen ganz besonderen Charakter und sind der Erinnerung aller alttestamentlichen Heiligen gewidmet, welche durch den Glauben an den kommenden Heiland erlöst wurden. Der erste von diesen beiden Sonntagen heißt: „Sonntag der Ahnen oder Vorväter“ und ist der Erinnerung an die heiligen Patriarchen von Adam bis auf Joseph, dem Bräutigam der heiligen Immerjungfrau Maria und an die heiligen Propheten, von Samuel bis auf Johannes den Täufer, gewidmet. Der zweite dieser beiden Sonntage heißt: „Sonntag der heiligen Väter“. Er ist dem Gedächtnis der leiblichen Vorfahren unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus gewidmet. Im Gottesdienst wird uns dann der Stammbaum Christi aus dem Matthäusevangelium vorgelesen.

 

Diese beiden vorweihnachtlichen Sonntage, weisen uns geistlich darauf hin, dass unser Herr und Erlöser Jesus Christus genau zu dem Zeitpunkt zu unserem Heil geboren wurde, als „die Zeit erfüllt war“ (vgl.: Galater 4:4), das heißt, dass die Menschen eine lange Zeit der Vorbereitung gebraucht haben, um dem Kommen des menschgewordenen Gottes innerlich begegnen zu können. Gott bietet uns Sein Heil an, jedoch kommt das Heil nicht ohne die Synergeia, das Mitwirken des Menschen, zu uns. So hatte Gott Jahrtausende gewartet, bis Ihm ein Mensch auf Erden sagen konnte: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ So ist das freiwillige „Ja“ der  allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria zur Inkarnation des Gottessohnes aus ihrem allreinen Leibe das Ziel jener Jahrtausende langen Vorbereitungszeit, die sich in der Genealogie des Herrn abbildet.

 

Aber auch das Heil jedes einzelnen Menschen beginnt mit jener Inkarnation des Gottessohnes aus der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria. Denn die leibliche Geburt des Sohnes Gottes aus der allheiligen Immerjungfrau ist auf geistlich-reale Weise zugleich der Anfang der mystischen Gottesgeburt im Herzen eines jeden Menschen, der sich geistlich dafür öffnet und den Willen Gottes tut. Somit ist das Geheimnis der Geburt Christi zugleich auch die Grundlage der geistlichen Entwicklung und Vervollkommnung eines jeden Menschen, der nach der lebendigen Gemeinschaft mit Gott, die die Heiligen Väter die Vergöttlichung nennen, strebt. Dies wird im Namen „Jesus“ deutlich, der dem in Bethlehem geboren Kind gegeben wird: Dieser Name bedeutet übersetzt „Gott errettet“ oder „Gott ist mit uns“. Der zu unserem Heil leibhaft in unsere Welt gekommene Sohn Gottes errettet all jene, die an Ihn glauben.

 

Um diesem Glaubensgeheimnis geistlich in rechter Weise begegnen zu können, bedürfen wir Menschen einer längeren Zeit der inneren Vorbereitung. Durch die vorweihnachtliche Fastenzeit hilft uns Gott, damit wir  diesem Fest auf innerlich-geistliche Weise begegnen können.

 

Die Fastenzeit, die uns auf das Weihnachtsfest vorbereitet, ist nicht so intensiv liturgisch durchgestaltet, wie es für die Große Fastenzeit vor Ostern so typisch ist. Das Weihnachtsfasten ist also eher „asketischer“ als „liturgischer“ Natur. Trotzdem spiegelt sich auch die weihnachtliche Fastenzeit im Leben der Kirche in einer Reihe besonderer, liturgischer Zeichen, die das kommende Fest für uns ankündigen.

 

 

So leuchtet während der 40 Tage der adventlichen Vorbereitung bereits das große geistliche Thema der kommenden Geburt unseres Heilandes allmählich in unseren Gottesdiensten auf. Wenn auch noch nicht ganz zu Beginn der Fastenzeit am 15. November, so hören wir doch bereits fünf Tage später, am Vorabend des Festes des Einzugs der allheiligen Gottesgebärerin in den Tempel, die an uns danach wieder und wieder ergehende Aufforderung des Weihnachtskanons: „Christus ist geboren, verherrlicht IHN!“ Christus steigt von den Himmeln herab, heißt IHN willkommen! Christus ist jetzt auf der Erde, freut euch! Singt dem Herrn alle Welt und preist ihn, alle Menschen, denn Er wurde erhöht!“ Bei diesen Worten verändert sich etwas in den Herzen der Menschen. Nicht nur bei uns gläubigen Christen, sondern oft auch bei vielen unserer heute so entkirchlichten und säkularisierten Mitmenschen wird in dieser vorweihnachtlichen Zeit das Herz mit einer großen seelische Hoffnung erfüllt. Wir können daran erkennen, welch große, oft uneingestandene Erwartung nach dem Kommen des Christus-Emanuel, des Heilandes und Erretters die Herzen aller Menschen erfüllt.

 

Unsere heilige orthodoxe Kirche lädt uns mit der Weihnachtsfastenzeit und ihren Gottesdiensten ein, uns dieser Ankunft Gottes zu öffnen. Mit dem erklingen des Weihnachtskanons können wir - noch  ganz weit weg -das erste Licht der größtmöglichen Freude wahrnehmen. Gleich den Weisen aus dem Morgenland folgen wir dem Stern von Bethlehem. Auch wir ziehen durch die Weihnachtsfastenzeit geistlich dem Sterne nach, der uns zur Ankunft Christi in dieser Seiner Welt hinführen will. Mit den Worten des Hymnus: „Christus ist geboren, verherrlicht IHN!“ Christus steigt von den Himmeln herab, heißt IHN willkommen! Christus ist jetzt auf der Erde, freut euch!“ verändert sich etwas in unserem Leben, in der Atmosphäre unserer Empfindungen, in der ganzen Stimmung des Lebens.

 

Die Gottesdienste der Kirche, aber auch die uns umgebenden Lieder unserer abendländischen Mitchristen, die diese vorweihnachtliche Zeit erfüllen, rufen uns das Kommen Christi zu.  Sie „verkünden uns große Freude“, denn uns wird „Christus der Herr geboren werden, in der Stadt Davids“. Jetzt kommt die Zeit der großen Freude über die Menschwerdung Christi, unseres Gottes, Sein Eintritt in die Welt zu unser aller Erlösung, heran.

 

Mit der ganzen materiellen und geistigen Schöpfung preisen und verehren wir als orthodoxe Christen den Hervorgang des Sohnes und Wortes Gottes aus der allheiligen Immerjungfrau und Gottesgebärerin Maria. Denn in Christus-Emanuel, dem Kind, das in Bethlehem zu unserem Heil geboren wird, begegnen wir dem menschgewordenen Sohn Gottes, unserem Licht und Heil, dem Beschützer unseres Lebens. So beugen wir mit den heiligen drei weisen Magiern die Knie unserer Herzen und jubeln zusammen mit den heiligen Propheten David, dem Sänger der Psalmen: „Vor wem sollten wir uns fürchten?“ (vgl. Psalm 26:1 LXX). Als gläubige Christen bekennen wir am Weihnachtstag: “Heute ist uns der Heiland geboren” (Lukas 2:11), “der Herr der Mächte und König der Herrlichkeit” (Psalm 23:10 LXX). Deshalb grüßen wir uns in der russischen Tradition am Weihnachtsfest mit den Worten: „Christus ist geboren! Verherrlicht IHN!“

 

Bei dieser lichten Feier gehen uns die heiligen Engel voran mit dem Lobpreis, indem auch wir in der Christnacht mit einstimmen werden: “Ehre sei Gott in den Höhen und Friede auf Erden, bei den Menschen Wohlgefallen!”